70 Prozent entsprechen nicht den Standards
Der Wiederaufbau des vom schweren Erdbeben zerstörten Gebiets in Mittelitalien könnte bis zu zehn Milliarden Euro kosten. Das geht aus ersten Schätzungen der Regierung hervor.
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Regierungschef Matteo Renzi versicherte, dass der Wiederaufbau zügig voranschreiten und allen Transparenzkriterien entsprechen werde. „Wir werden prüfen, wie jeder Cent für den Wiederaufbau ausgegeben wird“, sagte Renzi am Montag. Das Kabinett versprach Finanzierungen in Höhe von drei Milliarden Euro pro Jahr, um die Anpassung der Immobilien in Italien an modernste erdbebensichere Standards zu fördern.

APA/AP/Andrew Medichini
Einsatzkräfte durchkämmen die zerstörten Häuser
70 Prozent der Immobilien entsprächen solchen Standards derzeit nicht, berichteten Medien. „Der Wiederaufbau genügt nicht, wir müssen weiteren Katastrophen dieser Art vorbeugen“, so Renzi. Er nahm den geglückten Wiederaufbau in Friaul nach dem Erdbeben 1976 als Beispiel.
Ausnahme von EU-Stabilitätskriterien möglich
Inzwischen signalisierte die EU Bereitschaft, Italien eine Lockerung der Stabilitätskriterien zu gewähren. So könnten zusätzliche Gelder in die Erdbebensicherung von Gebäuden fließen. Italien müsse jedoch konkrete Garantien für einen Plan zur Vorbeugung von Schäden durch Beben erarbeiten. „Der Wiederaufbau muss bestmöglich erfolgen. Wir befinden uns aber noch in der Notstandsphase. Der Herbst beginnt bald, und wir müssen allen Obdachlosen eine angemessene Unterkunft garantieren“, sagte Infrastrukturminister Graziano Delrio.
In den EU-Defizitregeln gibt es bereits Ausnahmen bei Naturkatastrophen und Wiederaufbau. Rom will nun um eine Ausweitung der Regeln auf die präventive Erdbebensicherung bitten. 600 Euro im Monat soll nach Angaben der römischen Tageszeitung „Il Messaggero“ jede Obdachlosenfamilie erhalten, deren Wohnung beim Erdbeben zerstört wurde. Wenn in einer Familie Behinderte lebten, sollen zusätzliche 200 Euro gewährt werden.
Stararchitekt Piano als Berater
Renzi traf sich indes mit dem Stararchitekten Renzo Piano, um über den Wiederaufbau nach dem Erdbeben zu sprechen. „Ich habe ihm gesagt, es braucht eine Baustelle, die zwei Generationen einbindet und mit Beiträgen aus der ganzen Welt finanziert wird“, sagte Piano, der zu den bekanntesten Architekten weltweit zählt und als Senator auf Lebenszeit im italienischen Parlament sitzt.

APA/AFP/Andreas Solaro
Bild der Zerstörung in Amatrice
Laut Piano müssten Gebäude entlang des gesamten Apennins - von Norden bis Süden - stabilisiert werden. „Die außerordentliche Schönheit Italiens gehört nicht nur uns Italienern, sondern ist ein Erbe der ganzen Menschheit“, so Piano. Daher seien Beiträge aus dem Ausland zur Stabilisierung der Gebäude in Italien wichtig.
Warnung vor Mafia
Der italienische Senatspräsident und ehemalige Mafia-Jäger Pietro Grasso warnte vor der Gefahr, dass die Mafia versuchen könnte, mit dem Wiederaufbau lukrative Geschäfte zu machen. Überall, wo es große Investitionen gebe, bestehe die Gefahr eines Eindringens der Mafia. „Aufsicht ist notwendig, und die italienischen Institutionen werden dazu in der Lage sein“, sagte Grasso.
