Temer wehrt sich gegen Vorwürfe
Er ist ein intimer Kenner der brasilianischen Politik: Jahrzehntelang zog Michel Temer die Fäden in den Hinterzimmern der Macht, bis er nach der Amtsenthebung von Dilma Rousseff im Vorjahr selbst ganz nach oben gelangte. Doch nun gerät der Staatschef, der mit allen Wassern gewaschen ist, ins Straucheln.
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Wegen eines Korruptionsskandals könnte der 76-Jährige ähnlich enden wie seine Vorgängerin. Temer ist kein Charismatiker, der die Massen mitreißt. Eher entspricht er dem Typ des gerissenen Fuchses, der Chancen zu nutzen weiß. Der 1940 im Bundesstaat Sao Paulo als jüngster Sohn libanesischer Einwanderer geborene Temer profilierte sich als Verfassungsrechtler und veröffentlichte 2013 eine Gedichtsammlung mit dem Titel „Anonyme Intimitäten“.
Lange war er in der Bevölkerung vor allem deswegen bekannt, weil er mit einer 43 Jahre jüngeren Ex-Schönheitskönigin verheiratet ist. Aus drei früheren Ehen hat er fünf Kinder.
Vizepräsident unter Rousseff
Seit 15 Jahren zieht Temer die Fäden als Vorsitzender der rechtskonservativen Partei der demokratischen Bewegung (PMDB), die seit 1994 noch allen Regierungen als Mehrheitsbeschafferin diente. Bei den Präsidentschaftswahlen 2004 und 2010 trat Temer als Kandidat für die Vizepräsidentschaft unter Rousseff von der gemäßigten Arbeiterpartei (PT) an. Beide Male gewann das Tandem.
Doch als Rousseffs Feinde 2015 begannen, ihre Reihen zu schließen, und sie beschuldigten, Budgetzahlen geschönt zu haben, um Brasiliens tiefe Wirtschaftskrise zu vertuschen, sah Temer seine Stunde gekommen. Seine langjährige parlamentarische Erfahrung - dreimal war er Vorsitzender des Abgeordnetenhauses - wusste er zu nutzen. Über seinen Parteifreund und Nachfolger an der Spitze des Unterhauses, Eduardo Cunha, holte er zum Coup gegen Rousseff aus.
Rousseff gestürzt
Im Mai 2016 stürzte die ehemalige Guerillakämpferin gegen die Militärdiktatur. Mit Bitterkeit beschuldigte sie Temer und Cunha, einen Staatsstreich gegen sie angezettelt zu haben. Temer trat ihre Nachfolge an - zunächst als Übergangspräsident, im August dann als Staatschef. Seine Amtszeit läuft bis Ende 2018.
Doch nun genehmigte das Oberste Bundesgericht Ermittlungen gegen den Präsidenten wegen Korruption. Mitschnitte belegen, dass Temer Schweigegeldzahlungen an Cunha gebilligt haben soll. Sein ehemaliger Mitstreiter ist wegen Bestechlichkeit in der Affäre um den staatlichen Ölkonzern Petrobras inhaftiert.
In Bevölkerung unbeliebt
Binnen weniger Stunden wurden drei Anträge auf ein Amtsenthebungsverfahren gegen Temer gestellt, die Forderungen nach seinem Rücktritt mehren sich. Die Beliebtheitswerte für Temer waren in Umfragen schon zuvor konstant niedrig.
Und ihm droht weiteres Ungemach: Das Oberste Wahlgericht prüft demnächst die Gültigkeit der letzten Präsidentschaftswahl. Dabei geht es um illegale Wahlkampffinanzierung. Betroffen ist außer Temer auch dessen ehemalige Verbündete und spätere Erzfeindin Rousseff.
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