Vom Jenseits ins Diesseits und retour
„Der Tod, das muss ein Wiener sein“, hat Kabarettist Georg Kreisler einst gesungen. Tatsächlich ist um Allerheiligen und Allerseelen in Österreich und gerade in Wien Morbidität allgegenwärtig. Noch inniger umarmt man Tod und Verderben aber in Mexiko, wo das Totengedenken das vielleicht wichtigste, sicher aber rauschendste Fest des Jahres ist. Auch in Österreich feiern immer mehr Menschen mit.
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Es beginnt damit, dass der „Dia de los Muertos“ (auch: „Dia de Muertos“; Totentag) nicht nur ein Tag ist, sondern zumindest eine Woche der Feiern und Vorbereitungen: Totenköpfe aus Zucker, kunstvolle Skelettgirlanden, Gerippespielzeug für die Kinder, Totenbrot („Pan de Muertos“) und orangefarbene Blumen stehen überall zum Verkauf. Orange sehen die Toten am besten, wenn sie einmal im Jahr den Weg ins Reich der Lebenden suchen, um mit ihnen zu feiern. Heilige sind dem hochkatholischen Mexiko zu Allerheiligen recht egal.
Wenn sich tote Gäste die Klinke in die Hand geben
Es geht darum, den Toten daheim ein gutes Fest auszurichten und sie danach wieder ins Totenreich zurückzubegleiten, etwa mit einem gemeinsamen Picknick auf dem Grab. Dass es ein gutes Fest wird, liegt wiederum jedem Totengastgeber am Herzen. Schließlich sollen sie nächstes Jahr ja wiederkommen, in derselben Reihenfolge wie immer: nach den Getöteten (28.10.), Ungetauften (29.10.), unbeweinten Toten (30.10.) schließlich vor Allerheiligen die Kinder („Angelitos"/Engelchen) und in der Nacht darauf die Erwachsenen.

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Ein öffentlicher Totenaltar ("Ofrenda“) in der Stadt Zapotlanejo
Längst sind die Bildwelten des mexikanischen Totengedenkens globales Kulturgut geworden: Gothic-Mode, Tattoo-Motive, die gesamte Marke Don Ed Hardy, der PC-Spieleklassiker „Grim Fandango“ und Etiketten von Tequilaverschnitten (die in Mexiko als Fusel eingestuft würden) mögen als Belege dienen. Vielleicht steht dahinter eine größere Sehnsucht, nämlich sich die Scheu vor dem Thema Tod ebenso abzugewöhnen wie die Mexikaner.
Den Tod „suchen, streicheln, feiern, foppen“
Überall sonst sei „der Tod ein Wort, das man vermeidet, weil es die Lippen verbrennt“, schrieb der mexikanische Literaturnobelpreisträger Octavio Paz, aber der Mexikaner „sucht, streichelt, foppt, feiert ihn, schläft mit ihm; er ist sein Lieblingsspielzeug und seine treueste Geliebte. Vielleicht quält ihn ebenso die Angst vor ihm wie die anderen, aber er versteckt sich nicht vor ihm noch verheimlicht er ihn, sondern sieht ihm mit Geduld, Verachtung oder Ironie frei ins Gesicht.“

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Allerheiligenparade in Mexiko-Stadt
Auch in Österreich findet der Blick auf den Tod in Augenhöhe immer mehr Fans. Seit Jahren feiern Österreicher und die mexikanische Exilcommunity in Wien gemeinsam, in den anderen Bundesländern kommen jährlich neue Events dazu. Dabei scheiden sich jedoch die Geister: Manches erinnert eher an rauschige Ethno-Halloween-Gschnasfeste, in anderen Veranstaltungen wird die Essenz des „Dia de los Muertos“ aber eher spürbar. Friedlich teilen sich beide Lager eine Facebook-Gruppe mit Veranstaltungshinweisen.
Jahrtausende alter Schmelztiegel
Die Rituale einer echten mexikanischen Totenfeier führen vor allem dazu, dass man sich zum Unterschied von „Augen zu und durch“-Friedhofsbesuchen mit dem Tod länger und auf vielen Ebenen auseinandersetzen muss. Das aufwendige Errichten einer „Ofrenda“, des traditionellen Gabenaltars für die eingeladenen Toten mit seinen verschiedenen symbolischen Stufen und Bestandteilen, erfordert eine eingehende Auseinandersetzung mit Aspekten des Lebens, Sterbens und der Person des Verstorbenen.
Dass die Inhalte der Feier über Jahrtausende gewachsen sind, macht ihr Gesicht nur umso vielfältiger: Am Anfang standen die Azteken und Maya mit ihrem Jenseitsglauben und einem stark kollektiv geprägten Gesellschaftssystem: Jeder fühlte sich als kleiner, aber unentbehrlicher Teil des Ganzen, auch Tote und Lebende waren nur zwei Gruppen einer Gesamtheit. Dazu kam ab dem 16. Jahrhundert das Christentum - und schließlich an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert noch reichlich Klassenkampf.
Der Revolutionär an der Kupferplatte
Die heute ikonenhaften mexikanischen Totenfiguren gehen auf einen Mann zurück: den Kupferstecher Jose Guadalupe Posada (1854 - 1913). Die damalige beißende Gesellschaftskritik und revolutionäre Botschaft dahinter ist heute vielen nicht mehr bewusst. Posadas „Calavera Catrina“, das weibliche Skelett in nobler Sonntagskleidung, war eine Parodie auf jene Einheimischen, die den Lebensstil der westlich-kolonialistischen Herrschenden nachahmten.

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Jose Guadalupe Posadas Ur-„Catrina“, die um 1910 entstand
Der Verweis auf den Totenkult war zu Posadas Zeiten - am Vorabend der mexikanischen Revolution - an sich gewagt. Damals galt das traditionelle Feiern des Totentags als hinterwäldlerische Sturheit der Landbevölkerung, deren Willen es nach Meinung der Regierenden ohnehin zu brechen galt. Die „Catrina“ war damit vor allem ein Symbol für entrechtete Massen, die sich an ihre Unterdrücker anbiedern, statt um ihr Recht zu kämpfen.
Was in Totenköpfen vorgeht
Nicht umsonst sieht man vor allem in Mexikos Süden, wo der Brauch in seiner unverfälschtesten Form überlebt hat, auf Friedhöfen kaum jemanden in Totenkopfschminke. Für alle Geschminkten gilt wiederum: Entweder sie verfügen über ein gehöriges Maß an Selbstironie im Sinn Posadas - oder sie bestätigen ungewollt dessen Kritik nur umso mehr. Die dritte Möglichkeit: Sie feiern gerade, wie auch in Mexiko immer mehr Menschen, Halloween.
Lukas Zimmer, ORF.at
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