Grasso sprach sich für die Veröffentlichung einer „weißen Liste“ von Baugesellschaften aus, die jeglichen Kontakt zur organisierten Kriminalität ablehnen. Auch Ermittler weisen auf die Gefahr hin, dass mit Mafia-Clans verbundene Baugesellschaften beim Wiederaufbau der mittelitalienischen Region aktiv mitmischen.
Ermittelt wird indes wegen der Volksschule von Amatrice nahe dem Zentrum des Erdbebens. Die Schule war 2012 als „erdbebensicher“ renoviert worden, sie stürzte jedoch beim Erdbeben am Mittwoch zum Großteil ein. 700.000 Euro wurden für die Renovierungsarbeiten ausgegeben. Der Bauunternehmer, der die Renovierung der Schule durchgeführt hatte, wies die Vorwürfe zurück.
Schäden für Milch- und Käseproduktion
Das Erdbeben fügte auch der renommierten lokalen Milch- und Käseproduktion schwere Schäden zu. 90 Prozent der Ställe in der Erdbebenregion seien zerstört worden, teilte der Landwirtschaftsverband Coldiretti am Montag mit. Viehzüchter seien auf der Suche nach Unterkünften für 11.000 Kühe und 22.000 Schafe. Viele Tiere seien beim Erdbeben ums Leben gekommen. Bauern befürchten Tierdiebstähle in den verlassenen Gebieten.
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Drohnenflug über Erdbebengebiet
Ein Drohnenvideo der Feuerwehr zeigt das Ausmaß der Zerstörung in Pescara del Tronto. Der ganze Ort liegt in Trümmern.
Tierfutter, Wasser und Kühlanlagen, um die Milch zu bewahren, seien in den zerstörten Gebieten dringend notwendig. Die Schäden für die Landwirtschaft in dem Erdbebengebiet gab Coldiretti in Millionen an. „Landwirtschaft und Viehzucht müssen aktiv unterstützt werden, um eine Entvölkerung der betroffenen Region zu verhindern“, kommentierte Coldiretti-Chef Roberto Moncalvo. Amatrice ist bei den Italienern als Pasta-Hauptstadt und Gastronomiehochburg bekannt. Der Ort ist Namensgeber der „Spaghetti all’Amatriciana“, eines der populärsten Nudelgerichte Italiens.
In der Nacht auf Montag wurden 19 Nachbeben in der Erdbebenregion gemeldet, das stärkste mit Magnitude 3,5. Seit dem verheerenden Erdbeben mit Magnitude 6,0 in der Nacht auf Mittwoch wurden mehr als 2.000 Nachbeben verzeichnet, teilten die italienischen Behörden mit.
Spendenmöglichkeit
- Rotes Kreuz: IBAN: AT57 2011 1400 1440 0144 und online, Kennwort: Katastrophenhilfe
- Samariter-Bund: IBAN: AT04 1200 0513 8891 4144, Kennwort: Erdbeben Italien
- Caritas: IBAN: AT92 6000 0000 0770 0004 und online, Kennwort: Erdbeben Italien
Welle der Solidarität
Das Erdbeben löste eine Welle der Solidarität aus. Mehr als sechs Millionen Euro wurden in Italien bereits als Spenden per SMS gesammelt. Die Einnahmen, die auf den Verkauf von Eintrittskarten italienischer Museen am Sonntag zurückzuführen sind, werden für den Wiederaufbau im Erdbebenraum gespendet. Es seien etwa doppelt so viele Besucher gekommen wie an einem normalen Wochenende Ende August, meldete die Nachrichtenagentur ANSA.
An der Aktion nahmen sowohl so bekannte Museen und Sehenswürdigkeiten wie die Uffizien in Florenz, das Kolosseum in Rom und die Ausgrabungsstätte in Pompeji als auch kleinere regionale Museen teil. Auch Facebook-Gründer Mark Zuckerberg und dessen Frau Priscilla Chan, die am Montag von Papst Franziskus im Vatikan zu einer Privataudienz empfangen worden sind, haben dem Roten Kreuz 500.000 Euro für die Betroffenen des Erdbebens in Mittelitalien gespendet.
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