Mitmachsender ORF
Das Verschwimmen der Grenzen zwischen Medienmachern und Publikum, zwischen Sender und Empfänger: Erst das Internet scheint das Versprechen eines interaktiven Mediums einzulösen. Doch auch das Fernsehen versuchte früh das Publikum einzubinden. Vor allem in den 1980er Jahren wurden auch im ORF etliche Versuche dazu gestartet: Aus heutiger Sicht sind sie alles zwischen richtungsweisend und skurril.
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Einen Rückkanal des Publikums zum Massenmedium Fernsehen zu etablieren galt schon früh als hehrer gesellschaftspolitischer Wunsch. Bertolt Brecht forderte bereits um 1930 in seiner Radiotheorie, der Rundfunk müsse vom „Distributionsapparat in einen Kommunikationsapparat“ verwandelt werden.
Bürger zu Wort kommen lassen
Mit den Erfahrungen von Propaganda und Manipulation durch Massenmedien in der Nazi-Zeit wurde die Forderung nach Teilhabe des Publikums auch im aufbrechenden Fernsehzeitalter lauter. Die Trennung zwischen Konsumenten und Produzenten müsse aufgehoben werden, meinte etwa Hans Magnus Enzensberger in seiner 1970 erschienenen Medientheorie.
Nur wie dieser Rückkanal technisch realisierbar wäre, blieb lange Zeit offen - abgesehen vom Leserbrief, mit dem Zuseher um Tage zeitverzögert ihre Meinung zum Programm kundtun konnten. Leichter war es da, die Zuseher zu Wort kommen zu lassen, wie bei den ab 1963 von Helmut Zilk moderierten „Stadtgesprächen“ im ORF und freilich vor allem im Radio vertretenen Call-in-Sendungen.
Interaktives Fernsehspiel als Riesenprojekt
Das vielleicht spektakulärste Projekt in Sachen interaktives Fernsehen wagte der ORF 1985: Unter der Federführung von Programmintendant Ernst Wolfram Marboe wurde mit „Simsalabim Bam Bum oder Der Barometermacher auf der Zauberinsel“ das erste interaktive Fernsehspiel der Geschichte produziert - und das mit gewaltigem Aufwand.
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Enormer Aufwand wurde betrieben - und ein „dreibeiniger“ Elefant durchs TV-Studio getrieben
Für die sechsteilige Serie frei nach Ferdinand Raimunds „Zauberposse“ wurde alles, was Rang und Namen hat, an heimischen Schauspielern verpflichtet. Zudem gab es Starauftritte von Hans Krankl, Rainhard Fendrich und Falco, Letzterer musste auf einem „singenden“ Kamel reiten. Ein Elefant und ein Leopard wurden ebenfalls ins Fernsehstudio geholt.
Neueste Technologie
Gedreht wurde mit der damals neuen Bluescreen-Technik, die es erlaubt, Hintergründe im Bild zu ergänzen. Sogar für Unterwasserszenen, im Wiener Stadthallenbad gedreht, wurde die Technologie eingesetzt - angeblich erstmals weltweit. Eingespielt wurden die Hintergründe mit damals neuartigen Bildplattenspielern. Und genau über diese Einspielungen sollte das Publikum entscheiden - allerdings nicht unbedingt das Publikum zu Hause.
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Der „Barometermacher“ wurde als ein Blick in die Fernsehzukunft gesehen - auch von Experten
Ein Theater war die Kulisse für das Fernsehspiel, und 280 Kinder im Publikum entschieden etwa über Kulissen, Kostüme und Musikauswahl. Bei den recht hohen Erwartungen blieben es also dann eher Detailfragen, bei denen es eine Mitbestimmung gab.
Kein ganz großer Erfolg
Erst der sechste Teil, losgelöst von Raimunds Stück, sollte „eine Million“ Möglichkeiten im Ablauf haben. Den Zusehern schien das Spektakel dann vielleicht zu kompliziert, schließlich war an die Auswahl der Publikumsentscheidungen auch noch eine Art Lotto-Gewinnspiel gekoppelt. Vielleicht klappte auch die Gratwanderung aus Hochkultur, Kinderfernsehen und damaligem Hightech-Avantgardismus nicht. Zum nachhaltigen Erfolg wurde das Projekt jedenfalls nicht.
Die eingeladene Prominenz vom damaligen Bundespräsidenten Kurt Waldheim abwärts zeigte sich beeindruckt vom Projekt - aber auch ein bisschen ratlos
Vom Bildplattenspieler zum „Wurli“
Dafür wurde eine andere ORF-Sendung, bei der ein Bildplattenspieler zum Einsatz kam, zum Renner: der „Wurlitzer“. 1985 startete das „Das rot-weiß-rote Wunschprogramm“ mit Moderator Peter Rapp noch im Samstag-Hauptabendprogramm. 1987 übersiedelte der „Wurli“ dann ins tägliche Nachmittagsprogramm und wurde zum Hit.
Die Idee war freilich einfach: eine Wunschsendung wie im Radio - nur eben im Fernsehen und in Echtzeit. Anrufer konnten ihre Wunschclips ordern, die dann vom „Wurlitzer“ und in späterer Folge per Einspielung auf Sendung gingen. Rapp, Elisabeth Engstler, Reinhard Jesionek, Alfons Haider, Nora Frey und Vera Russwurm präsentierten den „Wurlitzer“. Mit zunehmend redundanten Wünschen (Stichwort: „Zillertaler Hochzeitsmarsch“) wurde er 1995 eingestellt.
Anrufer als Spieler
Ebenfalls in den späten 1980er Jahren setzte der ORF mit „Superflip“ auf eine „interaktive“ Spielshow. Martina Rupp und Thomy Aigner moderierten abwechselnd die Sendung, bei der Anrufer per Sprache einen Flipper bedienen konnten. Das mitunter recht lautstark gebrüllte „Flip, Flip“, um einen der Hauptpreise zu ergattern, wirkt vor allem aus heutiger Sicht ein wenig befremdlich.
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„Superflip“: Der Fernsehschirm als sprachgesteuerter Flipper
Ebenfalls per Stimme steuerten Anrufer in den 1990er Jahren in „Willkommen Österreich“ ein Männchen über eine Österreich-Karte, um bei „Punktgenau“ einen gesuchten Ort zu treffen. Derartige Spiele, bei denen es auf Reaktionen in Echtzeit auf das Fernsehbild ankommt, waren übrigens nur mit dem analogen Fernsehsignal möglich - im Digitalzeitalter gibt es Zeitverschiebungen von wenigen Sekunden in der Ausstrahlung.
Abstimmen mit der Klospülung
Eine weitere Form der Interaktivität wurde bereits viel früher etabliert: die Abstimmung durch das Publikum. Eine Frühform brachte bereits 1969 die Show „Wünsch Dir was“. Das Publikum wurde aufgefordert, per Strom- und Wasserverbrauch quasi in Echtzeit über die Sieger der Sendung zu entscheiden, Versorgungsbetriebe registrierten den Mehrbedarf durch aufgedrehte Lichter und betätigte Klospülungen und teilten das Ergebnis live in der Sendung mit.
Und was sagt der TED?
Leichter wurde es erst durch den erstmals 1979 vom deutschen ZDF entwickelten und zum Einsatz gebrachten Tele-Dialog, kurz TED, mit dem das Publikum zu Hause per Telefon abstimmen konnte. Österreichische Zuseher kamen vor allem mit „Wetten, dass..?“ ab 1981 mit der Technologie in Berührung: 1.000 ausgewählte Fernsehzuschauer wurden dabei jeweils befragt. Das „Was sagt der TED?“ von Moderator Frank Elstner wurde zum geflügelten Wort.
Mit dem „Wunschfilm“ suchte sich das Publikum später gleich das ganze Abendprogramm aus mehreren angebotenen Alternativen per Telefon aus. Ab 1999 griff der ORF die Idee wieder auf und ließ jeweils an einigen Freitagen im Sommer seine Zuseher über einen Film entscheiden.
Wer bleibt, wer fliegt raus?
Mit 2000 brach eine neue Ära an: Mit „Taxi Orange“ eroberte Reality-TV auch den ORF, bei dem Zusehern zumeist die Entscheidung obliegt, welche Kandidaten bleiben und welche gehen müssen. Bei „Taxi Orange“ bestimmte das Publikum seinen Lieblingskandidaten, der wiederum einen seiner Mitbewohner hinauswerfen musste.
Im Herbst 2002 folgte die erste Staffel von „Starmania“, wo wiederum die Zuseher über Sieg und Ausscheiden abstimmen konnten - genauso wie bei allen Nachfolgeformaten wie „Helden von morgen“, „Die Große Chance“, aber auch „Dancing Stars“. Schon seit 1997 durften Zuseher auch den Ausgang des größten europäischen Fernsehspektakels mitbestimmen - des Song Contest. Neben einer Fachjury entscheiden die Zuseher in allen teilnehmenden Ländern beim Televoting über den Gewinner.
Trotz Internets wenig Neues?
In Zeiten von Internet und Digitalisierung bewegte sich natürlich einiges in Sachen Interaktivität - aber vielleicht weniger, als die Utopien in den Jahrzehnten davor hingemalt hatten. Große Umwälzungen gab es auf der rein individuellen Ebene der Interaktivität: Der Einzelne kann über Streams und Video-on-Demand mittlerweile selbst entscheiden, was er wann sehen will, immer mehr ORF-Programme sind etwa auf tvthek.ORF.at abrufbar.
Und über Web und App lassen sich zu einzelnen Formaten zusätzliche Perspektiven eröffnen - etwa bei Sportübertragungen über Tablet und Handy als Second Screen. Mit viel gutem Willen lassen sich Kommentare zu Übertragungen in Sozialen Medien als „Rückkanal“ bezeichnen - vorausgesetzt, die Medienmacher würden sich das auch ansehen.