Entschleunigung auf den Fernsehschirmen
Der norwegische öffentlich-rechtliche Sender NRK hat mit entschleunigten TV-Formaten schon einige Erfahrung - und damit auch andere Fernsehstationen auf den Geschmack gebracht. Seit mehreren Jahren experimentieren die norwegischen Fernsehmacher mit Slow-TV-Konzepten.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Anlässlich des 100-Jahr-Jubiläums der Bergen-Bahn strahlte der Sender die komplette Reise von Bergen bis Oslo, die oft als die schönste Bahnstrecke der Welt bezeichnet wird, in Echtzeit aus - sieben Stunden und 16 Minuten lang. Vier am Zug montierte Kameras filmten dabei die Fahrt durch die Landschaft, eine „Orgie an Naturschönheit“ wie es in der Sendungsbeschreibung hieß.
Zu Lande und zu Wasser
Unterbrechungen gab es nur während der Tunnelpassagen, die dafür genutzt wurden, um historisches Material zu zeigen und Interviews mit Passagieren und Bahnmitarbeitern einzuspielen. Die Sendung erwies sich als Überraschungshit - mehr als 1,2 Mio. Norweger verfolgten das Programm zumindest zeitweise, 172.000 blieben vom Start bis zum Ziel dabei.

APA/AFP/NRK
Die Bahnfahrt aus der Fahrerperspektive
2011 entschloss man sich, das Konzept aufs Wasser zu verlegen und mit der Hurtigruten zu wiederholen. Die traditionelle Postschifflinie verbindet seit dem späten 19. Jahrhundert die Orte der über 2.700 Kilometer langen norwegischen Westküste von Bergen bis Kirkenes. Weil die Fahrt mit über 134 Stunden aber selbst das ambitionierteste Slow-TV-Publikum überfordert hätte, entschied man sich damals, die Sendung im Internet zu übertragen und nur Auszüge im Fernsehen zu bringen. Via Livestream hatten damals auch Fans aus aller Welt die Möglichkeit, die Fahrt zu verfolgen.
Hacken, Trocknen, Stapeln und Verbrennen
Nach den Reisedokumentationen ging der NRK noch einen Schritt weiter in der Entschleunigung und testete die Limits des Slow-TV-Konzepts. Für die „Nationale Holzfeuernacht“ wurde der Sender mit Traumquoten belohnt - dabei war über acht Stunden hinweg kaum etwas anderes zu sehen als ein prasselndes Kaminfeuer, unterbrochen von Interviews und Diskussionen zu den Themen Feuer und Holz - vom richtigen Hacken, Trocknen, Stapeln bis zum Verbrennen.
Die hohen Zuschauerzahlen der Slow-TV-Ereignisse waren vermutlich auch der Auslöser für den privaten Sender VGTV, ein derartiges Format zu testen und gleichzeitig einen Weltrekord aufzustellen. Mit einer Zeit von genau 30 Stunden führte der Journalist Mads Andersen das längste durchgehende Einzelinterview mit Hans Olav Lahlum, einem Schriftsteller, Historiker, Politiker und Schachspieler.
Stricken, bis die BBC kommt
2013 setzte NRK nach und sendete die Produktion eines Pullovers - angefangen vom Schweren eines Schafs. Den längsten Teil der mehrstündigen Sendung war dann dem Stricken gewidmet, Masche um Masche wurde filmisch dokumentiert. 2017 zeigte der Sender dann eine Woche lang die Wanderung einer Rentierherde vom Hochland an die Küste - in Echtzeit.
2015 sprang dann auch die britische BBC auf. Sie brachte unter anderem idyllische Fahrten auf Kanalbooten quer durch England und die Herstellung eines Glaskrugs, wobei die Darstellung des Glasbläsers durchaus als langatmig beschrieben wurde.
Heftige Debatte über Faszination Slow TV
Aber worin liegt die Faszination des norwegischen Slow TV? Beobachter von ausländischen Fernsehstationen und Zuschauer auf Twitter und Facebook debattieren diese Frage schon seit Beginn des Trends - und stellen meist selbst überrascht fest, wie sehr sie von den Echtzeitübertragungen gefesselt sind. „Es ist das Gegenteil von fast allen anderen Fernsehsendungen - deshalb hebt es sich hervor, und das ist auch der Grund, warum so viele Menschen zuschalten“, erklärte der Projektverantwortliche der Hurtigruten-Sendung gegenüber Reuters.
Link: