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Es gibt kein Entkommen

Er ist nicht umzubringen, der österreichische Dialekt - und warum sollte man auch. Voodoo Jürgens ist der Mann der Stunde, aber gerade momentan erscheint eine Platte nach der anderen für Menschen, die vor einem „Oida“ keine Angst haben. Der vorläufige Höhepunkt wird ein Festival, das einen erdigen Querschnitt durch die Szene bietet.

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Irgendwann einmal, es kann nicht mehr lange dauern, wird man über österreichische Musiker, die sich der Dialektsprache bedienen, auch berichten können, ohne die großen Austropop-Fragen zu stellen. Ist das jetzt der neue Austropop? Und was hat er mit dem alten Austropop zu tun? Und vergleichen wir ihn jetzt mit dem klassischen Wienerlied, mit dem Ambros oder doch schon mit dem Nino?

Austropop heißt ja nicht Dialektpop - zumindest nicht mehr, siehe Ja, Panik und Bilderbuch. Aber der Dialekt ist eine Klammer, die mittlerweile wieder eine ganze Menge Musiker mit einschließt, die sonst nicht viel miteinander zu tun hätten. Seiler und Speer, Wanda, Reinhard Fendrich, Texta, Der Nino aus Wien - und jetzt Voodoo Jürgens: Keiner ist da mit dem anderen wirklich vergleichbar.

Voodoo Jürgens

APA/Hans Punz

Voodoo Jürgens heuer beim Popfest auf dem Wiener Karlsplatz

Das Freiheitsversprechen des Dialekts

Dass der Dialekt für grenzüberschreitenden Erfolg kein Hindernis sein muss, hatten schon vor Langem Fendrich und die Erste Allgemeine Verunsicherung (EAV) bewiesen. Und auch heute finden viele bis hinein in die hippen Viertel von Berlin und Hamburg Ösis „süß“. Beim steirischen herbst hat das der in Berlin lebende österreichische Künstler Gernot Wieland in seiner Videoarbeit „Thievery and Songs“ so kommentiert: Selbst der deutsche Psychotherapeut höre ihm nicht wirklich zu, sondern ergötze sich nur am herzigen Dialekt.

Im Interview mit ORF.at sagte Nina Proll, dass man auf Österreichisch einfach viel besser schimpfen könne. Und Ernst Molden erklärte im Gespräch mit dem „kultur.montag“ diese Woche zum Thema Dialekt und Musik: „Inhaltlich ist in der Unbestimmtheit vieler Formulierungen der Platz zwischen den Zeilen und damit die persönliche Freiheit größer. Und es ist von Haus aus grooviger, melodiöser, bringt einen in gute Laune.“

Von wegen Nostalgie

Vor allem aber ist die Dialektsprache noch immer tief in der kulturellen DNA der meisten Österreicher verankert, selbst wenn sie, geschult vom deutschen Fernsehen und vom Appell der Volkschullehrerinnen, doch schön zu sprechen, selbst nur noch schlampiges Hochdeutsch mit österreichischem Einschlag verwenden, aber nicht mehr den Urdialekt. Für viele ist der Dialekt die Sprache der Kindheit - und dadurch Symbol einer verloren gegangenen Unmittelbarkeit.

Voodoo Jürgens

ORF.at/Thomas Hangweyrer

Das Cover von „Ansa Woar“

Wenn über Voodoo Jürgens geschrieben oder gesprochen wird, taucht mitunter das Wort „Nostalgie“ auf. Völlig zu Unrecht, auch wenn der Künstler und sein Plattenlabel ein wenig selbst daran schuld sind. Das Cover von „Ansa Woar“ zeit das Cafe Voodoo in der Siebensterngasse in Wien samt Voodoo Jürgens’ Vater im Zuhälter-Look mit einer Prostituierten daneben. Das Booklet ziert ein Läufermesser auf dem Beisltisch mit einem weißen Spritzer daneben. Aber in den Texten geht es nicht um Tschocherl-Coolness und die Verklärung der guten alten Strizzi-Zeit, im Gegenteil.

„Dass di du net genierst“

Die Texte sind eigentlich Gedichte, unheimlich berührend und traurig und dennoch auf seltsame Weise wunderschön, wie es nur echte Poesie kann - echte Poesie, wie sie selten entsteht und nur dort, wo der Autor ganz bei sich ist. Da sind die „3 Gschichtn ausn Cafe Fesch“, etwa die über den Dicken, der noch immer bei seiner Mutter lebt:

„bua wost ma du auduast, sterben mecht i und wies do ausschaut, such da endlich a frau die do a bissl zamrahmt, waunns deine Pornos sicht, daunn rennts eh glei davon, dass di du net genierst des wundat mi scho.“

Dazu ein anderer, der Willy:

„und da willy hod a tochter ghobt die hod si in goldernen gebn, er hods gfundn im zimmer mit da pumpn daneben.“

Wenn’s „Watschn regnt“

Und immer wieder, in unterschiedlichen Songs, ein schonungsloser Blick auf das, was Kindheit abseits von boboesker Bullerbü-Romantik heißen kann, auf das, was seit Ludwig Hirschs „Der Blade Bua“ keiner mehr so in Songs verpackt hat, obwohl es da draußen, in der echten Welt, immer noch Alltag ist. Alleine die vielen Ausdrücke für Schläge werden zahlreichen Hörern noch buchstäblich in den Ohren klingen - den urbanen Millenials vielleicht nicht mehr (Song „Nochbors-Kinda“):

„beim voda hätts watschn gregnt, a gscheide nußn, a ohrwaschlreiberl, a knackflack, an spitz und waunns a eisnbahna is, a stereowatschn, an sheriffstern, a packl hausdetschn (...), an tschuck aufs guck, an eierbock, (...) a brennessel, an saubauch.“

Voodoo Jürgens

ORF.at/Thomas Hangweyrer

Voodoo Jürgens beschwört mit seiner CD die Untoten herauf

Beobachtungen eines Kinderalltags

Oder die Geschichte über den Buben, der so lange in eine Kiste eingesperrt wurde, bis ihm ein Bein amputiert werden musste (noch einmal „3 Gschichtn ausn Cafe Fesch“), dazu der Streit zwischen Geschiedenen, weil der Vater die Alimente nie bezahlt und sich auch sonst nicht kümmert („Alimente“), und dann, vor allem, der Song über Voodoo Jürgens Heimat, „Tulln“ (laut einem Gespräch des Musikers mit dem „Falter“ autobiografisch):

„91 is da voda in häfn maschiert, in da zeitung is gstandn, wor groß insariert, für die aundan kinda wors a gfundenes fressn (...)“

„im summa samma im aubod bei da rutschn glegn, waunn ma schuigstanglt haum, haumma si durt die kantn gebn, da stadtparkfredl hod da 500 Schilling geben, waunnst erm beim wixn zuagschaut host, daunn hod a des megn, in da bluadgossn des erste moi wundbenzin gnumma (...)“

„vüle san ogstirzt oba uns hods ned troffn, sunst darat ma heit net dositzn und singa.“

Kein Album zum Durchhören

Wer das Album das erste Mal hört - und wirklich zuhört - wird wohl immer wieder innehalten müssen. Der Blick, der hier zurückgeworfen wird, ist kein nostalgischer - und es ist nicht nur ein Blick zurück, sondern auch einer nach drüben, in die anderen Bezirke von Wien, die weniger hip sind, wo noch immer Menschen so leben müssen, wie man es heute gerne sozialromantisch verklärt.

Aber es ist nicht alles traurig, allerorten blitzt die schlaue Gewitztheit von Voodoo Jürgens durch, man muss durchaus immer wieder schmunzeln. Und der Künstler ist auch kein Eigenbrötler, sondern in der Szene wohlbekannt, als Sänger von Die Eternias. Nun, auf seiner ersten Soloplatte, haben unter anderen Wolfgang Möstl von Mile Me Deaf, Andreas Spechtl von Ja, Panik, Sebastian Janata von Ja, Panik und Worried Man & Worried Boy sowie Schauspielerin Eva Billisich mitgewirkt. In den Danksagungen sind noch Der Nino aus Wien und Marco Wanda erwähnt.

Der Nino aus der Steiermark

Apropos Nino: Auch er veröffentlicht dieser Tage ein neues Album gemeinsam mit seiner Kollegin der Gruppe Krixi, Kraxi & die Kroxn, Natalie Ofenböck. Der steirische herbst schickte die beiden durch die Steiermark, wo sie sich erstens zu Songs inspirieren ließen und zweitens diese gleiche gemeinsam mit steirischen Musikern einspielten. „Bad Radkersburg“ etwa kommt als besonders brachiale Soundorgie daher. Erinnerung an La Düsseldorfs Hymne „Düsseldorf“ aus dem Jahr 1976 werden wach. Außerdem ist Teil zwei von Ninos Landvermessung des (alten) Austropop gemeinsam mit Ernst Molden in Arbeit.

Ebenfalls ein neues Album bringt mit „Ruhig bleiben“ dieser Tage das Projekt von Vater und Sohn Janata heraus, Worried Man & Worried Boy. Da geht es, ganz in der Skiffle-Tradition des Papas, weniger in die tiefe Schwere, es reagieren eine freche Leichtigkeit und erdiger Schmäh. Und gut gelaunte Luftigkeit und Nachdenklichkeit wechseln einander ab beim Debütalbum von Granada, die mit ihrem Song „Wien wort auf di“ (das Fiaker-Video) einen mittelgroßen YouTube-Hit landeten.

„Hamkumst“ von Nina Proll

Granada wiederum sind so etwas wie das Missing Link zwischen Songpoeten wie Voodoo Jürgens, dem Nino aus Wien und Ernst Molden auf der einen und massentauglichen Dialektpopgrößen wie Seiler und Speer auf der anderen Seite. Eine sehr gelungene Aneignung von deren Song „Hamkumst“ gibt es übrigens auf YouTube zu hören und zu sehen. Diesmal sudert nicht der dauerbesoffene Mann vor sich hin - sondern die Frau liest ihm die Leviten. So bekommt das Lied, hervorragend interpretiert von Nina Proll, einen völlig neuen Drall.

Zurück zur Schwere. Paul Plut hat schon in den Bands Viech und Marta seine Vielseitigkeit bewiesen, jetzt ist er solo mit eigenen Songs unterwegs. Songs, die düster vor sich hin wummern wie manche von Nick Cave, Songs, in denen Plut seine beiden Selbstmordversuche verarbeitet. Noch gibt es kein Album, aber immerhin schon Konzerte. Und zum Thema Konzerte: Wanda bringen das wohl meistbesprochene Konzert einer österreichischen Band der letzten Jahre am 21. Oktober als Album heraus: den Stadthallen-Gig, unter dem Titel „Amore meine Stadt“.

Ein leiwandes Festival

Vieles von dem, was derzeit an Dialektmusik auf dem Markt ist, wird vom Samstag bis 31. Oktober beim Wiener Festival Rosenstolz präsentiert. Der Querschnitt ist gewagt, witzig und gelungen. Ulli Bäer, Erika Pluhar, Adi Hirschal. Die Strottern, Kollegium Kalksburg und die Gebrüder Marx. Worried Man & Worried Boy, Voodoo Jürgens, der Nino dreimal - einmal mit Natalie Ofenböck (das Steiermark-Konzert), einmal mit Molden, einmal mit Die Wiener Melange. Molden auch dreimal, mit Nino, mit Willi Resetarits, Walther Soyka und Hannes Wirth und dann noch einmal mit Walther Soyka und Karl Stirner. Könnte leiwand werden, Oida.

Simon Hadler, ORF.at

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