Themenüberblick

Erklärungsversuche im „Todesjahr 2016“

An Anfang und Ende dieses Jahres ist jeweils ein musikalisches Vermächtnis in Albumform gestanden: Von David Bowies Album „Blackstar“, das sich als großer Abschied dechiffrierte, bis hin zu „You Want It Darker“, dem letzten Testament eines moribunden Leonard Cohen, war der Tod das unausweichliche Thema.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Die Konfrontation mit der eigenen Sterblichkeit trifft in der durch kollektive Erinnerungen verbundenen Welt des Popuniversums das Publikum besonders hart - mehr als in der Politik und Literatur, aber ähnlich wie im Film.

Ein tragischer früher Tod gehört mit zum makabren Mythenschatz, die grausame Banalität des Alterns und der Krankheit dagegen bleibt in einem auf konservierte Jugend gebauten Geschäft tabu. Und so litt man 2016 quer durch die Generationen, sowohl an schockierend vorzeitigen Verlusten wie Prince oder George Michael als auch an leider absehbaren Todesfällen.

Darunter der seit Jahrzehnten von Aneurysma bedrohte Sigi Maron, die von Schlaganfällen gezeichnete Ska-Legende Prince Buster, der von einer Parkinson-Krankheit gezeichnete Sänger von Earth, Wind & Fire, Maurice White, der herzkranke Session-Musiker, Sänger und Songwriter Leon Russell, aber auch jene zwei schweren Diabetiker des Hip Hop, Phife Dawg von A Tribe Called Quest und Prince Be von P. M. Dawn, die jeweils ihre mittleren Vierziger nicht überleben sollten.

David Bowie

Reuters/Shaun Best

David Bowie 2003 bei einem Konzert in Montreal

Emerson, Lake & Palmer: Nur noch Palmer

Doch neben natürlichen Todesursachen wie etwa dem Schlaganfall, den die an Bauchspeicheldrüsenkrebs im Endstadium leidende Soul-Sängerin Sharon Jones bei der Verkündung der US-Präsidentschaftswahlergebnisses erlitt, gab es auch reichlich unnatürliche – vom Mord an Sqeezer-Sänger Jim Reeves in Berlin bis zu den tragischen Autounfällen von Colin Vearncombe alias Black („Wonderful Life“) und der hoffnungsvollen britischen Band Viola Beach, die samt ihrem Manager im Bandbus von einer schwedischen Autobahnbrücke stürzte.

Im Falle von Emerson, Lake & Palmer war es gar eine Kombination von beidem: Durch Tastenspieler Keith Emersons Suizid und Gitarrist/Bassist Greg Lakes Krebstod schrumpfte das einst so allmächtige Progressive-Rock-Trio auf einen einzigen Überlebenden.

US-Musiker Prince

Reuters/Chris Pizzello

Prince 2006 bei einem Konzert im Kodak Theater in Hollywood

Erklärungen für das „Todesjahr 2016“

In Sozialen Medien gehört es angesichts dieses nie abreißenden Stromes an Todesmeldungen – nebst unvorsichtig sarkastischen Memes zur Feier des erstaunlicherweise immer noch lebendigen Keith Richards – zum guten Ton, das dämonische Jahr 2016 selbst für diesen erbarmungslosen Kahlschlag verantwortlich zu machen.

Auch wenn sich kein allgemeiner rationaler Grund für das große Pop-Sterben des vergangenen Jahres finden lässt, spielten da allerdings doch ein paar erkennbare Faktoren zusammen, die auch 2017 nicht verschwinden werden: Einige der heuer Verstorbenen hatten zweifellos bereits ein hohes Alter erreicht, darunter Jazz-Größen wie der 94-jährige Mundharmonika-Virtuose Toots Thielemans und Pianist und Songwriter Mose Allison (89) oder der Folk-Veteran Fred Hellerman von den Weavers (89).

