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Vieles auch nach Prozesses unklar

In Dänemark wird am Mittwoch das Urteil in einem der spektakulärsten Mordprozesse der vergangenen Jahre gesprochen. Im Inneren des von Peter Madsen selbst konstruierten U-Bootes „Nautilus“ starb die schwedische Journalistin Kim Wall. Ihre Leiche fand man in Einzelteilen Tage und Wochen später im Meer.

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Der in Dänemark als „exzentrisches Genie“ bekannte Erfinder Madsen ist des Mordes angeklagt. Der 47-Jährige bestreitet den Vorwurf der Staatsanwaltschaft, Wall an Bord seines U-Boots ermordet zu haben, um seine sexuellen Fantasien auszuleben. Was an Bord des U-Bootes passiert ist, ließ sich allerdings auch in dem am 8. März gestarteten Prozess in Kopenhagen nicht exakt klären.

Ermittler durchsuchen Madsens U-Boot

APA/AP/Jacob Ehrbahn

Madsens U-Boot wird von Experten untersucht

Anklage: Wollte „das perfekte Verbrechen“

Sicher ist lediglich, dass der Erfinder die 30 Jahre alte Journalistin am 10. August 2017 für ein Interview mit auf sein U-Boot nahm. Am nächsten Tag sank das U-Boot, Madsen wurde allein aus dem Wasser gefischt. Die Staatsanwaltschaft forderte lebenslange Haft.

Madsen habe „das perfekte Verbrechen“ begehen wollen, sagte Staatsanwalt Jakob Buch-Jepsen am Montag in seinem Abschlussplädoyer vor Gericht in Kopenhagen. „Er hatte einen idealen kriminellen Plan.“ Über seinen Plan habe Madsen eine Freundin in einer SMS informiert, sagte Buch-Jepsen.

Vermisste swedische Journalistin Kim Wall

APA/AP/Tom Wall

Die 30-jährige Wall wollte Madsen für eine Geschichte interviewen

„Es besteht kein Zweifel an der Schuld in diesem Fall“, sagte er. Der Staatsanwalt appellierte an den „gesunden Menschenverstand“ der Richterin und der zwei Geschworenen, die gemeinsam das Urteil fällen sollen, und forderte sie auf, den Angeklagten zu lebenslanger Haft zu verurteilen. Das Strafmaß bedeutet in Dänemark durchschnittlich 16 Jahre im Gefängnis.

Verteidigung: Keine Beweise für Schuld

Anschließend hielt Madsens Verteidigerin Betina Hald Engmark ihr Abschlussplädoyer. Sie bemängelte während des Verfahrens vor allem eine schwache Beweislage. Madsens Verteidigerin sagt daher, es gebe keine Beweise für seine Schuld - und es sei ja nicht Madsen, der seine Unschuld nachweisen müsse, sondern die Staatsanwaltschaft die Schuld. Deren Argumentation aber stütze sich lediglich auf „Annahmen und schwache Indizien“. Die Anwältin warnte das Gericht, sich auf ein Bauchgefühl zu verlassen.

Peter Madsen

Reuters/Scanpix Denmark/Bax Lindhardt

Madsen galt bis zu dem Fall als exzentrischer Sonderling

Madsen erklärte mehrere Versionen

Laut Gerichtsmedizin wurde Wall wahrscheinlich durch Strangulierung oder einen Kehlenschnitt getötet. Die Gerichtsmedizinerin Christina Jacobsen hatte jedoch bei ihrer Anhörung vor Gericht eingeräumt, dass eine Gasvergiftung nicht ausgeschlossen werden könne.

Eine U-Boot-Expertin zweifelte zwar Madsens Darstellung an, wonach Wall infolge eines Druckabfalls im Inneren des U-Bootes an giftigen Gasen erstickt sei. Aber ein anderer vor Gericht geladener Experte widersprach wiederum der Auffassung der Expertin.

Das Gasunglück war eine weitere Version, die Madsen den Ermittlern erklärte. Mit der vorherigen Version habe er Walls Familie vor der grausamen Realität schützen wollen. Anfang September hatte Madsen behauptet, eine 70 Kilo schwere Luke sei Wall auf den Kopf gefallen. Doch die Rechtsmediziner fanden am Schädel keine Spuren.

