Keine Lust mehr auf den Ausnahmezustand
„The dream is over“ singt John Lennon im September 1970. Vier Jahre zuvor begann mit dem letzten Livekonzert der Beatles in San Francisco das Ende der Band. Der britische Journalist Philip Norman gilt als Beatles-Experte und erzählt im Interview mit ORF.at, wie es damals begann mit dem Ende der Beatles.
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Normans Buch „Shout“ war eine der ersten Biografien der Band und ist für viele bis heute das definitive Beatles-Buch. Ab 1965 interviewte Norman die Band regelmäßig. Der Autor war stets bekennender Paul-McCartney-Jünger. Erst in der jüngeren Vergangenheit wurde er etwas milder gegenüber John Lennon.
ORF.at: Wie war das, zum ersten Mal ein Kreischkonzert der Beatles mitzuerleben?
Philip Norman: Es gab einen kurzen Moment, als die Beatles noch nicht berühmt waren. „Love Me Do“, ihre erste Platte, hatte nicht wirklich eingeschlagen. Ich dachte mir damals bloß - „die klingen komisch“, und so ging es vielen. Erst ihre zweite Single „Please Please Me“ war dann wirklich aufregend. Trotzdem vergingen noch Monate, bis die Beatlemania voll einschlug. Doch spätestens dann wollte man am liebsten mit einem von ihnen tauschen. Einmal die gleiche Anhimmelung erleben. Es schien mir einfach undenkbar, dass ihnen dieser Rummel nicht gefallen konnte. Doch genau das war’s. Es hat ihnen nicht gefallen. John Lennon hat das Ganze sogar offen gehasst.
ORF.at: Waren Sie auch live bei einem dieser Konzerte, bei denen das Fangeschrei jegliche Musik verstummen hat lassen?
Norman: Ich hab sie auf ihrer letzten Tour zum ersten Mal live gesehen, da war ich backstage. Man konnte sie wirklich nicht hören. Unmöglich. John Lennon drosch mit seiner Hand auf die Tasten seines Klaviers ein, aus Abscheu wie aus Verzweiflung, weil es keiner hören konnte.
ORF.at: Vor genau 50 Jahren fand das letzte Livekonzert der Band statt. Wie war das, am 29. August 1966 ein Beatle zu sein? Welche Spannungen gab es? Welche Perspektiven?
Norman: 1966 war für die Band ein Jahr voller Tragödien und Schicksalsschläge. Der Vorfall auf den Philippinen etwa: Sie wurden zu einem Empfang von Imelda Marcos geladen und kapierten einfach nicht, wie wichtig ihr Kommen gewesen wäre. Sie gingen einfach nicht hin. Als Retourkutsche wurden sie bei ihrer Abreise von den Sicherheitskräften am Flughafen aufgemischt. Ein Gefühl des Bedrohtseins breitete sich in der Band aus. Es gab Morddrohungen in Japan.
Und natürlich die Sache in den USA nach Lennons unvorsichtiger Aussage, dass die Beatles berühmter wären als Jesus. Was sie auf Tour erlebten, wurde also richtig hässlich, und sie waren alle erleichtert, als sie damit aufhörten. Obwohl es damals ja nicht hieß, das wäre das Ende aller Tourneen. Man sprach von einer Pause. Bis zum Ende der Band wurden sie ja immer wieder gefragt, wann sie denn wieder live auftreten würden. Offiziell haben die Beatles nie angekündigt, dass sie nie wieder live spielen würden.
ORF.at: Wie lief zu der Zeit, als die Beatles den Durchbruch schafften, das Tourleben so ab? Was wurde damals von Bands erwartet und gefordert?
Norman: Die Band ging schon auf Tour, als sie noch keine Superstars waren, sondern einfach eine erfolgreiche britische Popband. Das waren damals große Shows mit vielen anderen Künstlern und Bands. Sie hatten richtig Spaß und liebten den Gemeinschaftsgeist, der unter den Bands herrschte. Da waren die Stones dabei, die Hollies und andere Bands aus dem Norden. Lennon und McCartney verteilten ihre Songs immer wieder an andere. Diese Art von Tournee war wirklich nicht schlecht.
Richtig schlimm wurde alles erst in Amerika, als die Sache wirklich groß wurde. Das Geschrei übertönte alles. Niemand konnte auch nur einen Ton hören. Dann kam hinzu, dass ständig Kinder in Rollstühlen direkt vor die Bühne geschoben wurden. Dabei hatte John eine krankhafte Angst vor körperlicher Behinderung. Er wurde richtig panisch durch die Rollstühle vor der Bühne. Am Ende wurden diese armen Kids auch noch bis in die Garderobe geschoben, als ob die Beatles sie heilen könnten. Es war schrecklich.
