Fingerabdrücke in Fahrerkabine gefunden
Die Hinweise verdichten sich, dass der international gesuchte Tunesier Anis Amri den Anschlag auf einen Berliner Adventmarkt begangen hat. Seine Fingerabdrücke seien am Fahrerhaus des Lkw sichergestellt worden, sagte der deutsche Innenminister Thomas de Maiziere (CDU) am Donnerstag, zudem gebe es weitere Hinweise.
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Es gebe „zusätzliche Hinweise“, dass der Verdächtige „mit hoher Wahrscheinlichkeit wirklich der Täter ist“, so der deutsche Innenminister in Berlin. „Umso wichtiger ist, dass die Fahndung möglichst schnell Erfolg hat“, sagte der Minister. „Wir hoffen sehr, dass das gelingt.“ Die deutsche Bundesanwaltschaft hat mittlerweile Haftbefehl gegen den Flüchtigen erlassen. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sprach von einer „hoffentlich baldigen Festnahme“. Sie sei zudem stolz, wie die Menschen auf den Anschlag reagiert haben.
Zuvor hatten deutsche Zeitungen bereits berichtet, dass Amris Fingerabdrücke gefunden worden waren. Ermittler hätten die Fingerabdrücke des 24-Jährigen an der Tür des bei dem Anschlag eingesetzten Lkw gefunden, berichteten „Süddeutsche Zeitung“, NDR und WDR unter Berufung auf eigene Informationen. Laut „Berliner Zeitung“ waren seine Fingerabdrücke auch auf dem Lenkrad des Lkw. Das wäre ein weiteres Indiz dafür, dass Amri auch tatsächlich am Steuer saß und mit dem Lkw in die Menschenmenge neben der Berliner Gedächtniskirche fuhr.
Alarmierende Äußerungen
Amri fiel den deutschen Sicherheitsbehörden offenbar bereits vor Monaten durch alarmierende Äußerungen auf: Er habe sich als Selbstmordattentäter angeboten, berichtete das Magazin „Der Spiegel“ (Onlineausgabe) am Donnerstag unter Berufung auf Ergebnisse aus der Telekommunikationsüberwachung in Ermittlungen gegen mehrere Hassprediger.
Die Äußerungen seien so verklausuliert gewesen, dass sie nicht für eine Festnahme gereicht hätten, hieß es. Amri soll sich erkundigt haben, wie er sich Waffen beschaffen könne - ein Umstand, auf den am Mittwoch bereits die Berliner Generalstaatsanwaltschaft eingegangen war. Weiter hieß es, Amri sei von März bis September observiert worden.
Ausweis erst nach wiederholter Suche entdeckt
Laut dem Magazin wurde das Ausweisdokument des Tunesiers erst am Dienstagnachmittag nach einer neuerlichen Untersuchung entdeckt. Kriminaltechniker, die unter anderem DNA-Spuren in der Fahrerkabine sichern sollten, mussten abwarten, bis Suchhunde, sogenannte Mantrailer, an die Zugmaschine geführt worden waren. Amri wird im Zusammenhang mit dem Terroranschlag auf den Weihnachtsmarkt am Berliner Breitscheidplatz mit zwölf Toten gesucht.

APA/AFP/BKA
Der Fahndungsaufruf der Polizei
Amri gab widersprüchliche Daten an
Nach „Spiegel“-Informationen hatten italienische Behörden den Tunesier 2016 zur schengenweiten Einreiseverweigerung ausgeschrieben, er hätte dann nicht mehr in den Schengen-Raum einreisen dürfen. Als Amri im April 2016 in Deutschland einen Asylantrag stellte, gab er sich als Ägypter aus und behauptete, in Ägypten verfolgt zu werden.
Auf Nachfragen der Behörde habe er jedoch so gut wie nichts über das Land sagen können. Ein Blick in das „Kerndatensystem“ der Asylbehörde offenbarte, dass er in Deutschland unter mehreren Identitäten und Geburtstagen registriert war. Innerhalb weniger Wochen wurde Amris Asylantrag damals als „offensichtlich unbegründet“ abgelehnt.
Als „Gefährder“ eingestuft
Schon länger stand Amri im Blickfeld der deutschen Behörden. Gegen ihn wurde von März bis September in Berlin wegen Verdachts der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Straftat ermittelt. Laut Berliner Generalstaatsanwaltschaft hat sich dieser Verdacht trotz monatelanger Observation damals jedoch nicht bestätigt. Ermittlerinformationen zufolge soll er versucht haben, mit einem Einbruch den Kauf automatischer Waffen zu finanzieren. Amri wurde als „Gefährder“ eingestuft.
Wie der „Focus“ berichtete, plante Amri spätestens seit dem Sommer 2016 Anschläge in Deutschland. Eine entsprechende Meldung habe am 21. Juli ein V-Mann dem Landeskriminalamt in Nordrhein-Westfalen gemacht. Dem Bericht zufolge soll Amri im Kreis um den Hassprediger Abu Walaa aus Hildesheim wiederholt von seinen Attentatsplänen gesprochen haben. Zuvor habe die Gruppe um Walaa vergeblich versucht, Amri als Kämpfer nach Syrien zu schleusen.

