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Schnelle Produktion von Prototypen

Das Silicon Valley für Hardware, so wird die südchinesische Stadt Shenzhen oft genannt. Ein Großteil der in China produzierten Elektronik kommt aus der Millionenmetropole. Im Zentrum Shenzhens liegt einer der größten und wundersamsten Märkte für Elektronik der Welt: ein Mekka für Elektroniknerds.

Der Elektronikmarkt im Stadtviertel Huaqiangbei umfasst mehrere Blocks und besteht aus rund 20 mehrstöckigen Malls. Die Geschäfte darin sind meist nur wenige Quadratmeter groß - und beinhalten doch viele Schätze. Von der neuesten Drohne über diverse iPhone-Kopien bis zu einzelnen elektronischen Komponenten gibt es hier fast alles, was das Herz von Elektronikbastlern begehrt: Mit den unzähligen Platinen, Chips und LC-Displays in verschiedenen Größen kann man jederzeit vor Ort ein Smartphone oder einen Computer bauen oder auch gleich Tausende davon.

Bastler in Shenzhen

ORF/Alexandra Siebenhofer

In den kleinen Geschäften wird fast alles angeboten, was es zum Elektronikbau braucht

Viele der Händler sind auf ein bestimmtes Bauteil spezialisiert. In den Auslagen finden sich LEDS, Widerstände, Regler, Chips und ganze Bänder mit Tausenden Transistoren. Nicht alle Teile sind neu, viele sind aus alten Lagerbeständen, aufgelassenen Produktionen oder überhaupt gebraucht. In der Recyling Mall werden gebrauchte Geräte gezielt ausgeweidet, um die Bauteile wiederzuverwenden. Alte Tablets werden dort etwa auseinandergebaut und nach Verwertbarem aussortiert. Alles was brauchbar ist, wie Chips und Speicher, wird abgelöst. Ein anderes Kaufhaus ist ganz auf das Reparieren von Smartphones spezialisiert.

Bastler in Shenzhen

ORF/Alexandra Siebenhofer

Findige Bastler kombinieren mitunter Geräte, die auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammengehören

In den kleinen Shops gibt es auch viele Gadgets, die ein paar Monate später in Österreich auf den Markt kommen und einen Hype kreieren. Das Hoverboard wurde etwa in Shenzhen populär und hundertfach nachgebaut, ebenso der Fidget Spinner. Bekannt ist der Markt in Huaqiangbei auch für seine ungewöhnlichen Produkte, wie etwa riesige LCD-Fernseher eingefasst in einen Bilderrahmen und aus Einzelteilen direkt im Markt zusammengeschraubt. Selbst eine derartige Maßanfertigung ist um ein Vielfaches billiger als ein gleichwertiges Markenprodukt.

Abkupfern und verbessern

Shanzhai werden diese selbstgebauten No-Name-Produkte auf dem Markt genannt. Das Wort leitet sich ursprünglich von einem Märchen ab, einer Art Robin-Hood-Saga, in der sich renitente Outlaws in eine Bergfestung zurückziehen, um vor Recht und Gesetz zu fliehen. Heute steht Shanzhai für billige, nicht lizensierte Produkte, Produktfälschungen oder Plagiate. Am größten ist die Shanzhai-Auswahl bei Telefonen.

Bastler in Shenzhen

ORF/Anna Masoner

Die Auswahl bei Handys ist groß, bunt und beeindruckend

Shanzhai-Erfinder und -Produzenten kupfern allerdings nicht nur ab oder kreieren schrullige Gadgets wie ein Telefon in Auto- oder Apfelform. Viele der Produkte bieten auch einen tatsächlichen Mehrwert, etwa ein iPhone-Nachbau mit zwei SIM-Karten-Slots oder Telefone mit Akkus, die monatelang halten. Ein Telefon mit sieben Lautsprechern entpuppte sich als weltweiter Verkaufshit: Bauarbeiter beschallen damit ihren Arbeitsplatz.

Bastler in Shenzhen

ORF/Anna Masoner

Die Industrie in Shenzhen gibt sich selbstbewusst

Da die Produkte nicht lizensiert sind, kann sie auch jeder nachbauen und verändern. Das führt dazu, dass Erfinder in Shenzhen sehr schnell sein müssen, wenn sie mit einer Idee Geld machen wollen. Der „Shenzhen Speed“ ist legendär: Einen Prototypen oder gar ein fertiges Produkt kann man dank des dichten Ökosystems hier dreimal so schnell fertigen wie anderswo. Kickstarter-Projekte wurden schon in den Malls gesichtet, bevor sie an ihre Unterstützer ausgeliefert wurden.

Aufstieg zur Elektronikwerkbank der Welt

Shenzhen war eine der ersten Sonderwirtschaftszonen, die ab Anfang der 1980er Jahre in China eingerichtet wurden. In wenigen Jahren wurden im Hinterland von Hongkong Fabriken und Straßen aus dem Boden gestampft, es entstanden große Frachthäfen und neue Wohnviertel für Arbeiter. Heute ist Shenzhen neben Shanghai, Peking und Hongkong eine der wichtigsten Wirtschaftsmetropolen Chinas. Rund 15 Millionen Einwohner leben in der Stadt, fast hundertmal so viel wie noch vor 40 Jahren - mehr dazu in oe1.ORF.at.

Bastler in Shenzhen

ORF/Alexandra Siebenhofer

Rund 15 Millionen Menschen leben mittlerweile in Shenzhen

Bekannt ist Shenzhen für große Auftragsfertiger wie Foxconn, Produzent von Apples iPhone. Es gibt aber auch viele kleine Hinterhausfabriken, die von dem einzigartigen Ökosystem der Elektronikhändler profitieren - und umgekehrt. Die Fabriken sind genau auf die findigen Händler von Huaqiangbei, ihre Elektronikmärkte und ihre günstigen Bauteile angewiesen, um selbst möglichst schnell und billig produzieren zu können. Selbst die vielen Paketboten in der Stadt sind fixer Teil dieses Ökosystem. Denn die Händler verschicken ihre Schätze über die Onlineplattformen Taobao und Alibaba in die ganze Welt.

Bastler in Shenzhen

ORF/Alexandra Siebenhofer

Recycelt oder neu: In Shenzhen wird alles verbaut, was brauchbar ist

Mit dem Boom kam auch die Nachfrage nach Lebensraum und Arbeitern - und damit stiegen die Löhne und Mieten. Auch die Umweltauflagen werden immer strenger. Viele Firmen ziehen mittlerweile in den Nordosten oder gleich in eine andere Provinz ins Landesinnere. Shenzhen aber bleibt mit den Elektronikmärkten weiterhin eines der wichtigsten Zentren der Elektronikbranche.

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