Themenüberblick

Idlib und Daraa im Visier des Regimes

Die Rückeroberung Ostghutas ist ein Meilenstein für den syrischen Machthaber Baschar al-Assad - trotz Luftschlägen durch den Westen auf angebliche syrische Chemiewaffenanlagen. Der Fokus der syrischen Armee mit Rückendeckung durch Russland und die proiranische Hisbollah liege dabei auf den beiden Rebellengebieten Idlib im Norden des Landes und Daraa im Süden, wie Syrien-Experten vermuten.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Nur wenige Stunden nach den Luftangriffen der USA, Großbritanniens und Frankreichs auf die vermeintlichen C-Waffen-Anlagen des syrischen Regimes ließ Assad verkünden, Syrien habe die Kontrolle über Ostghuta wiedererlangt. „Alle Terroristen haben Duma verlassen, die letzte ihrer Hochburgen in Ostghuta“, so die staatliche Nachrichtenagentur SANA nach dem jüngsten Militärschlag. In Ostghuta sind mehr als 1.500 Menschen bei syrischen Militäroffensiven getötet worden, mehr als 40 bei den Luftschlägen des Westens.

Zerstörte Wohnhäuser in Idlib

APA/AFP/Omar Haj Kadour

In der Rebellenhochburg Idlib leben derzeit 2,6 Millionen Menschen

Mit „Terroristen“ war freilich nicht nur die fast zur Gänze zurückgedrängte Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gemeint, sondern jegliche Gegner des Assad-Regimes. Die größten Rebellengruppen Ostghutas waren die islamistische Dschaisch al-Islam (Islamische Armee), von Saudi-Arabien unterstützt, die Falak al-Rahman (Al-Rahman-Legion), ursprünglich von Katar und der Türkei gestützt, sowie die Dschihadisten der al-Kaida-nahen Tahrir al-Scham. Insgesamt sind 55 Prozent des Staatsgebietes nun aber wieder in der Hand der syrischen Armee.

Idlib - komplexes Beispiel des Syrien-Krieges

Gleich nach der Rückeroberung Ostghutas hätten die Luftangriffe der syrischen Armee auf die Gebiete Jarmuk und Hadschar al-Aswad bei Damaskus und auf die Region zwischen den Städten Homs und Hama stark zugenommen. Alleine 65 Bomben seien in Homs und Hama innerhalb eines Tages niedergegangen, wie die Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien berichtete. Übrig gebliebene Rebellengebiete sind außerdem die Provinzen Idlib und Daraa, die sich nach sieben Jahren Bürgerkrieg bisher als letzte großen Rebellengebiete gehalten haben.

Auf eine dieser Provinzen werde die syrische Armee laut Experten künftig ihren Fokus legen - wenn auch unter dem offiziellen Deckmantel, den IS zu besiegen. „Die Aufrechterhaltung einzelner IS-Inseln kommt dem Narrativ der Regierung entgegen, um die restlichen syrischen Gebiete rückerobern zu können“, so Julien Theron, Professor am Pariser Institut für Politikwissenschaften, gegenüber der Nachrichtenagentur AFP. Ein hochrangiger iranischer Regierungsvertreter hatte zuletzt aber schon angedeutet, dass die Provinz Idlib nach dem Fall von Ostghuta das nächste Ziel der syrischen Regierungstruppen sein könnte.

Grafik zu Syrien

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA/BBC/Institute for the Study of War/liveuamap.com

In Idlib leben etwa 2,6 Millionen Menschen, über eine Million davon sind Binnenvertriebene aus allen Teilen Syriens - so auch Zehntausende Menschen aus Ostghuta und der 2016 rückeroberten Stadt Aleppo, die mit Bussen nach Idlib gekarrt wurden. Das Gebiet wird von Rebellen kontrolliert, darunter islamistische und moderate Gruppen. Beobachter und Außenpolitikexperten äußern immer wieder Bedenken, dass Idlib zur Spielwiese diverser Milizen geworden ist – die Komplexität des Syrien-Krieges sei auch kaum irgendwo dermaßen ausgeprägt wie in Idlib.

„Neues humanitäres Desaster“

Mit Idlib erwarte die Geflohenen kein geeigneter Zufluchtsort, wie die Tageszeitung „The National“ kürzlich erklärte. In den umkämpften Städten der Region würden sich terroristische Gruppierungen und oppositionelle Regierungsgegner regelmäßig Schlachten liefern. Zusätzlich sei die Infrastruktur nicht darauf ausgerichtet, derart viele Binnenflüchtlinge zu versorgen. Sollte nun auch noch die syrische Armee systematisch angreifen, kündige sich dort ein „neues humanitäres Desaster“ an, wie der französische Außenminister Jean-Yves Le Drian bereits gewarnt hatte.

Schon bisher hatte es sporadisch Luftanschläge des syrischen Regimes auf Idlib gegeben – und das, obwohl die Türkei gefährlich nahe ist und das Gebiet häufig Thema in Verhandlungen zwischen der Türkei und dem Syrien-Verbündeten Russland ist. Nicht zuletzt marschierten die Truppen des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan Anfang des Jahres in der an Idlib grenzende Kurden-Stadt Afrin ein. Gerade wegen der Nähe zur Türkei sei es also unklar, ob sich Assads Truppen nun wirklich als Nächstes an Idlib heranwagen würden, schrieb „The National“.

Daraa als Drehkreuz für den Handel

Analysten erwarten aber auch, dass Daraa südlich von Damaskus zum Fokus der syrischen Armee werden könnte. Logistisch gesehen sei das denkbar, da Daraa örtlich näher an dem eben erst eroberten Ostghuta liege, so das Nachrichtenportals Middle East Eye (MEE). Immer wieder äußern sich regimenahe Medien dazu, dass Daraa „fertiggemacht“ werden müsse. Die extrem aggressive Haltung gegenüber dem Süden habe seine Gründe, so MME. Diese seien historisch bedingt: Daraa ist jener Ort, in dem es 2011 die ersten Proteste gegen Assad gab. Seit 2015 ist das Gebiet in der Hand von Rebellen. Thomas Pierret, Syrien-Spezialist der Universität von Edinburgh, erklärte gegenüber MME, warum Daraa noch vor Idlib das wahrscheinlichere Ziel sei: „Daraa ist wegen ökonomischer Gründe dringlicher, um den Handel mit Jordanien wiederaufnehmen zu können.“

Grafik zu Konfliktparteien in Syrien

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA

Assad wolle sich nicht länger die Schmach geben, eine wirtschaftlich derart wichtige Provinz nicht unter Kontrolle zu haben. Doch noch viel wichtiger als die wirtschaftliche Verbindung zum Nachbarland Jordanien sei die Brücke zu den Golf-Staaten, die Assad wieder aufbauen möchte - darunter auch zum Iran, für den Syrien wiederum die Brücke zur libanesischen Hisbollah-Miliz bildet. Diese unterstützt Assad im Osten des Landes, und das Ziel des Iran ist es, eine durchgehende Einflusssphäre vom Irak über Syrien bis zum Libanon zu bilden.

Doch genauso wie der syrischen Armee im Norden die Türkei gefährlich werden kann, ist es im Süden die Nähe zu Israel. „Die Gegenden im Süden von Syrien sind besonders heikel, da sie zwischen Damaskus und der jordanischen wie auch der israelischen Grenze liegen“, so Sam Heller, Syrien-Analyst der International Crisis Group, zu MEE. „Jede militärische Aktion könnte die nationale Sicherheit aller drei Länder beeinflussen.“

Politische Lösung derzeit nicht in Sicht

Dass Ostghuta so schnell gefallen sei, müsse den Rebellen sowohl in Idlib als auch in Daraa eine Lehre sein, so Bassam Abu Abdallah, Leiter eines Forschungszentrums für militärstrategische Studien in Damaskus gegenüber der AFP. Unterdessen hofft man im Westen darauf, Assads C-Waffen-Fabriken endgültig zerstört und den syrischen Machthaber eingeschüchtert zu haben. Doch aus den bisherigen Auswertungen geht hervor, dass die Luftangriffe nur begrenzte Auswirkungen hatten. Die USA rechnen mittlerweile damit, dass Assad weiter C-Waffen einsetzen kann. Den Erkenntnissen zufolge lagerten die nötigen Chemikalien und Grundstoffe weit verstreut über die drei angegriffenen Ziele hinaus. Einige seien auch in Schulen und Wohngebäuden versteckt.

Le Drian sagte, er hoffe außerdem auf die Einsicht Russlands, den Krieg zu beenden. „Frankreich ist bereit. Der Einzige, der derzeit den Friedensprozess blockiert, ist Baschar al-Assad. Es liegt nun an Russland, mehr Druck auf ihn auszuüben“, so Le Drian. Jüngste Berichte lassen aber das Gegenteil vermuten - nämlich dass Russland wohl weiterhin zum syrischen Machthaber stehen wird. Denn nach dem westlichen Angriff auf Ziele in Syrien sieht das russische Außenministerium einem Medienbericht der Nachrichtenagentur RIA zufolge keinen Grund mehr, auf die Lieferung von neuen Abwehrraketen an Assad zu verzichten.

Links: