Unerfüllter Wunsch nach „etwas Großem“
Während rund um Klagenfurt und Villach große Arbeitgeber für viele Arbeitsplätze sorgen, ist gerade für abgelegene Täler in Kärnten der Tourismus oft die einzige Möglichkeit, Jobs zu schaffen. Doch auch der Tourismus stößt hier an seine Grenzen.
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Das Mölltal in Oberkärnten gilt als touristisch reizvoll, wirtschaftlich gehört es zu den Problemgebieten. Mit über elf Prozent Arbeitslosigkeit lag der Bezirk Spittal an der Drau 2017 auf Platz zwei hinter Wien. Durch den Fokus auf Tourismus und Baugewerbe ist die Arbeitslosigkeit stark saisonal getrieben, Industrie gibt es heute kaum noch beziehungsweise nicht genug.
Die wirtschaftliche Situation spiegelt sich auch im Wahlverhalten wider: Die Brüder Uwe und Kurt Scheuch haben ihre politische Karriere im Mölltal gestartet, bei der letzten Landtagswahl haben die FPÖ Kärnten (vormals FPK), das BZÖ und das Team Kärnten (hervorgegangen aus dem Team Stronach) hier in einzelnen Gemeinden jeweils die meisten Wählerstimmen in ganz Kärnten bekommen.
Oberkärnten bis Karawanken
ORF.at hat jene Gemeinden in Kärnten besucht, in denen die einzelnen Parteien bei der letzten Landtagswahl 2013 jeweils die meisten Stimmen im Land bekommen haben: Zell (SPÖ und Grüne), die Mölltaler Gemeinden Großkirchheim (FPK), Flattach (Team Stronach) und Stall (BZÖ) sowie Lesachtal (ÖVP) im Lesachtal.
Das Tal der gelben Stiefel
Die Arbeitsplätze in der Industrie sind in vielen Gebieten im Mölltal in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen. In der Sesselfabrik in Flattach arbeiteten vor 40 Jahren 80 Menschen, heute sind es 15. Auch beim lokalen Energieversorger KELAG sind statt 70 Leuten wie vor 40 Jahren nur noch rund 30 Menschen angestellt. Große Arbeitgeber wie der Schuhhersteller Gabor beschäftigten einst 1.200 Menschen, heute ist der größte Arbeitergeber der Arzneimittelhersteller Merck mit rund 400 Mitarbeitern, gefolgt von Kärntnermilch, Volpini-Verpackungen und dem Holzverarbeiter Hasslacher Norica Timber.
Viele Arbeitsplätze seien in den Tourismus abgewandert, einige ins Baugewerbe, heißt es in der Mölltaler Gemeinde Flattach gegenüber ORF.at. Der Baukonzern STRABAG hat in Spittal eine große Niederlassung. Im Baugewerbe verlassen viele oft für Wochen das Tal, das im Baugewerbe auch „Das Tal der gelben Stiefel“ genannt wird - wegen der gelben Stiefel der Tunnelarbeiter, die regelmäßig auf Schicht fahren.
Auch Flattach ist stark vom Tourismus geprägt, es gibt viele Apartments und Pensionen in der Gemeinde, aber eigentlich brauche das Tal „was Großes“, mit ein paar hundert Betten und entsprechenden Arbeitsplätzen, als Anziehungspunkt für Touristen und Arbeitssuchende, heißt es in einem lokalen Beherbergungsbetrieb.
Trauer um abgesagtes Hoteldorf
Ein großes Projekt gab es bereits, doch es wurde abgesagt, erzählen lokale Wirtsleute gegenüber ORF.at. 80 Millionen wollten Investoren, darunter der Industrielle Hans-Peter Haselsteiner, in ein Hoteldorf investieren, Voraussetzung dafür war eine Abfahrtspiste vom Mölltaler Gletscher. Diese Piste wurde allerdings nicht genehmigt - sie war mitten durch ein Naturschutzgebiet geplant.

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Flattach liegt genau zwischen den Bergen - viel Platz zum Ausbreiten ist nicht mehr
Einige hundert Arbeitsplätze hätte das Hoteldorf bringen sollen und davon hätten auch sie in Flattach profitiert, sind sich die Wirtsleute sicher. Das Geld sei nun woandershin geflossen. Mit den großen Skigebieten könne man nun nicht mithalten. „Im Mölltal haben sie uns vergessen“, so die Wirtsleute mit merkbarer Verbitterung. Sie hoffen nun auf die neue Regierung in Wien und dass die Politik stärker „auf die Regionen schaut“. Dass mehr Tourismus das Tal auch belasten könnte, sehen sie nicht. „Die Autos, die kommen, die machen uns nix, auch nicht, wenn viele kommen. Wir haben Luft in Bewegung, das zieht sofort weg.“
Von der Nord-Süd-Verbindung abgeschnitten
Seit dem Bau der Tauernautobahn in den 1970er Jahren gilt das Mölltal als quasi abgeschnitten, davor war es vor allem durch die Nord-Süd-Route stark frequentiert. Vor der Autobahn seien die Kolonnen auf dem Weg in den Süden 30 Kilometer lang durch das Tal gestaut, und die Menschen im Ort hätten ihre Betten an Durchreisende vermietet, heißt es gegenüber ORF.at weiter. 2.000 Nächtigungen zählte der Ort damals, doch das sei lange vorbei. Heute gebe es zwar weiterhin viel Tourismus, doch der sei kleinteilig, Investitionen fehlten.
Die Arbeitslosenzahlen im Jänner
Das Geschäft geht offenbar dennoch ausreichend gut, denn im örtlichen Tourismus werden Mitarbeiter gesucht. Das sei aber gar nicht einfach, so ein Betrieb gegenüber ORF.at. Einerseits fehlten im Tal die jungen Menschen, die oftmals zum Arbeiten woandershin gehen. Andererseits seien gerade die Frauen, die noch im Tal sind, unflexibel. Sie hätten zwar Zeit, wenn ihre im Tunnelbau tätigen Männer längere Zeit weg sind. Wenn die Männer aber zurück seien, würden diese darauf bestehen, dass dann auch die Frauen zu Hause sind.
Die wiederkehrenden Leerläufe in ihrem Geschäft, wenn in der klassischen Hochsaison andere Skigebiete attraktiver sind, würden die Personalsuche zusätzlich erschweren, so die Wirtsleute. Wenig hilfreich bei der Suche sind allerdings wohl auch die Arbeitszeiten im Tourismus, die mit einem Familien- bzw. Sozialleben schlecht vereinbar sind.
Kinderbetreuung als logistische Herausforderung
Zugleich gibt es noch andere Hindernisse für Arbeitswillige im Tal, etwa die Kinderbetreuung. Vor allem am Nachmittag sei es schwer, Betreuungsmöglichkeiten für Kinder unter sechs Jahre zu finden, heißt es in Großkirchheim. Flexiblere Tagesmütter seien selten und meist zu teuer, denn gerade im Tourismus sind die Jobs auch nicht gerade besonders gut bezahlt - da lohne es sich manchmal gar nicht erst, arbeiten zu gehen.

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Zudem könne die Kinderbetreuung schon einmal zur logistischen Hochleistung werden, wenn etwa ein Kind seinen Betreuungsplatz in einem Ort, das andere Kind aber in einem anderen Ort hat, erzählt eine Mutter. „In der Stadt hast du viele Möglichkeiten, aber bei uns am Land nicht. Und ohne Auto kannst du ohnedies nichts machen“ - das Auto müsse aber erst einmal finanziert werden.
Die jungen Erwerbstätigen fehlen
Mitarbeiter werden auch im Tourismus in anderen Kärntner Tälern wie dem Lesachtal gesucht. Auch hier fehlten oft junge Menschen im erwerbsfähigen Alter, heißt es gegenüber ORF.at. Auf dem Land gebe es keine Reserven wie in der Stadt: Wer bereits einen Job habe, wechsle nicht, wer keinen hat, der sucht und arbeitet meist außerhalb. Wer schließlich doch zurückkommt, hat oft persönliche Gründe: Die Bezahlung in Kärnten ist deutlich geringer als in anderen Tourismusgebieten, etwa in Tirol.

