Zum 70. Geburtstag wurschteln die Filmfestspiele von Cannes ein wenig mit ihrer Digitalstrategie herum. Was tun, wenn maßgebliche Regisseure und Schauspieler lieber epochale TV-Serien drehen als Kinofilme zu machen?
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Geht es in erster Linie um Kunst und erst in zweiter Linie um Kommerz, dann ist Cannes das wichtigste Filmfestival der Welt, noch vor Venedig, der Berlinale und Sundance. Auch heuer wird der Fachpresse und dem cineastischen Publikum geboten, was es erwartet: Filme von Michael Haneke, Fatih Akin, Sofia Coppola, Michel Hazanavicius, Sergei Loznitsa und Francois Ozon werden gezeigt. Und auf dem roten Teppich tummeln sich Stars wie Marion Cotillard, Charlotte Gainsbourg, Nicole Kidman, Kirsten Dunst, Julianne Moore, Jake Gyllenhaal, Kristen Stewart, Colin Farrell, Joaquin Phoenix, Vanessa Redgrave und Roman Polanski.
Aber worüber spricht alle Welt? Nicht über das Kino, sondern über die Fortsetzung von David Lynchs bahnbrechender Serie „Twin Peaks“, die im Rahmen des Festivals vorgestellt und ab Ende der Woche im Bezahlfernsehen (in Österreich Sky Ticket) zu sehen sein wird. Ebenfalls erste Einblicke wird man in die zweite Staffel von „Top of the Lake“ erhalten - unter der Regie von Jane Campion („Das Piano“). Gezeigt werden auch die zwei Netflix-Produktionen „The Meyerowitz Stories“ mit Ben Stiller und Emma Thompson sowie der südkoreanischen Beitrag „OKJA“ mit Tilda Swinton und Jake Gyllenhaal.
„Twin Peaks“ schließt den Kreis
Wird das Filmfestival offiziell zu einem breiter aufgestellten Bewegtbildfestival? Werden die Kinofestspiele zu Screenfestspielen? Nicht oder zumindest nicht wirklich, wenn es nach Festivalleiter Thierry Fremaux geht. Der freut sich zwar, dass zwei alte Cannes-Veteranen wie Lynch und Campion ihre Serien zeigen, will aber ab dem nächsten Jahrgang Netflix völlig von den Filmfestspielen ausschließen, weil der Screeningdienst seine Eigenproduktionen nicht zuerst an Kinos verleiht, sondern gleich online zeigt. Fremaux versteht sich als Verteidiger des Kinos und verheddert sich strategisch irgendwo zwischen Defensive und Flucht nach vorn.
Dabei werden Serien, ob die erste Staffel von „True Detective“, die zweite von „Fargo“ und jetzt „Twin Peaks“, längst cineastischen Ansprüchen gerecht. Nicht nur, weil sie deutlich mehr kosten als der durchschnittliche Independent-Film, sondern auch in Sachen Kamera, Schnitt und Musik - vom Staraufgebot ganz zu schweigen. Dass gerade die ersten beiden Folgen der dritten Staffel von „Twin Peaks“ in Cannes gezeigt werden, ist nur folgerichtig: Es schließt sich ein Kreis.
APA/AP/Showtime/Suzanne Tenner
Wieder dabei: Mädchen Amick und Peggy Lipton
Die Mutter der neuen Serien
Denn „Twin Peaks“ ist die Mutter aller TV-Serien mit Kunstanspruch, man könnte sagen: eine Netflix-Produktion, lange bevor es Netflix gab. Wer die ersten beiden Staffeln versäumt hat oder sich nicht mehr erinnern kann, dem oder der kann ein Nachholen beziehungsweise Auffrischen ohne jegliche Abstriche empfohlen werden. Während andere ambitionierte Serien von damals wie etwa „Akte X“ heute mit Patina daherkommen und nur noch Nostalgiker hinter dem Ofen hervorlocken, wirkt „Twin Peaks“ frisch und heutig.
Musik so einzusetzen wie Lynch, dazu gehörte damals Mut, der schon fast an Größenwahn grenzt. Das Thema der Titelmelodie ist in Varianten fast ständig zu hören. Wie Lynch es macht, dass es dennoch nicht nervt, sondern den nötigen Unterton schafft, der selbst banalsten Alltagskonversationen etwas Mystisch-Hintergründiges verpasst, ist sein Geheimnis. Zudem war der noble Charakter des Chefermittlers Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) - einem britischen Sir gleich - damals ebenfalls völlig aus der Zeit gefallen, genauso wie die Darstellung der Provinzcops nicht als rückständige Tölpel, sondern als bemühtes Team, das zusammenhält, komme, was wolle.
Literaturhinweis
Wer alles ganz genau wissen will, viel genauer, als es jemals in der Serie erklärt wird, dem sei folgende Sammlung von Dokumenten zum Fall Laura Palmer wärmstens empfohlen:
Mark Frost: Die Geheime Geschichte von Twin Peaks. Kiepenheuer & Witsch, 368 Seiten, 41,10 Euro.
Dann die traumhaften alptraumhaften Sequenzen mit dem Riesen und dem Kleinwüchsigen, dazu die rote Vorhangkammer und Agent Coopers Zusammentreffen mit der eigentlich toten Laura, die Frau, die mit einem Holzscheit spricht. Lynch spulte keine Freakshow in rotem Plüsch und Samt ab, sondern holte mit einem Cast, der seinesgleichen sucht, die unterbewusste Ebene an die Oberfläche und ließ seine Protagonisten mit Absicht ungeschickt darauf tänzeln, als wären sie Eiskunstläufer im Anfängerkurs, mit Agent Cooper als geduldigem Meister.
Haneke vs. Hype
Mit Spannung blickt nun alle Welt nach Cannes, um herauszufinden, ob Lynch es noch einmal geschafft hat, das Holzfällerstädtchen Twin Peaks zu verzaubern. Was er auf jeden Fall bereits zuwege gebracht hat, ist ein Medienhype, und von dem profitiert auch Cannes. Haneke hin oder her, Gesprächsthema ist die Frage, wer im ersten längeren Trailer von Twin Peaks von damals aller wieder dabei ist. Lynch ist es offenbar gelungen, einen Großteil des Originalcasts wieder zu gewinnen.
Im Internet gibt es übrigens nicht nur die ersten beiden Staffeln zu sehen, sondern auch das von Lynch 1992 ebenfalls in Cannes vorgestellte Prequel zur Serie, „Fire Walk with Me“. Der Film wurde damals übrigens beim Festival ausgebuht und von Kritikern verrissen (ganz im Gegensatz zur Serie).