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Jugendliche fühlen sich unterschätzt

Es ist die größte Jugendstudie, die je in Österreich durchgeführt worden ist: Unter dem Titel „Generation What?“ haben der ORF und 14 weitere europäische öffentlich-rechtliche Rundfunkanstalten seit April die Gruppe der 18- bis 34-Jährigen zu Zukunftsthemen befragt. Ein Blick auf die Auswertung zeigt, dass die Phase des Erwachsenwerdens in Österreich gefühlt immer länger dauert.

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Erst in der Gruppe der 30- bis 34-Jährigen gab die überwiegende Mehrheit (59 Prozent) der Befragten an, sich wirklich erwachsen zu fühlen. Rund die Hälfte der Befragten erklärte, sich „sehr“ bzw. „ziemlich“ erwachsen zu fühlen. Das zeigt die Auswertung der von April bis Ende Juli gesammelten Daten durch das Meinungsforschungsinstitut SORA.

„Umbrüche und Übergänge“

Das Gefühl, erwachsen zu sein, ist eng verknüpft mit den Lebensumständen. Die Jugendphase sei heute von „Umbrüchen und Übergängen“ gekennzeichnet, resümierten die Studienautoren in ihrem Endbericht. Das bringe mehr Unsicherheit mit sich. Hauptkriterien dafür, dass Jugendliche sich erwachsen fühlen, sind ein fixer Job, eine abgeschlossene Ausbildung sowie eine eigene Bleibe, lässt sich aus den Ergebnissen der Befragung ablesen.

Grafik zu einer Befragung der jüngeren Generation

Grafik: ORF.at; Quelle: SORA

Zugleich legen die Daten nahe, dass Österreichs Jugendliche sich unterschätzt fühlen: „Je erwachsener sich jemand fühlt, desto eher hat er/sie auch das Gefühl, die Gesellschaft in Österreich gebe ihnen die Möglichkeit zu zeigen, was wirklich in ihnen steckt“, so die Studienautoren. Mit steigendem Alter geht der Glauben an die eigenen Erfolgschancen im Vergleich zur eigenen Altersgruppe leicht zurück.

„Multimediales Selfie einer Generation“

Die Beteiligung an „Generation What?“ war in Österreich besonders hoch. Fast 90.000 Personen nahmen an der interaktiven Onlineumfrage teil, in Relation gesehen so viele wie in keinem anderen europäischen Partnerland. Auch wenn die Daten aufgrund der Befragungsmethode nicht repräsentativ für alle Jugendlichen in Österreich sind, lässt sich ob der Größe des Samples ein gutes Bild der Jugend von heute zeichnen.

Insgesamt wurden den Teilnehmenden 149 Fragen gestellt, die Themenpalette reichte von Politik bis hin zum Liebesleben. „Das multimediale Selfie einer ganzen Generation ist nun fertig. Es eröffnet spannende und überraschende Einblicke in die Lebenswelten junger Menschen in Europa, die zum Teil auch nachdenklich stimmen“, sagte ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz.

Sieben von zehn der Befragten sind bereits aus dem Elternhaus ausgezogen. Zwei Drittel gaben an, in einem unbefristeten Arbeitsverhältnis zu stehen, zehn Prozent waren atypisch beschäftigt. Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden beschrieb ihre finanzielle Situation als „in Ordnung“. Mehr als ein Drittel der Befragten hatte einen Studienabschluss, 36 Prozent Matura und 34 Prozent einen Lehrabschluss.

Angst vor Krieg und Terror

Die am weitesten verbreitete Angst der österreichischen wie auch der europäischen Jugendlichen insgesamt war die Angst vor dem Verlust einer nahestehenden Person. Auf dem zweiten Platz rangierte die Furcht vor Terroranschlägen. In keinem „Generation What?“-Teilnehmerland war sie so verbreitet wie in Österreich. Auffallend war, dass die Angst vor einer Terrorattacke unter den Befragten in Deutschland, den Niederlanden und Luxemburg höher lag als etwa in Frankreich, wo in den vergangenen beiden Jahren Dutzende Menschen bei Terrorattacken ums Leben kamen. An dritter Stelle stand in Österreich die Angst vor Krieg.

Grafik zu einer Befragung der jüngeren Generation

Grafik: ORF.at; Quelle: SORA

Was die Sorgen der Jugendlichen betraf, spiegelt die „Generation What?“-Umfrage die großen Problemfelder der EU der letzten Jahre wider. In Österreich (ebenso wie in Deutschland) dominierte die Sorge vor sozialen Unruhen, gefolgt von Sorgen bezüglich Zuwanderung und davor, nicht genügend Geld zu haben. In den von der Wirtschaftskrise besonders betroffenen Ländern Griechenland, Spanien, Italien und Irland bereitete den Befragten vor allem die Suche nach einem Job Kopfzerbrechen.

Was die Jungen glücklich macht

Freunde, Liebe, Musik, bis zu einem gewissen Grad auch Sex und Arbeit sind für Jugendliche in Österreich unverzichtbare Bestandteile eines glücklichen Lebens. Nicht benötigt für das eigene Glück werden Drogen, Junkfood und religiöser Glauben. Durchaus überraschend kommt, dass 60 Prozent der „Generation What?“-Teilnehmer angaben, ohne Telefon glücklich sein zu können.

Europa - ein „notwendiges Konstrukt“

Im Europavergleich weit verbreitet ist unter den österreichischen Befragten die EU-Skepsis. 28 Prozent befürworten einen Austritt Österreichs aus der EU, höher ist dieser Wert nur in Griechenland und Wales. 35 Prozent sagten, die EU sei zu groß. Ziemlich genau ein Drittel der Befragten verbinden mit Europa ein „notwendiges Konstrukt“ bzw. „nicht mehr“ als den „Namen eines Kontinents“.

72 Prozent der befragten Jugendlichen fühlen sich auch als Europäer. Das primäre Zugehörigkeitsgefühl ist allerdings ein nationales: 74 Prozent fühlen sich ihrer Stadt, ihrem Heimatort oder ihrem Land am meisten verbunden. Auf der anderen Seite stehen mehr als 60 Prozent der Befragten dem zunehmenden Nationalismus in Europa negativ gegenüber.

Wenig Vertrauen in die Politik

Alarmierend ist der Befund, wenn es um das Vertrauen in Politik und Medien geht: 88 Prozent der im Rahmen von „Generation What?“ Befragten misstrauen der Politik, 85 Prozent den Medien. Damit liegt Österreich europaweit im Spitzenfeld, am höchsten ist der Wert in Griechenland. Der Blick aufs hiesige Bildungssystem fiel gespalten aus: Während die eine Hälfte der Befragten glaubt, dass das österreichische Bildungssystem Leistung belohnt, tut das die andere Hälfte nicht.

Auch die Fragen zum Reizthema Zuwanderung förderten höchst unterschiedliche Ergebnisse zutage. 14 Prozent der Befragten waren dafür, die Grenzen grundsätzlich offen zu halten, zwölf Prozent dagegen waren für eine generelle Schließung der Landesgrenzen. 40 Prozent sprachen sich für eine Aufnahme von Menschen aus, die aus Kriegsgebieten flüchten. 16 Prozent plädierten für die Einführung von Quoten - nach Herkunftsland und Jobs -, 13 Prozent für die ausschließliche Aufnahme gut ausgebildeter Personen aus aller Welt.

Soziales Engagement ist wichtig

83 Prozent der Teilnehmenden waren der Meinung, dass die Ungleichheit im Land immer mehr zunimmt. Positiv: Sehr viele sind bereit, selbst etwas gegen diesen Missstand zu unternehmen. Ein beträchtlicher Teil ist zu eigenem zivilgesellschaftlichem Engagement bereit: Mit 30 Prozent hat sich beinahe jeder Dritte im Rahmen einer Hilfsorganisation engagiert, weitere 46 Prozent können sich ein derartiges Engagement vorstellen. Die hohe Bereitschaft zu zivilgesellschaftlichem Engagement fand ihren Widerhall in der Lebenseinstellung der Befragten. 81 Prozent gehen davon aus, dass es ohne Solidarität im Leben nicht geht.

Auch die Einstellungen zu Fragen über Partnerschaft, Ehe, Familie, Freundeskreis und Sex sind bemerkenswert: Für die überwältigende Mehrheit (82 Prozent) gehen Liebesbeziehungen mit Treue einher. Die am häufigsten angegebenen sexuellen Erfahrungen betreffen Sexspielzeug, mit dem 62 Prozent der Umfrageteilnehmer bereits experimentiert haben, und Sex an öffentlichen Orten, was mehr als die Hälfe der Befragten schon ausprobiert hat. Nicht ausprobiert, aber vorstellen können sich die Teilnehmenden Sex mit mehr als einer Person gleichzeitig sowie SM-Spiele.

Die auffälligsten Unterschiede

Interessant sind aber nicht nur die Vergleiche zwischen den einzelnen „Generation What?“-Teilnehmerländern - auch im Inneren der Staaten förderte die Befragung, an der sich europaweit 920.000 Personen beteiligten, teilweise stark divergierende Ansichten zutage.

Grafik zu einer Befragung der jüngeren Generation

Grafik: ORF.at; Quelle: SORA

Deutliche Unterschiede ließen sich etwa in der Frage nach der Gleichberechtigung von Frau und Mann ermitteln. 63 Prozent der befragten Frauen gaben an, dass der Weg zur Geschlechtergerechtigkeit in Österreich noch ein weiter sei; im Gegensatz dazu waren nur 46 Prozent der Männer dieser Ansicht. Männer zeigten eine wesentlich höhere Bereitschaft, in den Krieg zu ziehen oder an einem größeren Aufstand teilzunehmen. Dafür hatten sich unter den Befragten mehr Männer als Frauen bisher politisch bzw. sozial engagiert. Zudem erklärten mehr Männer als Frauen, sich von einem küssenden homosexuellen Paar gestört zu fühlen, und auch gegen Kopftuchträgerinnen hegten Männer eine größere Apathie.

Grafik zu einer Befragung der jüngeren Generation

Grafik: ORF.at; Quelle: SORA

Ein Gefälle zeigte sich zudem zwischen Stadt- und Landbewohnern. Für Letztere spielten die Volkszugehörigkeit, gemeinsame Sprache und Nationalität eine große Rolle, wenn es darum geht, sich einer Gemeinschaft zugehörig zu fühlen. Und während sich 64 Prozent der befragten Stadtbewohner überzeugt zeigten, dass Zuwanderung die kulturelle Vielfalt Österreichs bereichert, waren es unter den Menschen aus ruralen Gebieten nur 45 Prozent.

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