Leute ohne jegliches Gewissen haben sich gleich als Betreuer ausgegeben, um mit einem Rollstuhl und unter Vorspieglung falscher Tatsachen in die Garderobe der Beatles zu gelangen. So ging das Nacht für Nacht während einer langen US-Tournee. Man kann ihnen wirklich keinen Vorwurf daraus machen, dass sie davon genug hatten. Noch etwas sollten wir bedenken: Die Studiotechnologie machte damals enorme Fortschritte. Doch Songs wie „Eleanor Rigby“ oder „Penny Lane“ konnten sie nicht live spielen, weil noch immer die frühen Sachen von ihnen erwartet wurden.
ORF.at: In Ihrem neuen McCartney-Buch schildern Sie auch die Konzerte der Beatles in den USA 1965 und 1966. Bei jedem einzelnen Konzert waren 10.000, 15.000, 20.000 Menschen. 33 Konzerte in 23 Städten. Waren das auch die Größenordnungen anderer Bands damals, oder setzten die Beatles neue Maßstäbe?
Norman: Das wirklich spektakuläre Konzert der Beatles fand 1965 im Shea Stadium statt. Mitten in New York, 55.000 Fans. Das war schon unglaublich, so eine Menschenmasse, die sich zusammen ein Konzert ansieht. Am Anfang ihrer Karriere spielten sie in Europa und auch in Großbritannien in Theatern oder Kinos. Da gab es üble Tonanlagen und die Mikrofone und Gitarrenverstärker kamen aus dem Musikladen um die Ecke.
Auf ihrer ersten Tour spielten sie im Washington Coliseum, es war ein ziemlich großer Auftritt und auch ein gutes Beispiel dafür, womit sich die Band herumschlagen musste. Sie spielten mitten im Publikum - auf einer Ebene, nicht auf eine Bühne. Ringos Schlagzeug musste immer wieder neu ausgerichtet werden, damit auch alle etwas davon zu sehen bekamen. Mel Evans und Neil Aspinall mussten diesen Job erledigen. Eine lächerliche Anordnung. Die Beatles aber nahmen all das hin. Und am Ende spielten sie dann vor wirklich großen Massen.
ORF.at: Im Buch behaupten Sie, die Beatles hätten das Geschäftsmodell der modernen Pop-Tourneen revolutioniert. Sie hätten eine Ära eingeleitet, in der den Jugendlichen in einem bisher unbekannten Ausmaß und so hemmungslos wie noch nie das Geld aus den Taschen gezogen wurde. Irgendwie habe das, so schreiben Sie, aus Pop Rock gemacht. Wie haben Sie das gemeint?
Norman: Die Beatles waren ja keine Rockband, sie spielten Rock ’n’ Roll und kamen überhaupt nicht aus dem Rock-Umfeld. Sie waren einfach die Beatles, sie waren einzigartig. Die Stones waren eher dem Rock zuzurechnen, obwohl sie als Blues-Gruppe begonnen hatten. Die Musikrichtung, die sich Rock nennt, entwickelte sich viel mehr aufgrund der Impulse der Stones und weniger aufgrund jener der Beatles. Es ging um Merchandising. Darum, Beatles-Produkte an die Fans bringen. Das gab es zwar auch schon bei Elvis, aber nicht in diesem Ausmaß. Dabei hätte das Merchandising noch viel enormer sein können, wenn sie es nicht Mitte der 1960er Jahre an die Wand gefahren hätten. Die Leute kauften jedenfalls alles - und das hat es so zuvor nicht gegeben.
ORF.at: Sie schreiben, dass „Sgt. Pepper“ besonders von den Hippies gut angenommen wurde und es dann wieder mehr Gerede über eine Live-Reunion gab. Was ist dann passiert?
Norman: Die Live-Reunion schien immer möglich. Nach der Trennung, die ganzen 1970er Jahre hindurch, hieß es immer nur: „Wann werden sie wieder zurückkommen?“ Und sie wären ja tatsächlich fast zurückgekommen. Sogar John Lennon war 1974 bereit, wieder aufzutreten. Ein Promoter bot ihnen einfach so unglaublich viel Geld, und sie waren bereit, den Deal einzugehen. John meinte, für diese Summe würde er sogar einen Handstand in der Ecke machen. Es scheiterte an einer Einigung um die Verwertungsrechte von Album und Film.
