Themenüberblick

Kaum Zeitersparnis und längerer Bremsweg

Ab Mittwoch darf auf 120 Kilometer der Westautobahn (A1) mit 140 km/h gefahren werden. Bei dem umstrittenen Pilotprojekt von Verkehrsminister Norbert Hofer (FPÖ) sorgt die unterschiedliche Handhabe der Toleranzgrenzen in Ober- und Niederösterreich weiter für Debatten. Anhaltendes Thema sind auch die überschaubare Zeitersparnis sowie Sicherheits- und Umweltaspekte.

Einer minimalen Zeitersparnis stünden erhöhte Umweltbelastung und Unfallrisiko gegenüber, sagte am Dienstag laut Ö1-Morgenjournal Niederösterreichs Verkehrslandesrat Franz Schnabl (SPÖ). Kein Verständnis zeigte Schnabl dafür, dass im benachbarten Oberösterreich zursätzlich zur Toleranzregelung wegen möglicher Messfehler eine Toleranz von elf km/h gilt und aus diesem Grund bei Radarmessungen erst ab 159 km/h gestraft wird.

Tempo 140 ist auch in Niederösterreich nicht gleich Tempo 140. Hintergrund ist die von Schnabl angesprochene Gerätetoleranzgrenze. Vom Land gibt es laut Schnabl dazu zwar keine Vorgaben, er gehe aber davon aus, „dass ab 147 bzw. ab 152 km/h alle Geschwindigkeitsüberschreitungen geahndet werden“.

„Absurde Situation“

Oberösterreichs Umweltlandesrat Rudolf Anschober (Grüne) sprach gegenüber Ö1 von einer absurden Situation und forderte eine bundeseinheitliche Regelung mit möglichst geringen Toleranzwerten. Die in Oberösterreich geltende Regelung bezeichnet Anschober als „politische Interpretation. Und deswegen ist es allerhöchste Zeit, dass man mit diesem Unfug aufhört“ - Audio dazu in oe1.ORF.at.

Oberösterreichs Verkehrslandesrat Günther Steinkellner (FPÖ) will unterdessen auch auf der oberösterreichischen Teststrecke Strafen bei einer Geschwindigkeit unter 159 km/h nicht ausschließen. „Vorsichtig, ab 151 km/h wird gestraft, ab elf km/h Überschreitung“, sagte Steinkellner dazu im Ö1-Morgenjournal: „Alles andere hängt mit Eich- und Vermessungswesen zusammen“, womit Steinkellner indirekt doch wieder Tempo 159 bestätigte.

„Diese Unterschiedlichkeit versteht niemand“

Die Gerätetoleranzgrenzen werden auch von Expertenseite als notwendig bezeichnet. „Sehr entspannt“ betrachtet der Direktor des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV), Othma Thann, zumindest grundsätzlich auch das Pilotprojekt Tempo 140. Für das KFV wäre allerdings „ein ehrliches 140“ wichtig, so Thann, der gegenüber Ö1 die in jedem Bundesland unterschiedlichen Toleranzen kritisierte: Das verstehe niemand.

Karte A1, Lokalisierung der Teststrecken; Factbox Zeitersparnis bei Tempo 140 statt 130 km/h sowie Balkengrafik über den Anhalteweg nach Fahrbahnverhältnissen und Geschwindigkeit

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA/ASFINAG/ÖAMTC

Längerer Anhalteweg

Der ÖAMTC verwies auf die bei Tempo 140 zu beachtenden Sicherheitsaspekte. Der Anhalteweg nehme bereits von 130 auf 140 km/h auf trockener Strecke von 101,3 auf 114,5 Meter zu. Bei Regen seien es 129,3 bzw. 146,9 Meter. Bei Tempo 159 benötige ein Autofahrer theoretisch 141,70 Meter, um seinen Wagen bei trockener Fahrbahn zu stoppen. Bei Tempo 147, jener Geschwindigkeit, ab der auf dem niederösterreichischen Abschnitt der Tempo-140-Teststrecke gestraft wird, kommt laut ÖAMTC ein Pkw nach 124,20 Metern zum Stehen.

ÖAMTC-Techniker David Nose verwies auch auf andere Faktoren, die neben dem Tempo für den Bremsweg entscheidend seien. Neben der Witterung sei das etwa der Zustand der Fahrbahn - je rauer, desto mehr Grip, so Nose. Und je besser die Reifen (Profil, Alter etc.) seien, desto schneller bleibe das Fahrzeug stehen. Ist der Pkw jedoch sehr schwer, dauert es noch länger bis zum Stillstand.

Zwischen 28,4 und 88 Sekunden

Die Teststrecken auf der Westautobahn in Oberösterreich und Niederösterreich bringen schließlich auch unterschiedliche Zeitersparnis: Der mit 44,6 Kilometern längste Abschnitt (Oed bis nach der Melk-Brücke in Fahrtrichtung Wien) lässt sich mit der höheren Geschwindigkeit um 88 Sekunden schneller bewältigen. In der Gegenrichtung sind es auf den 44 Kilometern 87 Sekunden.

Den kleinsten Zeitvorteil bringt mit 28,4 Sekunden die kürzeste Teststrecke von Sattledt bis zu den Überkopfanzeigern für den Großraum Linz in Fahrtrichtung Wien: Statt rund 397 benötigt man für die 14,35 Kilometer nur 369 Sekunden. Die Gegenrichtung ist mit 16,45 Kilometern etwas länger, was die Zeitersparnis auf nicht ganz 33 Sekunden vergrößert.

Links: