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Prahlen mit Erpressungsversuchen

Die Datenanalysefirma Cambridge Analytica (CA) hat ihren Chef Alexander Nix suspendiert. Nix werde bis zu einer vollständigen, unabhängigen Untersuchung mit sofortiger Wirkung von seiner Aufgabe entbunden, teilte das Unternehmen am Dienstagabend mit. Cambridge Analytica war zuvor weiter unter Druck geraten, nachdem herauskam, dass Nix vor versteckter Kamera mit Erpressungsversuchen von Wahlkandidaten geprahlt hatte.

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Ein Reporter des britischen Senders Channel 4 hatte sich als Vertreter eines potenziellen reichen Kunden ausgegeben, der für den Erfolg mehrerer Kandidaten bei einer Wahl in Sri Lanka sorgen wolle. In den Gesprächen prahlte die CA-Führungscrew damit, dass sie Politiker mit Bestechungsangeboten und ukrainischen Prostituierten in kompromittierende Situationen bringen und diese dann online verbreiten könnte.

Cambridge-Analytica-Ceo Alexander Nix

Reuters/Henry Nicholls

CA-Chef Alexander Nix (Mitte) am Dienstag beim Eingang in das Büro seines Unternehmens

Eine weitere Vorgehensweise sei, einem Kandidaten viel Geld für seinen Wahlkampf - bei lukrativen Gegenleistungen - anzubieten, das Ganze auf Video aufzunehmen und später zu veröffentlichen. Sie seien schon für mehr als 200 Wahlkämpfe etwa in Argentinien, Tschechien, Indien, Kenia und Nigeria angeheuert worden. CA wurde bekannt als die Firma, deren Datenauswertung Donald Trump zum Sieg bei der US-Präsidentenwahl 2016 verholfen haben soll.

CA von Facebook gesperrt

Das Unternehmen war am Wochenende von Facebook ausgesperrt worden. CA habe unrechtmäßig erhaltene Nutzerdaten entgegen früheren Zusicherungen nicht gelöscht, erklärte das Onlinenetzwerk zur Begründung. Nach Informationen der „New York Times“ und des „Guardian“ sollen einige Informationen von rund 50 Millionen Facebook-Mitgliedern zu CA gelangt sein. Um sie zu sammeln, wurde eine Umfrage zu Persönlichkeitsmerkmalen aufgesetzt, die bei Facebook als wissenschaftliche Forschung angemeldet wurde. Die Daten gingen dann ohne Wissen der Nutzer an CA.

Aber die Affäre um CA bringt auch Facebook selbst immer mehr in Erklärungsnot. Das Onlinenetzwerk wird ebenfalls Gegenstand von Ermittlungen in Großbritannien. Facebook beauftragte eigenen Angaben zufolge Spezialisten damit, zu untersuchen, ob Daten unrechtmäßig genutzt wurden und ob CA noch im Besitz der Daten ist. CA weist die Vorwürfe zurück. Es habe alle Facebook-Daten gelöscht, nachdem sie 2015 entdeckt hätten, dass diese Informationen nicht den Datenschutzregeln entsprechen würden.

GB will gegen Facebook ermitteln

Nach Angaben des Whistleblowers Christopher Wylie wurden die Daten allerdings nicht gelöscht. Facebook wollte das untersuchen. Die von Facebook gestartete Datenüberprüfung bei CA wurde nun aber von der britischen Datenschutzbeauftragten Elizabeth Denham gestoppt. Der Vorsitzende des britischen Digitalausschusses, Damian Collins, bezeichnete es laut „Guardian“ als „außergewöhnlich“, dass Facebook-Ermittler im CA-Büro tätig waren, und als „erstaunlich“, dass diese als Erste vor Ort gewesen seien. Das sei eigentlich Aufgabe der Behörden.

Kameras stehen vor dem Gebäude in London, in dem Cambridge Analytica untergebracht ist

Reuters/Henry Nicholls

Die britische Datenschutzbehörde will die Server des Datenanalyseunternehmens Cambridge Analytica untersuchen

Denham, Leiterin der britischen Datenschutzbehörde (ICO), will selbst einen Durchsuchungsbefehl, um die CA-Server zu untersuchen. Sie gab am Dienstag bekannt, auch gegen Facebook zu ermitteln, ob der US-Konzern nach dem Verlust der Daten entschlossen gehandelt und rechtzeitig informiert habe.

Facebook zeigt sich „entsetzt“

Das Soziale Netzwerk reagierte auf den Datenskandal mit Bedauern. Firmenchef Mark Zuckerberg und alle Verantwortlichen seien sich des Ernsts der Lage bewusst, hieß es in einer am Dienstag verbreiteten Mitteilung von Facebook. „Das gesamte Unternehmen ist entsetzt darüber, dass wir hintergangen wurden.“ Facebook werde alles tun, um seine Richtlinien durchzusetzen und die Informationen der Nutzer zu schützen.

Am Dienstag reichten US-Investoren auch eine erste Klage gegen den Konzern ein. Die Aktionäre machten vor einem Bundesgericht in San Francisco geltend, dass die Konzernführung sie über die Fähigkeiten in die Irre geführt habe, die Daten der Nutzer zu schützen. Der „Los Angeles Times“ zufolge wird Facebook zudem vorgeworfen, die eigenen Datenschutzvorschriften verletzt zu haben.