Reuters/Fabrizio Bensch
Im Moment gehen die Ermittler davon aus, dass Anis Amri der Lenker des Lkw war
Zuletzt wurden immer mehr Informationen zu Amris Werdegang bekannt. In Italien wurde er wegen Brandstiftung zu vier Jahren Haft verurteilt, davor soll er schon in seiner Heimat straffällig geworden sein. So berichteten einige deutsche Medien unter Berufung auf tunesische Behörden, dass Amri 2010 einen Lastwagen gestohlen habe. Daraufhin sei er von einem Gericht in der Stadt Kairouan, einer bekannten Salafistenhochburg, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt worden. Warum er noch im gleichen Jahr während der arabischen Aufstände sein Heimatland verlassen konnte, ist bisher nicht klar.
Auf Flugverbotsliste der USA?
Die „New York Times“ („NYT“) berichtete wiederum, dass sich Amri im Internet über den Bau von Sprengsätzen informiert haben soll. Die Zeitung berief sich auf Aussagen nicht näher genannter US-Offizieller. Weiter heißt es, dass Amri direkten Kontakt zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gehabt habe - und zwar mindestens einmal über den Messengerdienst Telegram. Sein Name sei zudem auf der Flugverbotsliste der USA gestanden.
Berichte über Festnahmen dementiert
Die deutsche Polizei untersuchte Donnerstagfrüh in Emmerich (Nordrhein-Westfalen) ein Asylwerberheim, in dem Amri zeitweise gemeldet gewesen sein soll. Bereits am Mittwoch hatten Medienberichten zufolge Polizisten unweit des Heims Stellung bezogen. Zu Ergebnissen der Aktion äußerte sich die örtliche Polizei nicht. Medien berichteten auch von Durchsuchungen in Dortmund.

Grafik: OSM/ORF.at; Quelle: APA/dpa
Auch in Berlin gab es laut Medienberichten mehrere Durchsuchungen, darunter in einem Salafistentreffpunkt im Stadtteil Moabit, wo Amri verkehrt haben soll. Die „Berliner Zeitung“ berichtete, bei dem Einsatz gegen den Moscheeverein Fussilet 33 seien Blendgranaten benutzt und eine Tür aufgesprengt worden. Zudem soll es Einsätze gegen mögliche Kontaktpersonen Amris gegeben haben, auch eine U-Bahn soll gestoppt und durchsucht worden sein.
Berichte über Straftaten in Flüchtlingslager
Amri sei 2011 als Flüchtling nach Italien gekommen und in einem Auffanglager für Minderjährige auf Sizilien untergebracht worden, berichtete die Nachrichtenagentur ANSA am Mittwochabend unter Berufung auf Ermittlerkreise. In dem Lager habe er Sachbeschädigungen und „diverse Straftaten“ begangen. Laut „La Stampa“ soll er das Auffanglager angezündet haben.
Als Volljähriger wurde Amri den Informationen zufolge festgenommen, kam vor Gericht und wurde zu einer vierjährigen Haftstrafe verurteilt. Amri sei auch im Gefängnis gewalttätig gewesen, berichtete ANSA. Er habe aber zu keinem Zeitpunkt eine Radikalisierung gezeigt. Seine Haftstrafe habe er im zentralen Gefängnis Ucciardone in der sizilianischen Hauptstadt Palermo verbüßt.
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