Der „Prototyp des feigen Beamten“
Der Goldene Bär der 68. Berlinale geht an den radikalen rumänischen Experimentalfilm „Touch Me Not“. Auch Österreicherinnen sind unter den Preisträgerinnen: Regisseurin Ruth Beckermann wurde am Samstagabend in Berlin für ihren Doku-Essay „Waldheims Walzer“ für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet.
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In dem Dokumentarfilmprojekt über die Waldheim-Affäre verbindet sie ihre Aufnahmen von den Demonstrationen im Jahr 1986 mit internationalem Archivmaterial. Dafür erhielt sie nun den Glashütte Original Dokumentarfilmpreis. Der Film hatte im renommierten Berlinale Forum seine Weltpremiere gefeiert, die Österreich-Premiere folgt bei der Diagonale (13. bis 18. März) in Graz, der Kinostart ist für den Herbst vorgesehen.

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Ruth Beckermann nahm in Berlin den Preis für „Waldheims Walzer“ entgegen
Allerdings hatte Beckermann die ersten Bilder ihres vom ORF geförderten Films bereits 2016 bei der Diagonale in Graz vorgestellt. Damals wollte die Regisseurin den Film noch „Waldheim oder The Art of Forgetting“ nennen. „Als Figur ist Waldheim ziemlich uninteressant“, so Beckermann damals im ORF.at-Interview. „Weder war er ein wirklicher Nazi, noch war er ein Kriegsverbrecher, mehr so ein Prototyp des feigen österreichischen Beamten.“
„Roher Antisemitismus auf der Straße“
Beckermann integrierte in ihrer Doku Wahlkampfaufnahmen, die sie 1987 auf dem Wiener Karmelitermarkt gedreht hatte: „Damals war roher und klassischer Antisemitismus auf der Straße. Diese Generation hat noch gelebt! Und die haben einfach die Sau rausgelassen. Die Stimmung war damals so aufgeheizt, ich hab’ am Karmeliterplatz wie am Stephansplatz gedreht bei Wahlkundgebungen und Protesten dagegen. Heute kann man sich diesen Antisemitismus nicht mehr vorstellen“, so die Regisseurin.

Ruth Beckermann Filmproduktion
Der frühere österreichische Bundespräsident Kurt Waldheim steht im Zentrum von Beckermanns Dokumentarfilm
Weiterer Preis nach Österreich
Ein weiterer Preis geht an österreichische Künstlerinnen: Katharina Mücksteins Coming-of-Age-Drama „L’Animale“ mit unter anderen Sophie Stockinger, Kathrin Resetarits und Simon Morze erreichte Platz drei beim Panorama-Publikumspreis: Die 18-jährige Mati ist in ihrer Dorfclique aus Motocross-Fahrern gut verankert – bis emotionale Verwerfungen die Selbstsicherheit, die die Gang verbreitet, stören. In Mücksteins Film muss Mati andere Bezugspunkte knüpfen, um im Leben weiterzukommen. Die Elterngeneration kann dabei offenbar auch nicht viel helfen. Kinostart ist am 16. März.
„Das haben wir nicht erwartet“
Eine weitere Regisseurin darf sich über den Hauptpreis freuen: Die Rumänin Adina Pintilie (38) erforscht in ihrem semidokumentarischen Film die Spielarten und Grenzen menschlicher Sexualität. Während des Festivals hatte das auch mit deutschem Geld realisierte Werk die Kritiker gespalten. Als Präsident der Jury hatte sich Regisseur Tom Tykwer („Lola rennt“) „wilde und sperrige“ Filme gewünscht. „Wir haben herausgefunden, dass wir nicht nur würdigen wollen, was das Kino kann, sondern auch, wo es vielleicht noch hingehen kann“, sagte Tykwer über die Auswahl der von ihm geleiteten Jury.

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„Das haben wir nicht erwartet“, zeigte sich die Preisträgerin des Goldenen Bären, Adina Pintilie, überrascht
Es ist das zweite Mal, dass ein rumänischer Film die höchste Auszeichnung des Festivals gewinnt. Die deutschen Favoriten gingen leer aus, obwohl ihnen zum Teil große Chancen eingeräumt worden waren. Eine weitere Regisseurin aus Osteuropa erhielt den Großen Preis der Jury. Die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska nahm den Silbernen Bären für ihren Film „Twarz“ entgegen. Beide Filme gehörten bei den Kritikern nicht zu den heißen Favoriten.

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Auch die polnische Regisseurin Malgorzata Szumowska zählte nicht zum Favoritenkreis
Die Juryentscheidung bewies erneut, dass Frauen bei dem Festival eine starke Rolle spielten. Das gilt auch für den paraguayischen Film „Die Erbinnen“ („Las herederas“) von Marcelo Martinessi, der den Alfred-Bauer-Preis erhielt. Die Auszeichnung gilt einem Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet. Ana Brun (68) bekam für ihre Rolle in dem tragikomischen Drama um ein alterndes lesbisches Paar den Silbernen Bären als beste Darstellerin.
Bester Schauspieler Anthony Bajon
Zum besten Schauspieler kürte die Jury den Franzosen Anthony Bajon (23), der in Cedric Kahns „Das Gebet“ einen 22-jährigen Drogenabhängigen spielt. Als großer Anwärter auf den Darstellerpreis war auch der 32-jährige Berliner Franz Rogowski gehandelt worden. Der diesjährige Shootingstar der Berlinale überzeugte sowohl in Christian Petzolds Flüchtlingsdrama „Transit“ als auch in Thomas Stubers poetischem Liebesfilm „In den Gängen“. Weder er noch die als Favoritin gehandelte Marie Bäumer als Romy Schneider in der österreichischen Koproduktion „3 Tage in Quiberon“ konnte jedoch einen der begehrten Darstellerpreise ergattern.
„Ich bin ein Berliner ... Hund“
Den Silbernen Bären für die beste Regie sprach die Jury dem US-Kultfilmer Wes Anderson zu. Mit seiner märchenhaften Hundeparabel „Isle of Dogs“ hatte erstmals ein Animationsfilm die Berlinale eröffnet. Seine Stop-Motion-Tricktechnik kam auch beim Publikum gut an.

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Schauspieler Bill Murray nahm für Regisseur Wes Anderson den Silbernen Bären entgegen
Anstelle des verhinderten Anderson nahm der US-Schauspieler Bill Murray den Silbernen Bären entgegen, der in dem Film einem Hund seine Stimme leiht. „Ich hätte nie gedacht, dass ich als Hund zur Arbeit gehe und mit einem Bären nach Hause komme“, sagte Murray. „Ich bin nur ein weiterer Amerikaner der nach Berlin kommt und sagt: ‚Ich bin ein Berliner ... Hund.‘“
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