Debatte schon vor über hundert Jahren
Kein Kleidungsstück sorgt für so hitzige Debatten wie die Kopfbedeckung strenggläubiger Musliminnen. Ist sie ein Symbol für Freiheit oder für die Unterdrückung der Frau? Ist sie Teil der persönlichen Identität oder politisches Statement? Immer wieder kommt unter dem Schlagwort Burkaverbot die Kritik an der Bekleidung muslimischer Frauen auf. Neu ist der Streit über die Kopfbedeckung nicht.
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Schon vor über hundert Jahren gab es eine heftige Diskussion darüber - allerdings in arabischen Ländern und geführt von Muslimen und Musliminnen. Im 19. Jahrhundert war die Verhüllung reichen Städterinnen vorbehalten. Soziale und wirtschaftliche Umbrüche in der arabischen Welt brachten aber Anfang des 20. Jahrhunderts mehr und mehr Frauen dazu, sich für Rechte und Teilhabe zu engagieren und sich zusehends vom Schleier loszusagen. Den Ausgangspunkt nahmen diese Bewegungen in Ägypten.
Frauen kämpften gegen Schleier
Einen Grundstein dafür legte der nicht unumstrittene ägyptische Frauenrechtler Kasim Amin Ende des 19. Jahrhunderts mit seinen aufsehenerregenden Büchern „Die Befreiung der Frauen“ und „Die neue Frau“. Anfang des 20. Jahrhunderts griff die Diskussion über die Verhüllung der gläubigen Musliminnen im öffentlichen Raum auf andere Länder über.
Ausbreitung der Verschleierung
Der Schleier, der ab der Nase das Gesicht der Frauen verdeckt (Nikab), wurde ursprünglich auf der arabischen Halbinsel von Beduinen als Schutz gegen den Wüstenwind verwendet. Es gibt Hinweise auf Verschleierung schon aus vorislamischer Zeit. Im Osmanischen Reich verbreitete sich die Verschleierung unter Haremsfrauen, im 19. Jahrhundert im Nahen und Mittleren Osten.
Ägypten wurde das erste arabische Land, das sich ohne staatliche Intervention „entschleierte“. In Mustafa Kemals türkischer Republik wurde das Tragen eines Kopftuchs unter Androhung der Todesstrafe verboten. Auch in Syrien demonstrierten Frauen gegen die Verhüllung.
„Dem Gefängnis des Hidschab entfliehen“
In dieser Debatte sei es in einer Zeit, als viele arabische Länder vor einem Umbruch standen, vor allem um das Selbstbild dieser Kultur und Religion gegangen, so Religionswissenschaftlerin Viola Raheb. Es sei im Gegensatz zur inzwischen westlich dominierten Debatte eine „innermuslimische Auseinandersetzung“ gewesen.
Die libanesisch-syrische Frauenrechtlerin Nazira Zain al-Din schrieb etwa 1928 in ihrem Buch „Die Enthüllung und der Schleier“: „(...) Ich bitte die Herren, mich nicht zu verurteilen, die Ordnung zu verletzen und dem Gefängnis des Hidschabs entfliehen zu wollen. (...) Wenn einige Frauen aus Unwissenheit, die ihnen auferlegt wurde, nicht erkennen, welche Erniedrigung im Hidschab für sie und für die Männer steckt, wie kannst Du es Dir als Mann erlauben (...), dass so eine Erniedrigung Dich, Deine Mutter, Deine Tochter, Deine Frau und Deine Schwester gleichzeitig trifft?“

Getty Images/duncan1890
Verschleierte türkische Frau in Damaskus, 1890
Raheb sieht die Bedeutung dieser Schrift vor allem darin, dass der Koran erstmals feministisch ausgelegt wurde: Die Autorin kam zu der Erkenntnis, „dass es nicht der Islam an sich sei, der die Verschleierung der Frauen gebietet, sondern dass die Interpretation der Texte erst diese Regeln einführte“, so Raheb.
Koran lässt Konkretes offen
Viele Frauen argumentierten damals - ganz im Sinne Amins -, dass die Verschleierung mit dem Islam wenig zu tun habe, sondern „mehr mit schlechten Praktiken im Namen des Islam, um den sozialen Aufstieg von Frauen zu behindern“, bestätigte auch die kanadisch-iranische Sozialanthropologin Homa Hoodfar in ihren Arbeiten zu muslimischen Frauen. Die Wissenschaftlerin ist derzeit im Iran inhaftiert.
Drei Stellen im Koran gäben Auskunft über die Kleidung der Frau, schrieb die deutsche Islamwissenschaftlerin Claudia Knieps in einem Artikel für die deutsche Bundeszentrale für politische Bildung. Vers 53 in Sure 33 beziehe sich auf die Frauen des Propheten Mohammed, Vers 59 in derselben Sure auf diese und muslimische Frauen allgemein und eine dritte Stelle - Sure 24, Verse 30, 31 - auf muslimische Frauen und Männer.

Brooklyn Museum
Verschleierte Frauen im Iran Ende des 19. Jahrhunderts
Eine eindeutige Aufforderung an Musliminnen, ein Kopftuch zu tragen oder sich zu verschleiern, gebe es darin nicht, so Knieps. Bei einigen muslimischen Gruppen wurde allerdings durch Interpretationen und Auslegungen daraus ein Gebot, eine Kopfbedeckung zu tragen. So ist etwa nicht explizit davon die Rede, die Haare bedecken zu müssen. Doch im Lauf der Jahrhunderte entwickelte sich aus der Koranstelle 24, 30-31 die Interpretation, dass die Frau nur im Kreis der Männer aus ihrer Verwandtschaft Blöße zeigen dürfe.
„Gegenteiliger Effekt von Integration“
Stand bei der Kopfbedeckungsdiskussion im arabischen Raum die Stellung der Frau in der Gesellschaft im Mittelpunkt, steht nun die muslimische Frau und ihre „Befreiung“ im Fokus, so Raheb. In der aktuell im Westen geführten Debatte gehe es eigentlich um Integration. Unter diesen Bedingungen habe die Burka weder mit Identität noch mit Abgrenzung zu tun, so Raheb: „Sie zu tragen ist ein religiöser und/oder politischer Brauch, der heute sowohl im östlichen als auch im westlichen Diskurs vielfach nur noch instrumentalisiert wird.“
Die politische Diskussion hinterlässt Nachwehen in der Gesellschaft. „Bei der Debatte über das Burkaverbot bleibt in den Köpfen vieler Menschen hängen, dass Muslime bei uns nichts verloren haben. Das führt zu großer Verunsicherung und hat den gegenteiligen Effekt von Integration“, erzählt Manuela Smertnik, pädagogische Bereichsleiterin bei den Wiener Jugendzentren, aus der Praxis, wie die Diskussion bei jungen Musliminnen ankommt.
„Leichte Beute für radikalere Ideen“
„Viele sind verärgert, weil Zuschreibungen gemacht werden, bei denen sie sich gar nicht wiedererkennen - etwa dass Mädchen, die Kopftuch tragen, ungebildet seien und unterdrückt würden.“ Andere Mädchen wiederum würden verunsichert und würden „leichte Beute für radikalere und extremere Ideen“, so Smertnik.
Die Gründe, ein Kopftuch zu tragen, sind vielfältig: religiöse Gründe, die Familie - und auch Provokation. Smertnik: „Mit dem kürzesten Minirock, Tattoo und Piercing kann man nicht so viel Aufschrei in der Gesellschaft erreichen, wie wenn man einen Vollschleier anlegt.“ Manche Frauen greifen auch aus Widerstand zu ihrer andersdenkenden Familie zum Kopftuch, weiß die Kopftuch tragende Muslimin Amani Abuzahra aus Erfahrung. Die Philosophin ist Dozentin an der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule.
Hilfe für und Mittel gegen Patriarchat
Der Schleier ist für die Sozialanthropologin Hoodfar eine Praxis „voll von Widersprüchen“: Es sei klar ein „Mechanismus im Dienste des Patriarchats, als Mittel, das Leben von Frauen zu regulieren und kontrollieren“. Frauen hätten den Schleier aber gerade auch dazu genutzt, sich von den „Fesseln des Patriarchats“ zu lösen, schrieb die Wissenschaftlerin bereits in den 90er Jahren. Ob die Verschleierung vom Staat verboten oder vorgeschrieben wurde, es habe immer einen Kampf der Frauen gegeben: gegen die erzwungene Geschlechterrolle, die vom Staat vorgesehen wurde, beschrieb Hoodfar am Beispiel des Iran.
Als etwa im Iran der 30er Jahre die Verschleierung per Gesetz verboten wurde, bedeutete das zunächst eine verstärkte Abhängigkeit der Frauen von den Männern. Viele Frauen blieben zu Hause und ließen ihre Ehemänner und Söhne die Aufgaben in der Öffentlichkeit erledigen. Treffen mit anderen wurde schwieriger, die Kontrolle durch die Familie größer, so Hoodfar.
1980 wurde der Verschleierungszwang eingeführt. Auch hier gab es allerdings Proteste, dass durch diesen neuerlichen Zwang die demokratischen Rechte von Frauen beschnitten würden. Einige gut ausgebildete Frauen aus der Mittelschicht verloren nun ihren Job. Der Besuch von Frauen in Schulen und Universitäten nahm aber zu.
Korsett als Gefängnis
Je westlicher der Blick auf die Verschleierungsdebatte ist, umso mehr wird zudem übersehen, auf welches Unverständnis die einstige europäische Kleidung stieß. Als etwa die britische Schriftstellerin Lady Mary Montagu im Osmanischen Reich reiste und in ein Hammam geladen wurde, musste sie auch ihr eng geschnürtes Korsett ablegen.
Dazu schrieb der Historiker Mohammed Tavakoli-Targhi Anfang der 1990er Jahre: Aus Sicht der muslimischen Frauen war die Schriftstellerin „in einer Maschine gefangen, die nur von ihrem Ehemann geöffnet werden konnte“. Beide Frauengruppen „konnten einander als Gefangene sehen und sie hatten sicher recht“.
Simone Leonhartsberger, ORF.at
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