Und die Hippies gehörten zu jenen, die sich wegen „Sgt. Pepper“ zum ersten Mal mit Texten auseinandersetzen. Die Texte waren ja am Cover abgedruckt und wurden damals wirklich diskutiert. Der Mystizismus, das Okkulte, indische Religion – all das hatte damals Konjunktur und sorgte dafür, dass die Menschen plötzlich begannen, den Texten eine Bedeutung einzuschreiben. Die Beatles wurden zu einer Art weltlicher Gottheit.
ORF.at: Wie würden Sie die Bedeutung von Livekonzerten für die Band im Nachhinein sehen? War es wirklich so, dass die vielen Konzerte anfangs wichtig waren, um die Gruppe aneinanderzuschweißen, sie zu verbinden und dass sie später zum immer unerträglicheren Unterfangen wurden, das schließlich einer neu entflammten Liebe zur Studiotechnologie weichen mussten?
Norman: Sie waren eine Liveband, die sich ihrem Publikum sehr verbunden fühlte, vor allem im Cavern Club in Liverpool. Die Fans haben sich mit den Beatles identifiziert. Dieses Einfühlungsvermögen zwischen der Band und ihren Fans war schlicht unglaublich. Diesen Geist wollte Paul McCartney bei den Aufnahmen zu „Let It Be“ erneut heraufbeschwören. McCartney war überzeugt, dass es schon immer ihre Stärke gewesen wäre, nah an ihren Fans zu sein, und diese Stärke wollte er zurückgewinnen.
ORF.at: Sie sehen es also auch so, dass die Livekonzerte am Ende so schlimm waren, dass sich die Band ins Studio flüchtete?
Norman: Bis dahin waren Plattenaufnahmen eine Sache, die die Band in Tourneepausen erledigte. Dann aber wurde die Zeit im Studio immer länger und wichtiger, weil auch die Bedeutung des Albumformats rasant anstieg. Davor waren nur Singles interessant, doch ab Mitte der 1960er waren es die Alben. Singles wurden zuvor millionenfach verkauft, ein Album nur ab und zu einmal. Mit dem Albumformat wurden auch die Studios immer wichtiger. Außerdem waren die Jungs in einem Konkurrenzkampf mit anderen, den Beach Boys, den Byrds – sie mussten also einfach viel öfter ins Studio.
ORF.at: Welcher Auftritt markiert für Sie den Höhepunkt der Beatles als Live-Act? Fällt Ihnen spontan etwas ein?
Norman: Naja, nicht wirklich. Die Liveauftritte wurden ja immer steriler. Sie bemühten sich ja gar nicht mehr darum, etwas Hörenswertes zu spielen, weil der Lärm ohnehin so ohrenbetäubend war. Der Lärm erschlug die ganze Musik. Viele würden wohl die Zeit im Cavern Club in Liverpool als solchen Höhepunkt bezeichnen. Damals waren sie als Liveband, die mit ihrem Publikum eng verbunden ist, auf dem Gipfel ihres Schaffens. Brian Epstein beendete dieses Kapitel und machte die Beatles zu einer Showbiz-Truppe. Das war keine Rockkultur mehr. Vor allem unmittelbar nach Epsteins Übernahme waren die Beatles einfach Bestandteil der Welt des Showbusiness.
ORF.at: Gibt es Lieder, in denen es um das Verhältnis der Band zum Tourleben geht? Die sich explizit darauf beziehen?
Norman: Nein, darüber haben sie keine Songs geschrieben. Als die Beatles in ihren Songtexten autobiografischer wurden, schrieben sie nicht über das Tourleben, sie schrieben über ihre Erinnerungen und ihre Kindheit. Es gibt keine Klagen über das Tourleben, wie sie andere Künstler formuliert haben. Als die Texte sehr persönlich wurden, betrafen sie den Songwriter als Menschen und nicht als Beatle.
ORF.at: Haben sich die Beatles vom Tourwahnsinn irgendwie anders Luft gemacht, in Tagebucheinträgen, auf Gemälden oder sonst wie?
Norman: Nein, davon wüsste ich nichts. Ich weiß nur, dass Neil Aspinall, der weit mehr als nur ein Roadie und wirklich der fünfte Beatle war, in der Garderobe diese Zeichnungen kritzelte. Ziemlich surrealistisches Zeug, das sich mit dem Wahnsinn um die Band auseinandersetzte. Ich habe diese Zeichnungen einmal gesehen und man erkannte sofort, hier wird versucht, das pure Chaos festzuhalten. Von den anderen tat das aber keiner.
Das Gespräch führte David Baldinger für ORF.at
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