„Fast schäme ich mich zu sagen, dass es noch immer Empörung ist, die mich zum Schreiben drängt“, hat Erich Hackl bei der Verleihung des Toleranzpreises des Österreichischen Buchhandels 2004 gesagt. Heute, möchte man hinzufügen, in Zeiten von Hasspostings und „Fake News“, braucht es mehr denn je eine Stimme wie diese.
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Hackls Anliegen: Unrecht beim Namen zu nennen, Verfolgten und Ausgegrenzten „ein Gesicht, eine Gestalt, eine Geschichte zu verleihen“, wie er einmal erklärte. Und so sind es authentische Schicksale, die der Autor von „Auroras Anlaß“ und „Abschied von Sidonie“ zur Literatur macht – mit Botschaften, die stets in die Gegenwart hineinreichen. Was auch für sein neues Buch „Am Seil“ gilt: eine „Heldengeschichte“, die nicht verklärt, nichts schön redet, und doch, ganz unzweifelhaft, eine Heldengeschichte ist.
Geschichte einer Rettung
Eine berührende, erschütternde, bemerkenswerte, Mut machende und immer wieder auch unglaubliche Geschichte. Im Mittelpunkt steht Reinhold Duschka, ein 1993 verstorbener Kunstschmied, der die Jüdin Regina Steinig und ihre Tochter Lucia vor den Nazis rettete, indem er sie von November 1941 bis April 1945 in seiner Werkstatt im Werkstättenhof in der Mollardgasse im sechsten Wiener Gemeindebezirk versteckte.
Privatbesitz Familie Janous
Duschka war passionierter Bergsteiger
Gut möglich, dass sich da einige erinnern: Die mittlerweile 88-jährige Lucia Heilman hat bereits im Theaterprojekt „Die letzten Zeugen“, das 2013 am Wiener Burgtheater uraufgeführt wurde, an ihren Erinnerungen teilhaben lassen. Auf Umwegen hat diese kühne Rettungsgeschichte auch Hackl erreicht. „Ich wollte gern mehr erfahren, und so setzten Frau Heilman und ich uns zusammen, und ich fing an, sie auszufragen“, erzählt Hackl in einem Interview auf der Verlagswebsite.
Leidenschaftlicher Seilkletterer
Duschka, 1900 in Berlin geboren und in Wien als Kunsthandwerker tätig, war kein Mann der großen Worte. Ein verlässlicher Mensch, bescheiden, ruhig und zurückhaltend, mit einer „Lammsgeduld“. Beliebt war er, und immer ein wenig unnahbar. In der Zwischenkriegszeit gehörte er einer Runde an, die sich in Reginas Wohnung versammelte. Nach 1938, durch den erzwungenen Zerfall des „halb pazifistischen, halb kommunistischen“ Freundeskreises, blieb er der einzige Kontakt von Mutter und Tochter aus dieser Zeit.
Nicht ganz unwichtig ist außerdem noch ein Detail: Duschka war ein leidenschaftlicher Bergsteiger und ein Kletterer in Seilschaften – was ihm „viel bedeutete, weil es Vertrauen und Verantwortung erforderte“. Darauf bezieht sich auch der Titel des Buchs, der – es liegt auf der Hand – auch metaphorisch gemeint ist: Denn an einem unsichtbaren Seil hängen ab dem Zeitpunkt des Untertauchens alle drei.
Schreiben als Aufbegehren gegen das Verschwinden
Wie gewohnt nüchtern, schnörkellos und mit einer unaufgeregten Schlichtheit rekonstruiert Hackl die Geschichte dieser hochgefährlichen Hilfeleistung, diese Geschichte des Überlebens. Einmal mehr lässt er seinen Figuren den Vortritt: Wenige offensichtliche Eingriffe und viel feines Gespür bestimmen die Richtung des chronologisch erzählten Texts, der im ersten Teil ganz auf Lucias Erinnerungen angewiesen ist.
