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UNO: „Haben die Menschen hängen lassen“

Der angekündigte Abzug von Zivilisten und Rebellen aus der syrischen Stadt Aleppo kommt nicht voran. Prosyrische Milizen würden verhindern, dass die Menschen abziehen könnten, sagte ein Vertreter der Rebellen Mittwochfrüh. Auch die oppositionsnahe Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte mit Sitz in Großbritannien erklärte, bisher habe kein Kämpfer und kein Zivilist Aleppo verlassen.

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Weder vonseiten der Rebellen noch von der syrischen Regierung oder aus Moskau gab es dafür zunächst eine Erklärung. Nach Angaben der Rebellen nahmen die syrischen Regierungstruppen Ostaleppo am Mittwoch zudem wieder unter Beschuss. Das berichtete die Nachrichtenagentur Reuters. Der Beschuss habe aber nach einer halben Stunde aufgehört, sagten Rebellenvertreter und Augenzeugen. Die Regimetruppen hätten Artillerie, Panzer und Mörsergranaten eingesetzt, hieß es.

Busse kamen leer zurück

In den letzten von den Rebellen gehaltenen Gebieten von Ostaleppo, insbesondere im Viertel Maschhad, warteten seit 5.00 Uhr zahlreiche Zivilisten auf Neuigkeiten über die Busse. Viele von ihnen hatten die Nacht unter freiem Himmel verbracht, weil sie wegen der Zerstörungen obdachlos sind. Am Dienstagabend waren bereits sechs Busse nach Salaheddin gefahren, kamen aber leer zurück. Die Vereinbarung zur Evakuierung von Ostaleppo war am Dienstag von Rebellengruppen verkündet und von Russland und der Türkei bestätigt worden.

Busse warten auf Flüchtlinge in Aleppo

Reuters/Omar Sanadiki

Mittwochfrüh warteten leere Busse in Ostaleppo auf Zivilisten

Ein Vertreter der Allianz um den syrischen Machthaber Baschar al-Assad hatte zuvor gesagt, die Evakuierung solle um 4.00 Uhr MEZ beginnen. Der russische UNO-Botschafter Witali Tschurkin sagte am Dienstag in New York, die syrischen Regierungstruppen hätten die vollständige Kontrolle über Aleppo übernommen.

Nach Angaben von Hilfsorganisationen sollen noch etwa 100.000 Menschen im Osten Aleppos eingeschlossen sein. Aktivisten befürchteten Vergeltungsakte, sollten die Zivilisten in die Hände von regierungstreuen Truppen geraten. Das syrische Militär habe seine Einsätze gestoppt, um den bewaffneten Aufständischen und ihren Familien die Flucht aus der Stadt zu ermöglichen, sagte hingegen Tschurkin. Die Zivilisten könnten selbst entscheiden, ob sie bleiben oder ob sie in sicherere Gebiete ziehen wollten. Niemand werde den Zivilisten etwas antun, so Tschurkin.

UNO: „Völliger Zusammenbruch der Menschlichkeit“

Gegen die Glaubwürdigkeit dieser Darstellung sprechen die Berichte über zunehmende Gräueltaten. Die UNO sprach am Dienstag von einem „völligen Zusammenbruch der Menschlichkeit“ und warnte vor Rache an Tausenden Zivilisten, die in den Rebellengebieten gefangen seien. So legte die UNO Berichte vor, wonach syrische Soldaten und verbündete Milizen mindestens 82 Zivilisten während der Vorstöße ins Rebellengebiet getötet hätten.

Zerstörte Häuser in einer Straße von Aleppo

APA/AFP/George Ourfalian

Die Altstadt von Aleppo ist vollkommen zerstört

Truppen seien in Häuser eingedrungen und hätten auf die Menschen darin gefeuert, auch auf Frauen und Kinder. Für jene Menschen, die noch im „höllischen Viertel“ der Stadt gefangen seien, habe man „düstere Vorahnungen“, sagte der Sprecher des UNO-Hochkommissariats für Menschenrechte, Rupert Colville, in Genf.

Das UNO-Kinderhilfswerk (UNICEF) hatte am Dienstag Informationen von einem Arzt aus Aleppo, dass viele unbegleitete Kinder in einem Gebäude, das am Dienstag unter Beschuss war, eingeschlossen seien. „Laut einem alarmierenden Bericht eines Arztes in der Stadt sind viele, vielleicht mehr als hundert, Kinder unbegleitet oder von ihren Familien getrennt eingeschlossen“, so UNICEF-Regionalchef Geert Cappelaere in einem Statement.

Karte von Aleppo

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA/liveuamap.com

UNO gesteht Versagen ein

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon rief zur Solidarität mit den Zivilisten auf. „Wir alle haben die Menschen in Syrien bisher kollektiv hängen lassen“, sagte Ban bei einer kurzfristig einberufenen Dringlichkeitssitzung des UNO-Sicherheitsrats am Dienstag in New York. „Der Sicherheitsrat hat seine Hauptaufgabe in Hinblick auf den Erhalt von internationalem Frieden und Sicherheit nicht erfüllt. Die Geschichte wird uns nicht leicht freisprechen, aber dieses Versagen zwingt uns, mehr zu tun, um den Menschen in Aleppo jetzt unsere Solidarität zu zeigen“, sagte Ban.

Es gebe Berichte über „so bisher nie gesehene Bombardierungen“, Tötungen und Zehntausende Vertriebene. Auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident Francois Hollande hatten sich entsetzt gezeigt. „Die Situation ist desaströs. Sie bricht einem das Herz“, sagte Merkel, Hollande richtete ein „humanitäres Ultimatum“ an die Verantwortlichen. „Wir sind uns einig, dass wir alles tun, um die Rettung der Bevölkerung sicherzustellen“, sagte er nach einem Treffen mit Merkel in Berlin.

Türkei plant Zeltstadt für 80.000 Flüchtlinge

Die Türkei kündigte am Dienstagabend an, eine Zeltstadt für bis zu 80.000 Flüchtlinge aus Aleppo aufzubauen. Der stellvertretende Ministerpräsident Mehmet Simsek kündigte das Vorhaben via Twitter an, ohne allerdings Details zu nennen. Die Türkei beherbergt bereits rund 2,7 Millionen Flüchtlinge aus Syrien.

Feiern in Aleppo und Damaskus

Die Rebellen hatten am Dienstag nach jahrelangen Kämpfen ihren Widerstand in Aleppo aufgegeben. Assads Unterstützer feierten am Dienstag den Sieg über die Rebellen. Im vom Regime kontrollierten Westteil der früheren Handelsmetropole schwenkten Menschen Nationalfahnen oder hupten lautstark. Auch in der Hauptstadt Damaskus spielten sich ähnliche Szenen ab.

Zivilisten auf einer Straße in Aleppo, daneben jubelnde Regimetruppen

APA/AFP

Regimetreue Truppen jubeln in Aleppo

„Unser Präsident hat uns den Sieg über die Terroristen versprochen“, sagte ein Mann in Damaskus. „Die loyalen und patriotischen Syrer haben gewonnen.“ Assad hatte immer wieder von der Rückeroberung Aleppos gesprochen. Die Stadt war nahezu seit Beginn des Bürgerkrieges im Jahr 2012 zwischen Regierungstruppen und Rebellen geteilt und heftig umkämpft. Das Regime kontrolliert nach dem Fall von Aleppo wieder alle großen Städte des Landes.

Vorerst keine EU-Sanktionen gegen Russland

Trotz der jüngsten Entwicklungen im Syrien-Konflikt soll auf dem EU-Gipfel auf konkrete Sanktionsdrohungen gegen Russland verzichtet werden. Im jüngsten Entwurf für die Abschlusserklärung des am Donnerstag beginnenden Treffens der Staats- und Regierungschefs wird Russland aber mit deutlichen Worten eine Mitverantwortung für Angriffe auf Zivilpersonen und Krankenhäuser in Aleppo vorgeworfen.

Von möglichen Strafmaßnahmen ist jedoch nicht die Rede. In der Erklärung zum Syrien-Konflikt, die der dpa vorliegt, wird lediglich vage dafür plädiert, eine gerichtliche Aufarbeitung anzustreben. „Diejenigen, die für Verstöße gegen das Völkerrecht, bei denen es sich zum Teil möglicherweise um Kriegsverbrechen handelt, verantwortlich sind, müssen zur Rechenschaft gezogen werden“, heißt es. Die EU ziehe „alle verfügbaren Optionen“ in Betracht.

Iran gratuliert Syrien zu „Befreiung“ Aleppos

Der Iran gratulierte Syrien unterdessen zum Sieg über die Rebellen in Aleppo. „Wir gratulieren dem syrischen Volk zum Erfolg gegen die Terroristen und Elemente unruhestiftender Regierungen und zur Befreiung Aleppos“, sagte Parlamentspräsident Ali Laridschani am Mittwoch. Der Iran werde auch weiterhin sowohl Syrien als auch den Irak im Kampf gegen „Terroristen“ unterstützen, sagte der Parlamentspräsident laut Nachrichtenagentur ISNA.

Die heftige Kritik der USA und des Westens am Iran - und an Russland - wegen deren Unterstützung Assads wies Laridschani zurück. Seiner Ansicht nach sei „dieses ganze Gerede“ nur ein Versuch, die gescheiterte Politik des Westens in Syrien, dem Irak und Jemen zu vertuschen und mit dem Erzeugen von Panik weiterhin lukrative Waffengeschäfte mit den Arabern abzuschließen.

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