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„Das Desaster verpflichtet uns“

Die italienische Regierung macht nach dem Einsturz der Autobahnbrücke in Genua ernst und entzieht dem Betreiber Autostrade per l’Italia die Konzession. Ministerpräsident Giuseppe Conte sagte am Freitag, das Verkehrs- und Infrastrukturministerium habe sich in einem offiziellen Schreiben an Autostrade gerichtet, um den Entzug der Erlaubnis zum landesweiten Betrieb der Autobahnen einzuleiten.

„Das Desaster verpflichtet uns, neue Initiativen zu ergreifen, die drastischer sind als die vorheriger Regierungen“, so Conte. Die Regierung in Rom macht den Betreiber für das Unglück verantwortlich. Dabei waren mindestens 41 Menschen ums Leben gekommen.

Zweifeln an Stabilität laut Studie von 2017

Die Zeitungen „La Stampa“ und „Repubblica“ berichteten, eine von Autostrade in Auftrag gegebene Studie der Polytechnischen Universität Mailand habe auf Zweifel an der Stabilität der Brücke hingewiesen. In der Expertise vom November 2017 würden vor allem die von Beton ummantelten Stahlträger und Spannseile der Brücke als Sicherheitsrisiko bezeichnet. In dem Teil der Brücke, die kollabierte, hätten die Träger abnormal auf Vibrationen reagiert. Das sei möglicherweise auf Korrosion zurückzuführen und müsse weiter untersucht werden, zitierte die Zeitungen aus dem Bericht.

Ursache möglicherweise Riss eines Tragseils

Der Einsturz der Brücke wurde möglicherweise durch den Riss eines Tragseils verursacht. Darauf deuten erste, vorsichtige Experteneinschätzungen und Zeugenaussagen hin. Ein Seilriss als Ursache sei „eine ernste Arbeitshypothese“, sagte der Professor für Stahlbetonbau an der Universität Genua, Antonio Brencich, am Freitag.

Bagger entfernen die Trümmer der Autobahnbrücke in Genua

APA/AFP/Marco Bertorello

Rund tausend Menschen sind bei den Aufräumarbeiten im Einsatz

Auch wenn es nach drei Tagen erst einmal nur eine Hypothese sei, ergänzte Brencich. Regen oder eine Überlastung der Brücke schloss er als Grund aus. „Der Regen, der Donner, die Überlastung sind fantasievolle Hypothesen, die nicht einmal in Erwägung gezogen werden.“ Brencich gehört einer vom Verkehrsministerium eingesetzten Unfallkommission an. Brencich hatte schon vor Jahren Bedenken über das Bauwerk geäußert.

Die Zeitung „La Repubblica“ zitierte am Freitag Augenzeugen, die gesehen hätten, wie die Spannseile nachgaben. „Ich war am Steuer meines Autos und habe gesehen, wie die Seile an der Seite nachgaben. Gleich danach begann der Asphalt unter mir zu zittern wie bei einem Erdbeben“, sagte die Ärztin Valentina Galbusera der Zeitung.

Probleme dieser Bauart bekannt

Laut der Nachrichtenagentur Radiocor gab es kürzlich eine Ausschreibung für die Instandsetzung der Brücke. Dabei sei es um eine Stärkung der Tragseile gegangen - unter anderem an dem nun eingestürzten Abschnitt. Schon im Jahr 2009 war über einen Abriss nachgedacht worden, doch jedes Jahr fuhren 25 Millionen Autos über die Brücke. Verkehrsstaatssekretär Edoardo Rixi kündigte den Abriss der gesamten Brücke an.

Eingestürzte Brücke

AP/ANSA/Luca Zennaro

Ein Teil des Brückenwerks, das nicht einstürzte

Die vierspurige, etwa 1.200 Meter lange und mehr als 40 Meter hohe Morandi-Brücke, auch Polcevera-Viadukt genannt, setzte sich aus drei Einzelbrücken zusammen, von denen eine am Dienstag während eines heftigen Gewitters einstürzte. Die von den Pylonen zum Fahrbahnträger reichenden Stahlseile sind in eine Betonummantelung eingeschlossen, die vor Korrosion schützen soll. Schon lange seien die Probleme dieser Bauart bekannt, kritisierte Brencich. „Riccardo Morandi (1902 - 1989, Anm.) wollte eine Technologie verwenden, die er patentiert hatte und die danach nicht mehr benutzt wurde“, sagte er. Diese Technologie habe „versagt“.