Auch die erste Rock-’n’-Roll-Generation, der 2016 mit Elvis-Gitarrist Scotty Moore (84) ein großer Held abhanden kam, stirbt langsam, aber sicher aus.

Leonard Cohen

Reuters/Valentin Flauraud

Leonard Cohen 2013 beim Montreux Jazz Festival in der Schweiz

Cohens weihevoller Abschied

Aus der Riege der altvorderen Hintermänner der Sixties und Seventies wurde Beatles-Produzent George Martin stattliche 90, Robert Stigwood, Manager von Cream und den Bee Gees und Impresario der Rock-Musical-Ära (von „Hair“ bis „Grease“) immerhin 81.

Leonard Cohen hatte ebenfalls schon fast seine vollen 82 erreicht, als er seiner sterbenden Muse Marianne Ihlen diesen Sommer in einem Brief versicherte, dass er ihr bald nachfolgen werde. Allerdings zeichnet sich schon seit Längerem ab, dass auch Cohens jüngere Kollegen aus dem den Exzess erprobenden Musikgeschäft der 60er und 70er – wie etwa Paul Kantner von Jefferson Airplane (74) und Henry McCullough von Paul McCartney’s Wings (72) – eine kürzere Lebenserwartung genießen als der Durchschnitt ihrer Altersgenossen.

US-Musiker George Michael

AP/IPx/Star Max

George Michael 1986 bei einem Konzert von Wham in London

Bowie und andere gierige Nasen

Insbesondere wer seine Kreativität mit weißem Pulver beschleunigte, drehte dabei wohl auch an der Lebensuhr, siehe den in seinen produktivsten Jahren von einer Diät aus Kokain, Milch und Paprika ernährten, 69-jährig verstorbenen David Bowie oder gierige Nasen wie Rick Parfitt von Status Quo (68) und Glenn Frey von den Eagles (67).

Und inzwischen bleibt auch die exaltierte Popgeneration der 80er nicht mehr von den Nachwirkungen ihres gesundheitlichen Raubbaus verschont: Von Prince wissen wir mittlerweile, dass er von jenen Schmerzmitteln abhängig war, die ihn schließlich mit nur 57 Jahren umbringen sollten. Seine im selben Alter an Nierenversagen verstorbene Ex-Partnerin Vanity hatte sich vor einem schweren Crack-Problem in die Religion geflüchtet.

Auch George Michael (53) kämpfte bekanntlich mit allerhand Süchten, das medikamentenabhängige One-Hit-Wonder Pete Burns alias Dead or Alive (57) wiederum hatte seine Konstitution wohl nicht nur durch seine Medikamentenabhängigkeit und unzählige kosmetische Operationen belastet.

Musiker Sigi Maron

APA/RUBRA

Sigi Maron 2010 bei einem Benefizkonzert in Frankenburg

Der Tod in der Social-Media-Falle

Alan Vega, die singende Hälfte der Punk- und Elektro-Visionäre Suicide, schaffte es dagegen auf ein Alter von 78. Aber wie er stets versicherte, hatten er und sein neun Jahre jüngerer Partner Martin Rev im Gegensatz zum Rest der New Yorker Szene ihrer Zeit ihre hypnotische Musik erstaunlich drogenfrei erzeugt.

Der letzte entscheidende Faktor des popkulturellen Todesjahres 2016 war aber wohl seine Wahrnehmung, befeuert durch den Siegeszug erwähnter Sozialer Medien, auf deren Plattformen sich früher noch übersehene Todesnachrichten zu tausendfach geteilten Tribute-Orgien samt verlinkten Videoclips auswachsen.

Selbst jene, die Originalität beweisen wollen, indem sie den Trauer- und Respektsbekundungen postum boomender Fangemeinden mit Skepsis oder gar Zynismus begegnen, sorgen ihrerseits wieder für leidenschaftliche Reaktionen. Und machen sich so letztlich mit zum Teil desselben Reigens. Der Jahreswechsel wird sie nicht erlösen.

Robert Rotifer, für ORF.at

Links: