Tropenhitze im Alpen-Idyll
Nach großen Erfolgen in den späten 1960ern und den 1970ern ist der Grazer Autor Wolfgang Bauer in Vergessenheit geraten. Im Mai erscheint nun die erste Biografie über den 2005 verstorbenen „Theaterpopstar“. Am Freitag feiert im Wiener Akademietheater „Der Rüssel“ Premiere, Bauers erstes abendfüllendes Stück, das „Magic Wolfis“ Liebe für das Theater des Absurden belegt.
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Drinnen in der Stube spielen die Großeltern Karten. Draußen erschafft sich Enkel Florian unterdessen seine eigene Welt: Fasziniert von den Erzählungen des Urgroßvaters, der einst die Tropen bereiste, wartet er auf die Ankunft des großen Elefanten. Was wie der Fiebertraum eines Zehnjährigen klingt, wird in „Der Rüssel“ wahr. Rund um das Bergbauerndorf steigen die Temperaturen, Palmen sprießen und riesige Schnecken machen den Wald unsicher.
Panorama der 1960er Jahre
Als dann der von Florian ersehnte Dickhäuter in einer Quelle das Licht der Welt erblickt, ist es auch mit der Ruhe in der Stube vorbei. Das Tier streckt zuerst seinen Rüssel durchs Fenster, ehe es mit dem Kopf im Fensterrahmen steckenbleibt. Die Vorkommnisse wecken das Interesse der internationalen Presse. Mit den Journalisten kommen die Touristen, die das Dorfleben erst recht auf den Kopf stellen.

Burgtheater/Reinhard Maximilian Werner
Der Rüssel bricht durch, und die Ruhe in der Bauernstube ist dahin
„Der Rüssel“ ist Bauers erstes, abendfüllendes Theaterstück. Geschrieben haben dürfte er es 1962, im Alter von 21 Jahren. Die damalige Zeit und das gesellschaftliche Klima spiegeln sich im Werk wider: die Spießigkeit und die Doppelmoral der Nachkriegsgesellschaft; die vom Rassismus durchzogene Faszination für das Exotische; der für die alpinen Regionen immer wichtiger werdende Tourismus mit all seinen Schattenseiten. Sechs Jahre später gelang dem Autor mit dem Theaterstück „Magic Afternoon“ der Durchbruch.
„Der Wolfi hat sein Leben lang danach gesucht“
TV-Hinweis
ORF2 zeigt am Montag um 22.30 Uhr in „kulturMontag“ einen Bericht über „Der Rüssel“ und die Biografie „Wolfgang Bauer, Werk-Leben-Nachlass-Wirkung“ - mehr dazu in tv.ORF.at.
Dass „Der Rüssel“ nun erstmals auf der Bühne zu sehen ist, verdankt sich einem Zufall. Vor drei Jahren wurde das Stück in einer Dokumentenmappe im Stadtmuseum Leibnitz (Steiermark) wiederentdeckt - im Nachlass des 2000 verstorbenen Komponisten Franz Koringer. Bauer hatte offenbar selbst vergessen, wem er den Text gegeben hat. „Der Wolfi hat sein Leben lang danach gesucht“, sagte der Herausgeber des Literaturmagazins „Manuskripte“, Alfred Kolleritsch, 2015 der „Presse“.

Burgtheater/Reinhard Maximilian Werner
„Der Rüssel“: Ein Elefant und allerhand bizarre Gestalten bevölkern die Bühne
Bis dahin war von der „Tragödie in elf Bildern“ nur eines bekannt gewesen, das 1970 in einer Literaturzeitschrift veröffentlicht worden war. In den Besitz Koringers ist das Manuskript über Umwege gelangt: Bauer hatte das Stück 1962 dem Dichter Alois Hergouth gegeben. Der wiederum reichte es an den Komponisten weiter, eventuell mit der Bitte, es zu vertonen. Koringer allerdings habe den Text nicht weiter beachtet, so Kolleritsch, „und der Wolfi hat einfach vergessen, dass er sein Stück dem Hergouth gegeben hat“.
Veranstaltungshinweis
„Der Rüssel“ ist im Wiener Akademietheater am 20., 24., 26. April, am 2. und 26. Mai jeweils um 19.30 Uhr sowie am 1. Mai um 18.00 Uhr zu sehen.
In „Der Rüssel“ tritt Bauers Liebe für das von Eugene Ionesco geprägte Theater des Absurden zutage. Für Kolleritsch ist das Stück der „Höhepunkt“ von Bauers „Theater mit absurder Tendenz“. „Der ganze frühe Bauer fließt darin ein, umso merkwürdiger, dass das Stück so verloren gegangen ist.“
Stück „plempert aus“
Inszeniert wird „Der Rüssel“ am Akademietheater von Christian Stückl. Der deutsche Regisseur ist Intendant am Münchner Volkstheater und Spielleiter der alle zehn Jahre stattfindenden Passionsspiele in seiner bayrischen Heimatgemeinde Oberammergau. Das Stück auf die Bühne zu bringen, ist nicht nur ob seiner surrealen Elemente eine Herausforderung.