Zivilcourage während NS-Zeit
Hackl gehört zu den Klassikern der Gegenwartsliteratur. „Auroras Anlass“ und „Abschied von Sidonie“ sind Schullektüre. Sein neuer Roman erzählt von einem Mann, der in der NS-Zeit zwei Jüdinnen versteckt hat.
So erfahren wir, wie es möglich war, trotz einer einzigen Lebensmittelkarte genug Essen zu bekommen. Wie die beiden Frauen als angelernte Hilfskräfte in der Metallwerkstatt Ablenkung fanden. Was auf den wenigen riskanten Ausflügen Lucias an die frische Luft passierte.
Erzählt wird auch von Lucias jugendlicher Hochstimmung, als sie 1944 nach den Bombentreffern der Alliierten die Stadt brennen sah. Und schließlich von der Umsiedlung aus dem zerstörten Werkstättenhof in ein von Reinhold organisiertes Gassenlokal, in dem sie die letzten fünf Kriegsmonate verbrachten, die sich „zu einem Knäuel aus Staub, Lärm und Tumult verwirrten“. An den Leerstellen der Erzählung lässt Hackl wie schon so oft nicht die Fiktion als Füllmittel gelten. Die Lücken klaffen als solche auf und lassen die Leserinnen und Leser am Prozess des Erinnerns teilhaben.
Radikale Verschwiegenheit
Dass dieser eindringliche Text über 1945 hinausgeht, ist letztlich ganz entscheidend für die Dramaturgie und den Versuch, einem Porträt Duschkas nahezukommen: Nach dem Krieg wird die Erzählung vielstimmig, auch die Tochter, der Enkel und ein späterer Mitarbeiter Duschkas kommen zu Wort.
Diogenes Verlag
Buchhinweis
Erich Hackl: Am Seil. Diogenes Verlag, 128 Seiten, 16,99 Euro.
Lesungen: 16.8. Mittersill, 13.9. Linz, 19.9. Graz, 20.9. Salzburg, 21.9. Passau, 27.9. Wien, 11.10. Wiener Neustadt, 18.10. St. Pölten
Sie erweitern das Bild um Unzulänglichkeiten und Schattenseiten des großen Retters (auch die hat es gegeben) und machen uns die Radikalität von Duschkas Verschwiegenheit und Bescheidenheit bewusst: Selbst seine eigene Tochter erfährt nur durch Zufall, dass ihr Vater zwei Menschen gerettet hat. Sein eng vertrauter Mitarbeiter liest es erst Jahrzehnte später in der Zeitung.
Seine Zurückhaltung, so erklärt das gegen Ende Reinholds Enkel, hatte seinen Großvater aber auch wie geschaffen für den „intelligenten Widerstand“ gemacht. Einen Widerstand, der, wie Hackl im Interview meint, „auf das Ausmaß des Terrors abgestimmt war: nicht tollkühn, sondern bedächtig“. Auf die Frage nach der Botschaft der Heldengeschichte angesprochen fügt der Autor hinzu: „Es genügt wohl der Hinweis auf die Gefahr, in der sich viele Flüchtlinge weltweit und speziell in Europa befinden. Abschiebung in Herkunftsländer, in denen sie verfolgt werden, erfordert ein Handeln im Sinne Duschkas.“
Handeln im Sinne Duschkas
Jenen, die jedenfalls damals im Sinne Duschkas gehandelt haben, ist auch das Geleit des Buchs gewidmet: Einem Widerstandskämpfer aus dem Freundeskreis, dessen Name sich nicht mehr eruieren lässt. Und Dr. Rudolf Mader, der Duschka jedes Jahr ein Attest ausstellte, das ihn vor dem Einrücken bewahrte.
Der Bruder dieses Arztes sei, fügt Hackl hinzu, als Mitverschwörer des misslungenen Stauffenberg-Attentats ermordet worden: „Militärgraue Brüderbiografien, halb im Dunklen begraben, halb ins Licht getaucht.“ Es ist ein großes Glück für uns Nachgeborene, dass es sich Hackl zur Aufgabe gemacht hat, solche Geschichten in große Literatur zu verwandeln.