Soziales Experiment in Holz
Die Plattform Airbnb ist bekannt für die Vermittlung privater Unterkünfte für Reisende. Nun eröffnete das Unternehmen sein eigenes Designstudio, dessen erstes Projekt ehrgeizig ist: der Bau eines Gemeindezentrums, das künftig als Vorbild für Japans Dörfer fungieren soll. Das neue Airbnb-Haus soll der Abwanderung der Jungen entgegenwirken - und dem Konzern neue Türen öffnen.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Das Studio der Plattform trägt den Namen „Samara“ und fungiert als eine Art Forschungsprojekt, das sich neuen Entwicklungen in Architektur und Design widmen will. Auch die Suche nach neuen Geschäftsmodellen gehört zu den Aufgaben.
So ein Modell dürfte in den Augen der Airbnb-Gründer im Eigenbau von zu vermietenden Häusern liegen. Denn das vom Konzern in Zusammenarbeit mit dem japanischen Architekten Go Hasegawa kreierte Haus ist die erste bauliche Eigenregie von Airbnb. Mitbegründer Joe Gebbia verkündete die Pläne vergangene Woche - und erklärte auch den sozialen Anspruch des Gebäudes.
Airbnb als soziales Werkzeug
Das „Yoshino Cedar House“ wird derzeit auf einer Messe in Tokio vorgestellt, wie das Magazin „dezeen“ berichtet. Danach soll das Holzhaus als Gemeindezentrum und gleichzeitig als mietbare Übernachtungsstätte fungieren. Nach der Messe soll das Gebäude umziehen, und zwar nicht in eine Großstadt, sondern aufs Land: in die Stadt Yoshino, die keine 10.000 Einwohner zählt.

Airbnb/Samara/Edward Caruso
Pures Zedernholz aus Japan: Das „Yoshino Cedar House“ soll Maßstäbe setzen
Die Region leidet unter der Abwanderung junger Menschen. Nun sollen Touristen auch in diese entlegene Gegend gelockt und mit Bewohnern zusammengebracht werden. Der Plan gilt als Blaupause für andere Dörfer und Städte Japans.
Im Naheverhältnis urlauben
Das Haus ist schlicht gehalten: aus Zedernholz aus der Region, mit breiter Fensterfront. Die oberen Schlafzimmer werden via Airbnb an Touristen vermietet, die unteren Räume sollen als Gemeinschaftsräume fungieren. So soll zwischen Reisenden und Einheimischen der Austausch angekurbelt werden. „Stellen Sie sich vor, Sie essen zu Mittag, während am anderen Ende des Tisches gerade eine Gemeindeversammlung stattfindet“, wird Gebbia im „Fast Co.Design“-Magazin zitiert.

Airbnb/Samara/Edward Caruso
Oben schlafen, unten versammeln: Die Interaktion soll angekurbelt werden
„Kein Hotel“
Die Einnahmen der Gäste sollen dazu verwendet werden, das kulturelle Erbe der Region und ihrer Zukunft zu sichern, heißt es seitens des Unternehmens. Deshalb hat es Airbnb auch gar nicht gern, wenn man das Vorhaben schlicht „Hotel“ nennt, wie der „Business Insider“ berichtet. Dieser Vergleich sei „eine komplette Falschdarstellung und daneben“, ließ Airbnb ausrichten. Es sei vielmehr „ein Pfad, um eine Gemeinschaft dazu zu bringen, sich gegenseitig zu helfen, und zwar in der Form der Architektur“, heißt es in einem Statement.
Streit mit Städten
Die Plattform, die an der Vermittlung der Unterkünfte verdient, vertritt aber ein höchst umstrittenes Modell. Viele Städte klagen über entgangene Steuereinnahmen, weil nicht alle privaten Vermieter ihre Einnahmen dem Fiskus melden. Manche Städte reagierten bereits mit rechtlichen Schritten, etwa Zweckentfremdungsverboten: Die Vermietung von privatem Wohnraum ist so nur unter engen Voraussetzungen möglich. Auch Wien will Vermieter und Vermittler in die Pflicht nehmen, sie sollen ihre Daten bekanntgeben und Abgaben abführen. Dazu soll im Herbst das Tourismusförderungsgesetz geändert werden.
Einheitliche Regeln sollen kommen
Die EU-Kommission hat wegen des Wildwuchses an Regeln in den Mitgliedsländern Leitlinien veröffentlicht, um den Umgang zu vereinheitlichen. Dabei stellte sich die Behörde vor die Plattformen, absolute Verbote sollten das letzte Mittel bleiben. Ein neues Geschäftsmodell, wie jenes von Airbnb dürfe nicht benachteiligt werden, hieß es aus Brüssel.
Airbnb hat sich die Expansion auf dem umkämpften Geschäftsgebiet auf die Fahnen geschrieben. Das 2008 gegründete Portal hat seinen Wert innerhalb von drei Jahren verdreifacht. Es ist inzwischen rund 30 Milliarden Dollar wert, meldet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Die Marke der 100 Millionen Übernachtungen wurde bereits geknackt.
Ein erster Test
Zudem sollen immer neue Wege beschritten, immer neue Produkte lanciert werden, wie Gebbia sagt. Dafür soll das Designstudio „Samara“ seine Fühler in alle Richtungen ausstrecken. Neuen Experimenten, wie jenem in Yoshino, sind daher keine Grenzen gesetzt. Das Projekt ist einstweilen nur eine Testrunde für Airbnb, das sich damit weltweit ausdehnen will. „Das Yoshino Cedar House ist nur ein Samen unter vielen“, sagt Mitbegründer Gebbia. „Zieht man die Größe und die Ausdehnung der Airbnb-Community heran, sind die zu erforschenden Gegenden grenzenlos.“
Links: