Zahlreiche Solidaritätsbekundungen hat die österreichische Künstlerin Conchita nach ihrem HIV-Outing bekommen - nicht zuletzt, weil dieses laut Conchita unter Druck geschehen ist. Niemand solle gezwungen werden, persönliche Informationen zu veröffentlichen, so der Tenor. Es gebe immer noch „soziales Aids“, beklagte die Aids Hilfe Wien.
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„Informationen über die eigene Gesundheit, etwa auch den HIV-Status, bekanntzumachen, muss jedem Menschen selbst überlassen bleiben, egal, ob er prominent ist oder nicht. Solch persönliche Daten einer anderen Person zu veröffentlichen oder es anzudrohen, ist menschlich letztklassig und zudem strafbar“, sagte Wolfgang Wilhelm, Obmann der Aids Hilfe Wien. Das zeige, dass weiterhin viel Aufklärung notwendig sei, um das „soziale Aids“ zu beenden.
Tägliche Diskriminierung in Österreich
Die Aids Hilfe wisse aus der täglichen Arbeit mit HIV-positiven Menschen, dass die Betroffenen viel Mut brauchten, um mit der Diagnose offen umzugehen, und auch, dass ein Outing oft zu Diskriminierungen führe, so Wilhelm weiter. Die Diskriminierung von HIV-positiven Menschen finde „auch in Österreich jeden Tag statt“ - deswegen würden viele Menschen ihre Infektion verschweigen. Mit dem Outing haben Thomas Neuwirth, der Mensch hinter der Künstlerfigur Conchita, einen wichtigen Schritt auch für andere Betroffene gesetzt, so die Organisation in einer Aussendung.
Am Sonntag war Conchita in einem Posting auf der Social-Media-Plattform Instagram mit ihrem positiven HIV-Status an die Öffentlichkeit gegangen. Sie sei seit vielen Jahren HIV-positiv, so die Künstlerin, und auch seit Langem in medizinischer Behandlung. Das alles sei für die Öffentlichkeit eigentlich irrelevant, aber sie wolle niemandem das Recht geben, ihr Angst zu machen und damit ihr Leben zu beeinflussen und habe daher diesen Schritt gesetzt.
Kein selbstverständlicher Umgang
„Hier geht jemand selbstbewusst mit HIV um, macht sich nicht klein und lässt sich nicht von anderen bestimmen. Das kann natürlich Menschen Mut machen“, hieß es auch von der Deutschen Aids-Hilfe. Ein „Wermutstropfen“ und „erschütternd“ sei, dass das Outing unter Druck geschehen sei. Das zeige, „dass wir noch lange nicht am Ziel eines selbstverständlichen Umgangs ohne Diskriminierung sind“, sagte Sprecher Holger Wicht.
Der Fall zeige auch, „dass wir gesellschaftlich noch weit davon entfernt sind, dass man mit HIV ganz selbstverständlich leben kann“. Mit einer frühzeitigen Therapie und der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten könne die Vermehrung von HI-Viren im Körper verhindert werden. Sie seien nach einer Zeit dann nicht mehr nachweisbar und könnten nicht mehr weitergegeben werden. „Diese Nachricht ist leider noch viel zu unbekannt“, so Wicht.
Bedrohen „total falsch“
Kritik kam auch aus Großbritannien. Der Schritt, seinen HIV-Status zu veröffentlichen, sei eine ganz persönliche Entscheidung und sollte niemals unter Zwang erfolgen müssen, so der Chef der AIDS-Charity The Terrence Higgins Trust, Ian Green, laut BBC. Jemanden mit der Veröffentlichung zu bedrohen sei „total falsch“. Green fragte, welche anderen Erkrankungen dazu genutzt werden könnten, um jemanden zu erpressen - und wie viele derartige Erpressungen womöglich nicht an die Öffentlichkeit gelangen. Conchita habe die Situation aber mit Würde gemeistert.
Conchitas Statement könne ein Schritt sein, das Stigma zu brechen, heißt es in einem Kommentar in der „Süddeutschen“ am Montag online. Aids sollte nicht als Krankheit betrachtet werden, eine HIV-Infektion nicht als Strafe und nicht als Schande - und nichts sein, was man öffentlich beichten müsse.
UNO kämpft gegen Diskriminierung
Der Kampf gegen Diskriminierung und Stigmatisierung ist auch eine der wichtigsten Maßnahmen zur Erreichung der UNAIDS-Ziele 90-90-90-0, um die HIV/Aids Epidemie bis 2030 zu beenden. Die Zahlen bedeuten, dass 90 Prozent aller Menschen mit HIV ihre Diagnose kennen sollen. 90 Prozent mit entsprechender Diagnose sollten eine Therapie machen, 90 Prozent der Menschen in Therapie sollten eine Viruslast unter der Nachweisgrenze haben - und 0 Menschen wegen HIV diskriminiert werden.
Den Maßnahmen gegen Diskriminierung haben sich auch die Aids Hilfen verschrieben. 2013 wurde in der Aids Hilfe Wien eine Diskriminierungsmeldestelle eingerichtet, die seit über fünf Jahren österreichweit HIV-bezogene Diskriminierung systematisch dokumentiert und in einem jährlichen Report veröffentlicht.
Österreich: Täglich mindestens eine Neudiagnose
In Österreich wird täglich mindestens eine HIV-Neudiagnose gestellt. 2016 wurden 447 HIV-positive Neudiagnosen registriert, 2015 waren es 428 und im Jahr zuvor 403. Nach wie vor erhält ein beachtlicher Anteil der HIV-positiven Menschen die Diagnose erst zu einem Zeitpunkt, an dem die Infektion bereits weit fortgeschritten ist. Diese späte Diagnose wirkt sich signifikant nachteilig auf die persönliche Situation und den Therapieerfolg der Betroffenen aus.
Dank des medizinischen Fortschritts und bei enstprechender Behandlung können Betroffene mittlerweile trotz einer HIV-Infektion mit einer normal hohen Lebenserwartung rechnen. Voraussetzung dafür sind eben eine frühe Diagnose, eine zeitgerecht einsetzende Behandlung mit regelmäßiger Medikamenteneinnahmen sowie Kontrolluntersuchungen.