Experte: Hackerangriff in Ministerien in ganz Europa möglich
Die russische Cyberattacke auf deutsche Regierungsstellen könnte nach Einschätzung eines Experten Teil eines größeren, organisierten Spionageangriffs auf EU-Staaten sein. Das sagte der Leiter des Cyberspionage-Analyseteams der US-Sicherheitsfirma FireEye, Benjamin Read, der deutschen „Welt“ (Donnerstag-Ausgabe).
Hinter dem Angriff auf das besonders geschützte Netzwerk der deutschen Bundesregierung steckt seinen Angaben zufolge die Hackergruppe „APT28“. „Wir beobachten seit einigen Monaten, dass ‚APT28‘ gezielt Außen- und Verteidigungsministerien in der Europäischen Union angreift und versucht, sich Zugang zu geschützten Systemen zu verschaffen“, sagte Read der „Welt“.
"Indizien für Mitwirken staatlicher Behörden
Diese Erkenntnis habe sein Team aus bestimmten E-Mails - Spearphishing-Mails - gewonnen, „die unsere Sicherheitssysteme in den vergangenen Monaten bei diversen EU-Regierungen entdeckt haben“. Die Forscher der Firma FireEye ordnen die Hackergruppe „APT28“ dem russischen Staat zu. „APT28“ sei „eindeutig keine gewöhnliche Gruppe krimineller Hacker, die auf finanzielle Gewinne aus ist“, so Read.
Read gehörte zu Forschern, die 2014 erstmals auf die Gruppe aufmerksam machten, und beschäftigt sich seitdem fast ausschließlich mit der Abwehr und Erforschung der russischen Staatshacker. „Die Auswahl der Ziele, die verwendeten Methoden, das jahrelange Durchhaltevermögen - allesamt klare Indizien für das Mitwirken staatlicher Behörden sowie die Finanzierung durch einen Staat“, sagte er. „Welcher Geheimdienst genau hinter ‚APT28‘ steckt, ist noch nicht aufgeklärt - doch die Beteiligung russischer Behörden gilt uns als sicher.“
Hacker knacken deutsches Regierungsnetz
Das deutsche Innenministerium hatte gestern am späten Abend Medienberichte bestätigt, dass Hacker in das Datennetz der Regierung eingedrungen waren. Ziel des Angriffs sollen etwa das Außen- und Verteidigungsministerium gewesen sein. Die Verantwortlichen vermuten die Geheimdienste in der Hackergruppe „APT28“ und damit in Russland. Die Cyberattacke soll schon im Dezember entdeckt worden sein - wobei „schon“ relativ ist. Sie ging möglicherweise schon ein ganzes Jahr lang.
Mehr dazu in Spur soll nach Russland führen
Die deutschen Sicherheitsbehörden haben den Hackerangriff auf das Datennetzwerk des Bundes nach Darstellung der Bundesregierung inzwischen unter Kontrolle. „Innerhalb der Bundesverwaltung wurde der Angriff isoliert und unter Kontrolle gebracht“, erklärte das Innenministerium.
CDU-Experte sieht bisher keine Beweise für russische Hacker
Der CDU-Geheimdienstexperte Patrick Sensburg sieht bisher keine klaren Belege für eine Beteiligung russischer Hacker an dem IT-Angriff. Die Untersuchung werde einige Zeit dauern, sagte das Mitglied im Geheimdienst-Kontrollgremium des Bundestags im ZDF-„Morgenmagazin“.
Es gebe zwar „hinreichende Beweise“, dass die russische Hackergruppe „APT28“ Kontakte zum russischen Geheimdienst habe. Man müsse aber auch untersuchen, ob andere Hacker „auf dem Ticket von ‚APT28‘ fahren, obwohl es gar nicht Russland ist“.