Schaden auf 400 Mio. Euro geschätzt

Der Schaden wird in Versicherungskreisen auf 400 Mio. Euro geschätzt. Zu dieser groben Schätzung wird auch der Schaden an der Brücke und den abgestürzten Autos sowie die Betriebsunterbrechungspolizze, die für die Mautausfälle auf der Strecke aufkommen müsste, summiert. Ein Konsortium um die Swiss Re muss möglicherweise für die finanziellen Folgen des Einsturzes aufkommen.

„Wir sind eine der wichtigsten Versicherungsgesellschaften von Autostrade per l’Italia“, teilte eine Sprecherin des weltweit zweitgrößten Rückversicherers am Freitag in Zürich mit. Autostrade betreibt unter anderem die Autobahn A10 entlang der Küste der italienischen Riviera, die über die eingestürzte Brücke führte. Mit kleinen Anteilen sind auch die Allianz sowie Branchenkreisen zufolge Talanx an dem Konsortium beteiligt. Bei Großprojekten teilen sich meistens mehrere Versicherer das Risiko.

Blick von unten auf die Reste der eingestürzten Autobahnbrücke in Genua

Reuters/Massimo Pinca

Die Brücke spannt sich in mehr als 40 Meter Höhe auch über Wohnhäuser

Einzelheiten dazu, auf welche Schäden sich die Versicherungsdeckung bezieht, wollte die Swiss Re nicht nennen. Sie tritt bei der Autobahn als Erstversicherer und nicht wie sonst meist als Rückversicherer anderer Gesellschaften auf. Die Brücke selbst gehört zwar dem italienischen Staat, der Autobahnbetreiber muss aber für alle Verpflichtungen aufkommen. Autostrade gehört zum börsennotierten Atlantia-Konzern, hinter dem die Unternehmerfamilie Benetton steht.

Stadt Benevento schließt ihre Morandi-Brücke

Die süditalienische Stadt Benevento schloss unterdessen eine ihrer Brücken für den Verkehr. Es handle sich um eine Vorsichtsmaßnahme, die möglicherweise zu Staus führen könne, sagte Bürgermeister Clemente Mastella am Freitag. Aber die Sicherheit der Bürger sei seine erste Priorität. Die Brücke werde erst wieder öffnen, wenn ein Expertenteam ihre Stabilität geprüft habe. Wie die Brücke in Genua ist auch die in den 1950er Jahren erbaute San-Nicola-Brücke in Benevento von Morandi. Auch andere Städte in Italien kündigten Prüfungen von Morandi-Brücken an, darunter Rom, Florenz und Agrigent auf Sizilien.

Opferzahl auf 41 gestiegen

Italienische Medien berichteten am Samstag, dass die Feuerwehr drei weitere Leichen aus den Trümmern geborgen habe. Dabei handle es sich um ein neunjähriges Mädchen und seine Eltern. Die Leichen wurden aber noch nicht offiziell identifiziert. Die Feuerwehr hatte auf Twitter zunächst nur die Bergung eines weiteren Autos bestätigt.

Streit über Trauerfeier

Samstagmittag findet in Genua eine Trauerfeier statt, an der Conte und Genuas Erzbischof, Kardinal Angelo Bagnasco, teilnehmen. Mehrere Angehörigen blieben aus Verärgerung über die Regierung der Feier fern.

Auf allen italienischen Flughäfen sollte es um 11.30 Uhr eine Schweigeminute geben. Zwischen 22.00 und 23.00 Uhr gehen an Baudenkmälern in Rom die Lichter aus. In der italienischen Fußballliga werden die Spiele von Sampdoria und CFC Genua verschoben. In den übrigen Ligabegegnungen sollen die Spieler Trauerflor tragen.

Als Zeichen der Solidarität mit Italien lässt die EU-Kommission am Samstag vor ihren Gebäuden die Flaggen auf halbmast setzen. Auch im Fürstentum Monaco wird halbmast geflaggt. Dessen Herrscherfamilie Grimaldi hat ihre Wurzeln in Genua.

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