„Warte nicht auf den Storch“
Italiens Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin hat sich mit einer eigenwilligen Kampagne zur Erhöhung der Geburtenrate in die Nesseln gesetzt. Junge Italienerinnen wurden darin aufgefordert, bald Kinder zu bekommen und ihre fruchtbaren Jahre nicht zu verpassen. Lorenzin schlug eisiger Wind entgegen: Sie musste zurückrudern.
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„Schönheit bleibt, Fruchtbarkeit nicht“: Auf dem Sujet zur gescheiterten Kampagne war eine junge Frau zu sehen, die eine Sanduhr in die Kamera hält. „Fruchtbarkeit ist ein Gemeinwohl“ und „Beeile dich, warte nicht auf den Storch!“ ist ebenfalls auf Plakaten zu lesen. Lorenzin erklärte zudem den 22. September zum „Fruchtbarkeitstag“, an dem Konferenzen zum Thema Fortpflanzung stattfinden sollten.
Neben Werbeeinschaltungen in diversen Medien lancierte Lorenzins Ministerium auch eine Twitter-Kampagne. Unter dem Schlagwort „#FertilityDay“. In Sozialen Netzwerken wurden die Bilder, die sowohl Männer als auch Frauen zum Kinderkriegen animieren sollten, schnell zum Erfolg, allerdings nicht so, wie sich die Ministerin das vorgestellt haben dürfte.
Keine Unterstützung von Renzi
Die Kampagne löste einen Proteststurm aus. Frauenverbände unterstellten Lorenzin indirekte Vorwürfe gegenüber Frauen, die sich freiwillig für Kinderlosigkeit entschieden haben. Zudem wurde bemängelt, dass die meisten der Werbesujets Frauen ansprächen, während man zum Kinderkriegen immer noch zwei brauche.
Selbst Premier Matteo Renzi kritisierte die Kampagne als nutzlos und sagte, das Gesundheitsministerium habe ihn nicht über die Initiative informiert. „Ich glaube, keiner meiner Freunde hat sich für Kinder entschieden, nachdem er eine Werbung gesehen hat“, kommentierte er in einem Radiointerview.
Ministerin rudert zurück
Lorenzin, die der konservativen Regierungspartei Nuovo Centrodestra (NCD) angehört, geriet in die Defensive. In einem Interview mit der Zeitung „La Stampa“ verteidigte sie noch ihre Kampagne, an der sie ein Jahr lang gearbeitet habe. Im Fokus stehe der Kampf gegen Unfruchtbarkeit. Dass die Initiative ein veraltetes Frauenbild transportiere, sei ein Vorurteil: „Das ist eine praktische Polemik.“ Man müsse den soziologischen Aspekt vom gesundheitlichen trennen.

Retuers/Remo Casilli
Gesundheitsministerin Beatrice Lorenzin
Doch der Druck wurde zu groß, die Ministerin machte einen Rückzieher. Im Kurznachrichtendienst Twitter kündigte sie eine Neuausrichtung der Kampagne an. „Es tut mir leid, dass die Werbekampagne auf Kritik gestoßen ist. Ich bleibe jedoch bei der Ansicht, dass Unfruchtbarkeit ein gesundheitliches Problem für Italien ist, das bekämpft werden muss“, so Lorenzin, die selbst erst im vergangenen Jahr im Alter von 43 Jahren Mutter von Zwillingen geworden war.
Aus konservativen Kreisen erhielt die Ministerin hingegen Zuspruch. Die Kritik sei lächerlich, erklärte ein Bündnis aus Familieninitiativen. Angesichts der demografischen Entwicklung müsse noch „viel, viel mehr“ in diese Richtung unternommen werden.
„Babyprämie“ sollte Problem lösen
Italien ist seit Jahren das europäische Schlusslicht bei der Geburtenrate, zuletzt sank sie auf ein weltweites Rekordtief. 2015 rutschte die Zahl der Neugeborenen erstmals unter 500.000, was einem Rückgang von 17.000 gegenüber 2014 entspricht. Es war das fünfte Jahr in Folge mit einem Rückgang. Jede italienische Frau hat im Durchschnitt 1,35 Kinder und ist bei der Geburt ihres ersten Kindes durchschnittlich 31,6 Jahre alt. Erstmals seit 30 Jahren ging auch die Bevölkerungszahl zurück.
Ein erster Versuch, dem Trend entgegenzuwirken, war vergangenes Jahr die Einführung einer „Babyprämie“, die kürzlich noch einmal verdoppelt wurde. 160 Euro im Monat sollen künftig Familien mit niedrigem und mittlerem Einkommen für das erste Baby erhalten.
Fehlende Betreuung
Bis jetzt scheinen Maßnahmen wie diese ohne Erfolg zu sein. Die Wiegen bleiben leer, auch warten die Italienerinnen länger auf das Kinderkriegen oder verzichten ganz darauf. Aktivisten kritisieren die mangelnde Hilfe des Staates und fehlende Kinderbetreuungsangebote. Krippenplätze für Babys und Kinder unter drei sind je nach Region rar und teuer. Oft sind die Großeltern der Rettungsanker bei der Betreuung.
Wirtschaftliche Ursachen
Dass die „Bambini“ ausbleiben, „hat mehrere Gründe, kulturelle und wirtschaftliche“, sagte Gianpiero dalla Zuanna, Professor für Demografie an der Universität Padua, der dpa. Vor allem in der Wirtschaftskrise würden viele Leute die Entscheidung für Kinder verschieben. „Mit einem unsicheren Job gründen viele keine Familie.“ Tatsächlich bleibt die Wirtschaft das Sorgenkind Italiens. Das Wachstum stagnierte im zweiten Quartal 2016, die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als elf Prozent. Auch Prominente griffen in ihrer Kritik die wirtschaftliche Lage des Landes auf: Die aktuelle Kampagne sei ein Affront für Menschen, die wegen Beschäftigungsproblemen keine Familie gründen können, so etwa der Schriftsteller Roberto Saviano.
Gehrer wollte Kinder statt Partys
Auch in Österreich wurde der politische Wunsch nach einer höheren Geburtenrate Thema: Im Jahr 2003 wünschte die damalige Bildungsministerin Elisabeth Gehrer (ÖVP) in einem Interview, die jüngere Generation solle auf Kinder setzen, statt auf Partys zu gehen. "Was macht das Leben lebenswert? Etwa wenn man von Party zu Party rauscht - ist es das Single-Leben?“, so Gehrer in dem Gespräch, das ihr viel Häme einbrachte.
Dänemark zeigt es vor
Wie eine Kampagne zur Steigerung der Geburtenraten aber funktionieren kann, zeigte im vergangenen Herbst Dänemark vor: Erst kampagnisierte ein Reiseveranstalter per Reklame dafür, öfter auf Urlaub zu fahren, um den dänischen Wohlfahrtsstaat zu unterstützen. Denn in den Ferien würden mehr Kinder gezeugt, war der Gedanke. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen zog mit der Sendung „Knald for Danmark“ („Bumst für Dänemark“) nach. Tatsächlich erlebte das Land in der Folge einen kleinen Babyboom. Zum ersten Mal seit Jahren könnte 2016 die Marke von 60.000 Geburten geknackt werden.
Dänemark steht allerdings wirtschaftlich auch um einiges besser da als Italien. Die Arbeitslosgkeit beträgt 6,2 Prozent, die Wirtschaft wuchs im zweiten Quartal um 0,7 Prozent. Auch bei der Kinderbetreuung sind die Skandinavier voraus: Ab dem sechsten Monat gibt es einen Rechtsanspruch.
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