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Über 24.000 Ferkel verendet

Im Jahr 2017 sind in der südchinesischen Provinz Guangdong 24.693 Ferkel auf vier Farmen einer tödlichen Diarrhoe-Krankheit zum Opfer gefallen. Jetzt fanden Forscher heraus, dass höchstwahrscheinlich Fledermäuse das neue Coronavirus mit dem Namen SADS auf die Schweine übertragen hatten. Durch Mutation bestehe ein Risiko, dass sich auch Menschen anstecken könnten, so Studienleiter Zhou Peng.

„Coronaviren sind knallhart“, sagte Zhou gegenüber dem chinesischen Nachrichtenblog Sixth Tone. „Die Bausteine rekombinieren sich immer wieder neu.“ Zhou und sein Team vom Wuhan Institute of Virology (WIV) wurden das erste Mal hellhörig, als im Oktober 2016 etliche Hausschweine an dem bereits bekannten PEDV (Epizootische Virusdiarrhoe) erkrankten.

Schweine in Zhongshan city (Guangdong) im August 2006

AP/Imaginechina

Schweinefarmen in der Provinz Guangdong waren auch der Ursprung der SARS-Pandemie

Nach und nach konnte PEDV bei den Tieren jedoch immer seltener festgestellt werden, trotzdem erkrankten mehr und mehr Schweine an ähnlichen Symptomen. Besorgt waren die Forscher vor allem deshalb, weil gerade die Provinz Guangdong betroffen war - wie auch schon bei der für den Menschen tödlichen Infektionskrankheit SARS (Schweres Akutes Atemwegssyndrom). SARS verbreitete sich in 33 Ländern, bevor es 2004 eingedämmt werden konnte. 774 Menschen starben an dem Virus, mehr als 8.000 erkrankten.

Erkrankung des Magen-Darm-Traktes

Die Forscher fanden heraus, dass die Ferkel bereits während sie mit PEDV infiziert waren, auch mit dem neuartigen Virus in Kontakt gekommen sein mussten. Sie nannten die Neuentdeckung SADS (Swine Acute Diarrhea Syndrome), akutes Durchfallsyndrom bei Schweinen. SADS ist zwar ebenfalls, genau wie PEDV und SARS ein Coronavirus, sei weltweit aber zum ersten Mal aufgetreten.

Anders als SARS befällt SADS nicht die oberen Atemwege, sondern den Magen-Darm-Trakt. Dadurch, dass SARS sich durch Mutation als äußerst gefährlich für den Menschen herausgestellt hatte, liege die Vermutung nahe, dass auch SADS Menschen bedrohen könnte. Durch das Essen von zubereitetem Schweinefleisch bestehe aber keine Gefahr. Trotzdem wurden die Mitarbeiter der vier Farmen auf eine Ansteckung getestet, diese konnte nicht festgestellt werden, so die Forscher.

Blattnasenfledermaus als Überträger

Die Wissenschaftler suchten dann nach Möglichkeiten des Ursprungs der Durchfallerkrankung und untersuchten dafür auch weitere Spezies. In einer Höhle in der Nähe der betroffenen Farmen in Foshan, Guangdong, wurden sie fündig. Wie die Studie, die im naturwissenschaftlichen Magazin „Nature“ publiziert wurde, verlautbart, seien Blattnasenfledermäuse mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit die Überträger gewesen. In 58 der 591 Abstriche, die Naturwissenschaftler an den Fledermäusen vornahmen, fand sich eine nahezu hundertprozentige Übereinstimmung mit jenen Coronaviren, die auch die Ferkel befallen hatten.

Karte zeigt die chinesische Provinz Guangdong und die Stadt Foshan

OSM/ORF.at

Durch die Übertragung auf die Schweine habe sich das Virus leicht verändert, weshalb eine weitere Mutation des Virus nicht ausgeschlossen sei. Somit könnte es auch anderen domestizierten Tieren wie auch Menschen gefährlich werden. „Fledermäuse wurden als das wichtigste Reservoir für aufkommende Viren identifiziert“, schreiben die Wissenschaftler. Neben SADS seien sie auch Überträger von SARS, MERS (Nahost-Atemwegssyndrom-Coronavirus), Ebola, Hendra-Virus, Marburgfieber und Nipah - all diese Viren können auch Menschen befallen. Ob SADS zur nächsten Pandemie führen könnte, getrauen sich die Forscher noch nicht zu sagen. Einen wirksamen Impfstoff gegen SADS gibt es noch nicht.

Virologen: Nächste Pandemie kommt bestimmt

Simon Anthony, Virologe an der Columbia University in New York, sagte gegenüber des US-amerikanischen Hörfunksenders NPR: „Es ist sehr schwierig zu prophezeien, welches Virus als nächstes auf den Menschen überschwappen wird.“ Noch schwieriger sei es, vorab zu beurteilen, ob eine Krankheit beim Menschen überhaupt ausbreche. Aufgrund der Vielzahl an Coronaviren, die mittlerweile von Tieren auf den Menschen übertragen werden könnten, sei es aber höchstwahrscheinlich, „dass es wieder passiert. Wir wissen einfach nur noch nicht, welches Virus es sein wird, woher es kommen wird und wann.“

Kleine Hufeisennase

picturedesk.com/ANP KINA

Die Blattnasenfledermaus wurde als Überträger von SADS identifiziert

Krankheiten, die von Tieren auf den Menschen übertragen werden können, hätten sich entwickelt, weil Menschen und Haustiere Wildtiere wie etwa Fledermäuse immer mehr bedrohten. Massentierhaltung stelle dabei eine besonders große Gefahr dar, weil Tausende, manchmal sogar Millionen an Tieren eng zusammengepfercht gehalten würden. So könnten sich Krankheiten noch schneller übertragen. In China gebe es sehr viele Tierfabriken, zudem seien die sanitären Voraussetzungen häufig nicht gegeben.

Deshalb sei China der neue „Hotspot“ für neuartige Viren, so Zhengli Shi, Koautor der „Nature“-Studie. Die wachsende Zahl an Großmästereien störe den Lebensraum der Fledermäuse, verdränge sie immer mehr und erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Kontakt zwischen Wildtieren und Haustieren komme. Somit steige das Risiko der Übertragbarkeit von Krankheiten.

„Fledermäuse sind superwichtig“

China sei dabei aber nicht das einzige Land: Überall, wo es massenhafte Land- und Viehwirtschaft gebe, gebe es auch ein höheres Risiko für neuartige Krankheiten. Shi empfiehlt daher eine möglichst genaue Überwachung von Viren in der Tierwelt über lange Zeiträume hinweg. Insbesondere Fledermauspopulationen müssten genau unter die Lupe genommen werden. So könne das Risiko möglichst früh erkannt und eingedämmt werden, bevor Menschen infiziert werden könnten und sich - im schlimmsten Falle - eine Pandemie entwickeln könne.

Anthony warnte jedoch davor, Fledermäuse per se als böse einzustufen. „Fledermäuse sind superwichtig“, sagte er gegenüber NPR. Obwohl Fledermäuse Wirte für Viren seien, seien sie unerlässlich für ein ausgeglichenes Ökosystem. Sie fräßen Moskitos, die wiederum gefährliche Viren wie Malaria, Gelbfieber, Chikungunyafieber und das Zika-Virus übertrügen. „Fledermäuse zu töten, weil man Angst hat, dass sie von gefährlichen Viren befallen sind, führt uns sicherlich nicht auf den richtigen Weg - es kann sogar den gegenteiligen Effekt haben und das Risiko einer Krankheitsübertragung erhöhen“, so Anthony.

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