Kampagne ruft zum Facebook-Austritt auf

Facebook ist unter Druck. Bereits am Montag fiel die Aktie um rund sieben Prozent. Der Börsenwert schrumpfte um über 35 Milliarden Dollar. Am Dienstag setzte sich der Rückgang fort. Anleger befürchten, schärfere Vorgaben könnten dazu führen, dass Nutzer weniger Zeit auf den jeweiligen Plattformen verbringen und diese dadurch geringere Werbeeinnahmen haben. Die Empörung über den Umgang des Netzwerks mit den Daten der User ist groß. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter kursiert bereits eine Kampagne „#DeleteFacebook“, die zum Ausstieg aus dem Sozialen Netzwerk animieren soll.

Die EU-Kommission verlangt eine Klarstellung, genauso wie europäische und US-amerikanische Abgeordnete. Vera Jourova, EU-Kommissarin für Justiz, Verbraucherschutz und Gleichberechtigung, kündigte an, die EU werde „alle möglichen rechtlichen Maßnahmen ergreifen“, um die Daten von Bürgern zu schützen. Dazu gehörten auch strengere Datenschutzbestimmungen und deren Durchsetzung.

Generalstaatsanwälte aus den US-Bundesstaaten Massachusetts und Connecticut ermitteln mittlerweile, wie mit den Facebook-Daten umgegangen wurde. Auch das Büro des Generalstaatsanwalts in Kalifornien, dem Unternehmenssitz von Facebook, hat Bedenken geäußert. US-Präsident Donald Trump begrüßte am Dienstag ebenfalls Untersuchungen in Bezug auf die Datenaffäre. Die Privatsphäre müsse geschützt werden, daher begrüße das Weiße Haus diesbezügliche Untersuchungen, hieß es.

„Spitze des Eisbergs“

Der Datenschutzexperte Peter Schaar, Leiter der Europäischen Akademie für Informationsfreiheit und Datenschutz (EAID), sieht auch eine Mitverantwortung von Facebook: „Ohne dieses Geschäftsmodell von Facebook hätte es dieses riesige Datenloch nicht gegeben.“ Facebook basiere darauf, dass man sehr viel über die Benutzer wisse. Diese Kenntnisse würden anderen verkauft, um ihre Werbung zielgenau platzieren zu können. Schaar: „Das ist das Geschäftsmodell von Facebook, davon leben die ganz wesentlich.“ Für den europäischen Datenschutzbeauftragten Giovanni Buttarelli ist dieser Fall nur „die Spitze des Eisbergs“: „Das Problem ist real und riesig“, so Buttarelli. Er forderte internationale Lösungen ein.

„Warum haben wir nichts von Mark gehört?“

Der britische Ausschuss für Digitales und Medien lud Facebook-Chef Zuckerberg am Dienstag offiziell zu einer Anhörung vor. Das Gremium wolle dessen eigene Darstellung zu dem „katastrophalen Vorgang des Versagens“ hören, schrieb der Abgeordnete Collins in seiner Vorladung Zuckerbergs. Auch US-Abgeordnete wollen den Facebook-Chef vor den Justizausschuss laden, um zu klären, wie er die Daten von Usern schützen will. Die US-Verbraucherschutzbehörde Federal Trade Commission (FTC) will einem Bloomberg-Bericht zufolge ebenfalls gegen Facebook ermitteln. Sollte sie eine Verletzung der Datenschutzregeln feststellen, kann sie hohe Strafen verhängen.

Am Dienstag wurden Mitarbeiter von Facebook zu einem Krisentreffen mit der Führungsebene geladen, um dort Erklärungen für die aktuelle Affäre und die Reaktionen des Unternehmens darauf zu bekommen, berichtete The Verge. Auch hier wird Zuckerberg nicht persönlich erwartet. Laut Bloomberg will er sich erst äußern, wenn interne Untersuchungen abgeschlossen sind.

Ex-Sicherheitschef vor Abgang?

Einer derjenigen, die sich seit Längerem dafür eingesetzt hatten, transparenter mit den Vorwürfen umzugehen, dass Russland Facebook zur Stimmungsmache im US-Wahlkampf benutzt habe, wird Facebook verlassen, berichteten die „New York Times“ und Reuters unter Berufung auf Insider. Der bisherige Sicherheitschef bei Facebook, Alex Stamos, wurde versetzt und soll den Berichten zufolge mit August bei Facebook ausscheiden. Er sei mit seinem Anliegen nach mehr Transparenz auf den Widerstand von anderen Verantwortlichen wie Facebook-Geschäftsführerin Sharyl Sandberg gestoßen.

Stamos dementierte via Twitter einen Rückzug von Facebook: „Allen Gerüchten zum Trotz bin ich immer noch voll engagiert bei meiner Arbeit für Facebook.“ Seine „Rolle“ habe sich allerdings geändert. Er verbringe nun mehr Zeit damit, künftige Sicherheitsrisiken zu prüfen. Eine offizielle Stellungnahme von Facebook gab es nicht.

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