Burgtheater/Reinhard Maximilian Werner
Regisseur Stückl will einige Szenen des Stückes „umdrehen“
Der in Koringers Nachlass gefundene Text ist nicht lektoriert. „So wie es geschrieben ist, plempert es am Schluss aus“, sagte Stückl im Interview mit der „Presse“ (Donnerstag-Ausgabe). Einige Szenen werde er daher „umdrehen“. Dem Text fehle „die letzte Hand“. Zudem will Stückl die Handlung teilweise straffen.
Aus Wolfgang wird „Magic Wolfi“
Nach seinem Durchbruch im Jahr 1968 und dem Erfolg seines Stücks „Change“ ein Jahr darauf verpasste sich Bauer auf der Erfolgswelle reitend ein neues Image. Aus Wolfgang wurde „Magic Wolfi“, Boheme, Popstar und Säufer, nonkonformistisch und respektlos, dem Aussehen und Auftreten scheinbar völlig egal waren.
Buchhinweis
Thomas Antonic: Wolfgang Bauer, Leben - Werk - Nachlass - Wirkung. Ritter Verlag, 350 Seiten, 27 Euro.
Am 15. Mai um 20.30 Uhr stellt Antonic das Buch im Vestibül des Wiener Burgtheaters vor.
Dass Bauer in seinen Stücken Sex, Gewalt und Drogenkonsum thematisierte, sorgte für Empörung auf den Leserbriefseiten der Zeitungen. Um einen Skandal zu provozieren, habe es im erzkonservativen Österreich der 1960er und 1970er Jahre aber generell nicht viel gebraucht, schreibt der Germanist Thomas Antonic, der auch die demnächst erscheinende erste Biografie über Bauer verfasst hat, in einem Text für das Grazer Literaturhaus. Bei der Verleihung des Rossegger-Preises 1970 habe es für den Autor gereicht, den Hemdkragen offen zu lassen und sich beim Händedruck auf der Bühne nicht zu verbeugen, um einen Sturm der Entrüstung auszulösen.
Von der Bühne verschwunden
Während Bauer in den 1970ern mit Stücken wie „Gespenster“ weiterhin Erfolge hatte und Skandale provozierte, ist er heute - anders als seine Zeitgenossen Peter Handke und Peter Turrini - in Vergessenheit geraten. Gemeinsam mit Turrini und Franz Xaver Kroetz wurde der Grazer dem damals revolutionären neuen Volksstück zugeordnet - eine Schublade, aus der er nie mehr wirklich herauskam.

picturedesk.comAlexander Tuma
Poeten unter sich: Bauer (M.) 1995 mit Falco und H. C. Artmann
Zum Verschwinden von Bauers Stücken von den großen Bühnen trug auch bei, dass kein Theatermacher von Rang Bauers Stücke am Leben gehalten hat. „Claus Peymann nahm sich Bernhards, Turrinis und Handkes an, Einar Schleef und Nicolas Stemann sorgten für spektakuläre Jelinek-Aufführungen. Warum gibt es keinen Bauer-Fachmann, keine Bauer-Spezialistin?“, fragte die „Wiener Zeitung“ 2016, in jenem Jahr, in dem Bauer seinen 75. Geburtstag gefeiert hätte. Vielleicht ändert sich das jetzt mit „Der Rüssel“.
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