Anklage sieht sexuell perversen Sadisten

Die Anklage ist davon überzeugt, dass Madsen die schwedische Journalistin gefesselt, missbraucht und ermordet hatte, bevor er ihre Leiche zerstückelte und im Meer versenkte. Sie zeichnete von Madsen das Bild eines sexuell perversen Sadisten mit narzisstischen und psychopathischen Zügen. Neben Mord wirft sie ihm schweren sexuellen Missbrauch sowie Leichenschändung vor.

Im Laufe des Prozesses wurde vor Gericht eine Zeichnung des Torsos von Wall gezeigt, auf der Schnitte und Einstichstellen vermerkt waren. Staatsanwalt Buch-Jepsen las die letzte Nachricht der jungen Journalistin an ihren Freund vor. „Ich lebe übrigens noch - aber wir gehen runter! Ich liebe dich!!!!!!“, schrieb sie am Abend des 10. August.

Foltervideos auf Festplatte

Im Prozess wurden grausame Aspekte über Madsens Persönlichkeit und Sexualleben bekannt. Zeugen, darunter mehrere Ex-Freundinnen, beschrieben den Erfinder als Anhänger brutaler Sado-Maso-Praktiken. Der Erfinder träumte laut Zeugen auch davon, einen „Snuff-Porno“ in seinem U-Boot zu drehen - ein Video, das einen realen Mord zur sexuellen Erregung des Zuschauers zeigt.

Eine in seiner Werkstatt gefundene Computerfestplatte enthielt Fetischvideos, die zeigen, wie Frauen gefoltert, geköpft oder lebendig verbrannt werden. Madsen bestreitet, dass die Festplatte ihm gehört.

Psychiater: Extrem gefährlich

Die Hinrichtungsvideos auf seinem Computer waren so entsetzlich, dass das Gericht schnell bat, nicht noch mehr davon zu zeigen. Madsen behauptete, diese Filme hätten für ihn keine sexuelle Bedeutung, sondern würden ihm helfen, Gefühle zu empfinden. Einem psychologischen Gutachten zufolge ist er schwer sexuell gestört, selbstfixiert, narzisstisch und pervers. Es fehle ihm an Mitgefühl und Gewissen.

Psychiater halten Madsen für so gefährlich, dass sie empfehlen, ihn auf unbestimmte Zeit ins Gefängnis zu schicken. Es müsse angenommen werden, dass er eine Gefahr für Leben und Gesundheit anderer Menschen sei, las der Staatsanwalt am Montag vor Gericht aus einem rechtsmedizinischen Gutachten vor.

Für den Fall, dass ihn das Gericht für schuldig befindet, werde Sicherungsverwahrung empfohlen. Das ist in Dänemark eine zeitlich unbegrenzte Strafe, die aber regelmäßig überprüft wird. Im Durchschnitt sitzen Sicherungsverwahrte knapp 15 Jahre im Gefängnis - ähnlich wie zu lebenslanger Haft Verurteilte.

Popularität als Bastler erlangt

Bis zu dem Tod der Journalistin galt Madsen für viele als schrulliger, aber auch in der Öffentlichkeit durchaus bewunderter Bastler, der immer wieder für Schlagzeilen sorgt. Schon als kleiner Bub experimentierte „Raketen-Madsen“ mit Raketenantrieben, mit 15 gründete er seine erste Firma und sammelte Schrottteile, um daraus eine Rakete zu bauen. Er baute in Eigenregie Raketen, die er auch erfolgreich testete, etwa 2011 von einer Plattform vor der Insel Bornholm.

Selbst gebaut ist auch das U-Boot namens „Nautilus“, das 2008 erstmals in See gestochen ist. Das nach einer Vorlage von Jules Verne benannte, 18 Meter lange Boot ist eines der größten privat betriebenen U-Boote der Welt. Ganz alleine baute Madsen das U-Boot nicht: 25 Freiwillige halfen ihm dabei. Er überwarf sich jedoch mit allen ebenso wie mit dem früheren NASA-Mitarbeiter Kristian von Bengtson, dem er seine ersten Raketen verdankt.

Vertraute beschreiben Madsen als fanatisch, eigenwillig und streitsüchtig, er selbst bezeichnete sich einmal als „Fluch“ für seine Umwelt. Er sei wütend auf „Gott und jedermann“, wird sein Biograf Thomas Djursing zitiert - bisher sei Madsen aber nicht durch sichtbare oder öffentliche Gewalt aufgefallen.

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