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Der bessere Protestroman

Mit „Beale Street Blues“ von 1974 liegt jetzt James Baldwins fünfter und vorletzter Roman in der Neuübersetzung von Miriam Mandelkow vor. Es ist eine allegorische Liebesgeschichte und ein drastisches Buch über die Psychologie des Rassismus. Wie so oft führt Baldwin auch diesmal nach New York, in die Stadt, mit der ihn zeitlebens eine ambivalente Beziehung verband.

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„Die hässlichste und dreckigste Stadt. Mit den hässlichsten Häusern und den ekligsten Menschen. Und den schlimmsten Bullen“, so heißt es hier aus dem Mund der afroamerikanischen Ich-Erzählerin Clementine Rivers, Tish genannt. Die Menschenmengen in der U-Bahn lassen die 19-Jährige „an die Sklavenschiffe“ denken, mit denen ihre Vorfahren nach Amerika verschleppt wurden. „Wenn es einen schlimmeren Ort gibt“, so lautet Tishs vernichtendes Resümee, „dann liegt der so nah an der Hölle, dass man riechen kann, wie die Menschen schmoren. Und ehrlich gesagt: Genau so riecht New York im Sommer.“

Das New York von „Beales Street Blues“ ist – wie unschwer zu erkennen – noch nicht das boomende und brodelnde Zentrum der schwarzen Künstler und Autorinnen, und auch die „Black Power“-Bewegung spendet hier noch keinen Trost: Rassismus und Polizeibrutalität, drückende Armut, ein rauer Umgangston, wenig Schutz und kaum Perspektiven bestimmen das Lebensgefühl in der Millionenmetropole – vor allem aber im schwarzen Harlem.

Ein Buch wie ein „traurig-schöner Song“

Aus diesem Viertel stammt auch James Baldwin selbst, von dort aus zog er einst als Schuhputzboy los, aus einer engen Wohnung, wo er als Stiefsohn eines mittellosen Baptistenpredigers und Fabrikarbeiters aufgewachsen war. Als er schließlich mit 24 ins selbstgewählte Exil nach Europa ging, waren es genau seine frühen Erfahrungen, die er in seine Literatur einfließen ließ – etwa in den Erstling „Aus dieser Welt“ oder später eben in „Beale Street Blues“. Harlem und New York, die Stigmatisierung als Schwarzer und als Homosexueller, diese Themen sollten den später als Ritter der französischen Ehrenlegion hoch Geehrten bis zu seinem Tod 1987 beschäftigen.

Buchcover von James Baldwin: Beale Street Blues

dtv

Buchhinweis

James Baldwin: Beale Street Blues. Dtv, 224 Seiten, 20,60 Euro.

Ein Buch wie ein „traurig-schöner Song“, so kündigt der deutsche Verlag jetzt „Beale Street Blues“ an: Die Protagonistin Tish liebt den 22-jährigen Bildhauer Alonzo Hunt, genannt Fonny, und ist von ihm schwanger. Fonny sitzt im Gefängnis, weil er verdächtigt wird, eine Puerto Ricanerin vergewaltigt zu haben – und am Unrecht bestehen keine Zweifel: Ein irischstämmiger Polizist hat die traumatisierte Frau dazu gedrängt, Fonny als Täter zu identifizieren. Tish und ihre Familie, so der Grundplot, versuchen alles, um der Willkür der weißen Justiz entgegenzuarbeiten.

Romeo und Julia

„Die Beale Street ist eine Straße, wo mein Vater, wo Louis Armstrong und der Jazz geboren wurden. Jeder in Amerika geborene Schwarze ist in der Beale Street, ist im Schwarzenviertel irgendeiner amerikanischen Stadt geboren, ob in Jackson, Mississippi, oder in Harlem in New York: Die Beale Street ist unser Erbe“, heißt es im Vorwort des Buchs, in Anspielung auf den titelgebenden „Beale Street Blues“ von 1916, den auch Louis Armstrong vertonte: Mit W. C. Handys Klassiker wurde die Beale Street, eine Straße in Memphis, zur Metapher für alle US-amerikanischen Armenviertel.

Metaphorisch aufgeladen ist auch dieses Buch – der Song, so könnte man sagen, gibt auch hier Rhythmus und Ton vor: Ein Hauch von Pathos, viel großes Gefühl – auch Baldwins Roman muss man allegorisch lesen, allem voran die archetypischen Figuren, am prägnantesten zu sehen im jungen Liebespaar.

