0,5 Grad sind entscheidend
Überflutungen, Wirbelstürme, Dürre und andere extreme Wetterphänomene zwingen mehr und mehr Menschen zur Flucht. Laut einer aktuellen Studie der Hilfsorganisation CARE haben 2015 knapp 15 Millionen Menschen in 113 Ländern durch Wetterkatastrophen ihr Zuhause verloren. 8,6 Millionen Menschen flüchteten im gleichen Zeitraum vor Krieg und gewaltsamen Konflikten.
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Von 2008 bis 2015 mussten insgesamt 175 Millionen Menschen in Entwicklungsländern aufgrund von Auswirkungen des Klimawandels ihre Heimat verlassen - viermal so viele wie noch in den 1970er Jahren. Die Anzahl der Menschen, die vor extremen Wetterphänomenen flüchten, könnte bis zum Jahr 2050 auf 250 Millionen Menschen anwachsen, warnt die Studie „Fleeing Climate Change: Impacts on Migration and Displacement“.
„Reagieren, bevor es zu spät ist“
Eine Erwärmung von zwei Grad hätte nach dem Jahr 2100 dramatische Auswirkungen überall auf der Welt, heißt es in der Studie. Im UNO-Klimaschutzabkommen von Paris, das Anfang November in Kraft getreten ist, ist die Rede von einer maximalen Erwärmung von „deutlich unter zwei Grad Celsius“. Wissenschaftliche Erkenntnisse würden aber zeigen, dass die Schwelle bei maximal 1,5 Grad liegen sollte, so Sven Harmeling, klimapolitischer Koordinator bei CARE.

Reuters/China Stringer Network
Überschwemmungen in der Provinz Jiangsu in China
In Marokko ging am Freitag die 22. UNO-Klimakonferenz zu Ende. Vertreter von mehr als 190 Staaten berieten in der Stadt Marrakesch knapp zwei Wochen lang über die Umsetzung des Abkommens von Paris. CARE hatte vor Beginn der Klimakonferenz in Marrakesch auf ein deutliches Bekenntnis zu minimal steigender Erderwärmung und auf ausreichende Finanzierungszusagen gedrängt.
Es sei „eine Katastrophe, wenn Regierungen Millionen Menschen ohne Unterstützung zurücklassen, während der Klimawandel deren Leben drastisch verändert“, so Kit Vaughan, Leiter des Klimanetzwerks von CARE. Nicht nur menschlich, auch wirtschaftlich betrachtet, sei „es besser, jetzt zu reagieren als zu spät: nämlich dann, wenn Menschen Nothilfe benötigen, weil sie bereits alles verloren haben“. Für jeden Dollar, der in Maßnahmen zur Anpassung an den Klimawandel investiert werde, würden Bauern und Bäuerinnen vier Dollar erwirtschaften.
Kein Anrecht auf Asyl
Klimaflüchtlinge haben derzeit kein Anrecht auf Asyl. Um ein anerkannter Flüchtling im Sinne der Genfer Flüchtlingskonvention zu sein, müssen Menschen in ihrem Heimatland verfolgt werden, etwa wegen der Religion, Nationalität oder politischen Überzeugung. Darauf berief sich vergangenes Jahr auch das Oberste Gericht Neuseelands, als es den Asylantrag eines Mannes aus dem Pazifikstaat Kiribati ablehnte. Die Richter räumten zwar ein, dass Kiribati vom Klimawandel betroffen sei, dennoch sei das Kriterium der Verfolgung für eine Anerkennung als Flüchtling in Kiribati nicht gegeben.

Reuters/David Gray
Der Inselstaat Kiribati ist vom steigenden Meeresspiegel bedroht
Kiribati besteht aus Korallenatollen, von denen viele nur wenige Meter aus dem Wasser ragen. Die Regierung des Inselstaats denkt wegen der Gefahren durch den Klimawandel und des damit verbundenen Anstiegs des Meeresspiegels bereits seit Längerem darüber nach, wie die über 100.000 Bewohnerinnen und Bewohner umgesiedelt werden könnten.
„Wirkliches Erfolgsrezept“ fehlt
Harmeling, der auch an der Klimakonferenz in Marokko teilnahm, hebt gegenüber ORF.at den „klaren Aufruf zu mehr Klimaschutz von Regierungen, Wirtschaft und Zivilgesellschaft“ also positives Ergebnis von Marrakesch hervor. Dennoch müssten nun „starke Handlungsempfehlungen“ entwickelt werden, um Migration in Würde zu ermöglichen und die Verursacher des Klimawandels in die Pflicht zu nehmen. Um die Erderwärmung unter 1,5 Grad Celsius zu halten, seien zudem mehr Einsparungen bei CO2-Emissionen notwendig.

Reuters/Philimon Bulawayo
Ein ausgetrocknetes Flussbett in Simbabwe
Denn für ein wirkliches Erfolgsrezept würden auch nach der Klimakonferenz in Marrakesch noch wichtige Zutaten fehlen. So würden etwa ärmere Bevölkerungsschichten, vor allem Frauen und Mädchen, mehr Unterstützung bei der Anpassung an den Klimawandel benötigen.
Romana Beer, ORF.at
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