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Auch im Lesachtal sieht man das einzige Heil in größeren Betrieben. Dadurch würden viel mehr Arbeitsplätze entstehen und mehr Infrastruktur, die alleine schon für die Mitarbeiter benötigt würden. Von der wachsenden Infrastruktur würde auch die lokale Bevölkerung profitieren. In Flattach wünscht man sich etwa ein zweites Kaufhaus und ein ganzjährig benutzbares öffentliches Bad mit entsprechendem Wellnessbereich. Derzeit müsste man die eigenen Besucher auf entsprechende Angebote in anderen Gemeinden verweisen, irgendwann würden sie dann überhaupt wegbleiben und gleich woanders hinfahren.
Schnelles Internet alleine reicht nicht
Die Wachstumsmöglichkeiten in den Tälern haben allerdings natürliche Grenzen. Selbst eine Versorgung mit schnellem Internet, wie von der Politik propagiert, mit dem Ziel, auch in abgelegeneren Regionen Hochtechnologiebetriebe ansiedeln zu können, sehen die Hoteliers im Mölltal kritisch. „Unser Platzangebot ist beschränkt, das ist für die Industrie, die ja wachsen will, schwierig“, heißt es in Flattach. Auch bei kleineren Firmen gebe es Probleme - man müsse den Menschen was bieten, von Freizeitmöglichkeiten bis hin zum Einkauf - und ebenfalls den Platz, ein Haus bauen zu können. Mietmöglichkeiten gibt es in den Gemeinden selten.
Tourismus ist in Kärnten nicht alles
Tourismus ist nur ein Teil der Kärntner Wirtschaft. Technologiebetriebe und produzierende Industrie, darunter Infineon in Villach und der Autozulieferer Mahle in Wolfsberg und bei Bleiburg, mit jeweils ein paar tausend Mitarbeitern, sind in Kärnten durchaus stark vertreten. Entsprechend zählen Elektronik, Maschinen- und Anlagenbau, aber auch holzverarbeitende Industrie, Bau und erneuerbare Energie und Umwelttechnik laut Wirtschaftskammer zu den führenden Wirtschaftszweigen Kärntens.

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Das Mölltal gilt als touristisch reizvoll
Beherbergung und Gastronomie machten 2016 in Kärnten 6,5 Prozent der lokalen Wertschöpfung von 17 Mrd. Euro aus, die gesamte Tourismus- und Freizeitwirtschaft laut einer Studie des IHS 15 Prozent - wobei naturgemäß auch andere Bereiche vom Tourismus profitieren, etwa der Handel. Führend sind das Verarbeitende Gewerbe mit 20 Prozent und Grundstückswesen und Unternehmensdienstleistungen mit 16,4 Prozent. Dahinter folgen Handel und Kfz-Reparaturen.
„Die wollen nicht so viele Leute“
Wirtschaftlich zu klagen haben die Tourismusbetriebe im Mölltal offenbar nicht, die Buchungslage ist überall gut, wobei der heurige Winter mit dem vielen Schnee seinen Teil dazu beigetragen hat. Beim Wunsch nach vielen Gästen und dem Ausbau des touristischen Angebots im Mölltal sehen lokale Beobachter allerdings durchaus ein Problem in der lokalen Mentalität, etwa wenn die Mölltaler die unberührte Landschaft und das saubere Wasser und die Luft loben: „Manchmal glaube ich, die wollen das alle nicht, die wollen nicht so viele Leute haben - aber meckern dann, wenn es keine Arbeit gibt und sie woanders zum arbeiten hinfahren müssen.“
Links:
Nadja Igler (Text), Carina Kainz (Bild), Günter Hack (Datenaufbereitung), alle ORF.at