Tish und Fonny werden bezeichnenderweise schon ab der Kindheit Romeo und Julia gerufen: „Wir waren ein Teil voneinander, Fleisch vom Fleisch des anderen“, liest man da über die Zuneigung der beiden, die keine Grenzen zu kennen scheint. „Eine berührende und sehr traditionelle Zelebration der Liebe“, so fasste Joyce Carol Oates „Beale Street Blues“ 1974 in der New York Times zusammen.

„Verrat an der Sache der Afroamerikaner“

Bei der Kritik kam das Buch nicht nur gut an: Von rechts beanstandete man, dass Baldwin die Verbesserungen, die es seit den 1950er Jahren gegeben hatte, nicht einfließen hatte lassen. Von links lautete der Vorwurf, er habe sein Engagement für die Sache der Afroamerikaner für eine rührselige Lovestory verkauft. Was natürlich so nicht stimmt. Denn Baldwin hatte sich stetig, wenn auch aus dem europäischen Exil, für die Bürgerrechtsbewegung engagiert, etwa an der Seite seines Freundes Martin Luther King. Wie King hielt auch er Gewaltlosigkeit im Rassenkonflikt für unabdingbar.

Von Baldwins Engagement zeugen außerdem seine ab den 1960er Jahren immer zahlreicheren Auftritte an Universitäten, im Gespräch mit Malcolm X und Marlon Brando oder im Fernsehen, wie Raoul Pecks großartiges Filmporträt „I Am Not Your Negro“ (2016) in Erinnerung rief, das international für Furore sorgte. Unvergesslich etwa, wie Baldwin auf seine so souveräne, gewinnende und immer ein wenig nachdenkliche Art den Rassisten einfach den Ball zurückspielte: Wer ihn einen „Nigger“ nenne und nicht einen Menschen, sagte er, braucht das anscheinend – und wer das tue, müsse eben herausfinden, warum er das so dringend brauche.

Bemerkenswerte Rassismusanalyse

Zugleich war es nie die direkte Sozialkritik, die für Baldwin an erster Stelle stand, sondern die Literatur selbst. Das Genre „politischer Protestroman“ lehnte er ab. Es würde nur das Gewissen beruhigen, zementiere aber letztlich die Verhältnisse. Und trotzdem, lässt sich hinzufügen, ist „Beale Street Blues“ so etwas wie der bessere Protestroman geworden, weil er nichts beantworten will und auch nicht in die Falle einer einfachen Schwarz-Weiß-Zeichnung tappt. Beziehungsweise fast nicht.

Denn was es wohl gibt und was den eigentlich zeitlosen Roman doch ein wenig alt ausschauen lässt, sind eben die archetypischen Figuren – die überhöhte, idealtypische Darstellung des Mannes, der Frau, der Mutter und des Vaters: „Nur ein Mann erkennt im Gesicht einer Frau das Mädchen, das sie einmal war.“ Oder: „Er weiß, dass sie Mutter ist. Er hat eine Mutter. Mütter erkennt er.“ Und: „Männer sind Männer, manchmal müssen die einfach unter sich sein.“

Treffsicherer und eigentlich höchst bemerkenswert ist dagegen – wie Baldwin in einer Vorwegnahme dessen, was später die Cultural Studies theoretisierten – die Psychologie des Rassismus ausbuchstabiert: In voller Härte weiß er zu zeigen, wie in einem rassistischen System alle ein untrügliches Gespür für den Rang haben, den eine hellere Hautfarbe, das „richtige“ Geschlecht oder die „richtige“ Klassenzugehörigkeit bedeuten.

Baldwin ist überall

„Baldwin ist überall“: Mit diesem „Times“-Zitat hat dtv hierzulande seine Baldwin-Edition beworben, im Rahmen derer sukzessive alle großen Bücher neu übersetzt und aufgelegt werden. Und tatsächlich stimmt das: Denn der nach seinem Tod zunächst ins Hintertreffen geratene Autor wird mittlerweile von den Bannern der „Black Lives Matter“-Bewegung, über die Songs von Jay-Z und Beyonce bis hin zu den Büchern einer jungen afroamerikanischen Autorengeneration rauf- und runterzitiert.

Und im Herbst gibt es dann Baldwin auch im Kino: „Moonlight“-Regisseur Barry Jenkins bringt eine Adaption von „Beale Street Blues“ heraus. Man darf gespannt sein, wie es ihm gelingt, die lustvolle Eleganz, die Kompromisslosigkeit und die Klarheit des Romans auf die Leinwand zu bringen – und wie viel Pathos Jenkins im Film noch walten lässt.

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