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Musikreigen inmitten der Stadt

Zwischen Karlskirche, Wien Museum und der TU regiert bis Sonntag der Pop. Das siebente Popfest verspricht bei freiem Eintritt einmal mehr ein Aufgebot heimischer Künstler. Bei der längst zur Institution gewordenen Sommerveranstaltung gilt es wie immer, Neues zu entdecken und Bewährtes in einem neuen Kontext zu erleben – etwa wenn zum Abschluss des Konzertreigens die Karlskirche zum Klangraum wird.

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Udo Jürgens hinterlässt offensichtlich nicht nur mit seiner Musik tiefe Spuren. Verballhornungen des Namens des Ende 2014 verstorbenen Jahrhundertmusikers stehen derzeit bei jungen Musikern als Künstlerpseudonyme hoch im Kurs. Ein gewisser Jugo Ürdens wurde vor wenigen Wochen mit Rap-Sounds in diversen Internetkanälen auffällig. Die Aufmerksamkeit war ihm angesichts des doppelbödigen Namens sicher.

Für noch mehr Resonanz sorgt seit einem knappen halben Jahr allerdings Voodoo Jürgens. Der junge Mann aus Tulln, der dem Lebensgefühl seiner Heimatstadt bereits einen wenig lebensbejahenden gleichnamigen Song gewidmet hat, ist weniger Gangster als Ürdens. Vielmehr scheint er ein wenig aus der Zeit gefallen zu sein. Ein liebenswerter Strizzi, dessen Glock wohl eher ein stumpfes Taschenmesser ist. Und das hat Charme.

White Miles

Popfest/Gerhard Berger

Die „White Miles“

Ein Antiheld der alten Schule

Jürgens erinnert mit viel Schrulligkeit an jene Zeiten, als man noch ins Beisl oder ins Espresso gegangen ist und statt eines DJs die Jukebox die Musik gespielt hat. Er beschwört damit Welten, die auch einem Nino aus Wien in seinen Songtexten nicht fern sind. Auch Wanda fühlt sich in solchen Gefilden sehr wohl.
Voodoo Jürgens ist dermaßen unmodisch, dass es schon wieder eine Mode werden könnte. Die Antihelden der 1990er Jahre von Kurt Cobain und Beck abwärts hat der Mann mit dem ausgeprägten Dialektgespür genauso intus wie einen anderen Kurt, der in der Interpretation ständig durchblitzt: Kurt Sowinetz - der Säulenheilige aller Wiener Grantler, der in den frühen 1970er Jahren mit „Alle Menschen san ma zwider“ eine ebenso treffsichere wie nachhaltige Beschreibung der gemeinen Volksseele abgeliefert hatte.

Der frühe Höhepunkt

Voodoo Jürgens gilt als besonders heiße Aktie der heimischen Popmusik und er wird am Donnerstag pünktlich um 18.30 Uhr das siebente Popfest auf der Seebühne vor der Karlskirche eröffnen. Dass solche Karriereprognosen überhaupt laut werden können, ist Ausdruck der vitalen Popszene und der gewachsenen Strukturen der vergangenen zehn Jahre. Am Popfest wird all das sichtbar.

TV-Hinweis

ORF eins zeigt am Dienstag um 23.35 Uhr die Zusammenfassung „Festival Diaries - Popfest Wien“ - mehr dazu in tv.ORF.at.

Jürgens befindet sich unter den Fittichen von Stefan Redelsteiner, der als Manager maßgeblich für den Erfolg von Wanda verantwortlich ist – keine schlechten Startvoraussetzungen und eine gewisse Markenqualität in unübersichtlichen Zeiten, die entsprechende Aufmerksamkeit mit sich bringt.

Wenn auf dem Wiener Karlslatz das rhythmische Orgelpfeifen von Jürgens kleinem Hit „Heite grob ma Tote aus“ erklingt, dann ist dem Popfest trotz der frühen Uhrzeit auf jeden Fall ein früher Höhepunkt gewiss. Bis einschließlich Sonntag bietet der Konzertreigen weit über 50 Künstler und Bands, die einen breiten Querschnitt heimischer Popsounds, die auch ins Elektronische und ins harte Gitarrenfach greifen, zu Gehör bringen – auch wenn sich große Teile des Publikums eher vom Volksfestcharakter der Veranstaltung angezogen fühlen. Jährlich strömen Zehntausende Besucher zum Wiener Karlsplatz.

Draußen Rock, drinnen Dialekt

Die Bandbreite zeigt sich gleich am ersten Abend. White Miles, jenes Tiroler Rockduo, das angesichts seines Support-Auftritts für Eagles of Death Metal im Pariser Bataclan im vergangenen November in die Schlagzeilen geraten war, gibt den Headliner des ersten Abends auf der Seebühne. Mit Musser & Schwamberger, Grant sowie Raphael Sas und Band ist das Wien Museum als Auftrittsort dem Dialekt gewidmet.

Für Pop im engeren Sinn sorgt am Donnerstag die als Geheimtipp des Popfests gehandelte Linzerin Mavi Phoenix, die mit ihren Songs einen sehr globalen Musikentwurf verfolgt. Im Prechtlsaal der TU ist am ersten Abend mit Sad Francisco das Nebenprojekt von Hannibal Scheutz von 5/8erl in Ehren zu hören, von dem auch Fans seiner Stammband begeistert sein werden.

Schmieds Puls

Popfest/Astrid Knie

Amadeus-FM4-Award-Gewinner Schmids Puls am Samstagabend

Der zweite Frühling

Am Samstag geht es nicht nur um den hiesigen Nachwuchs, das Popfest verordnet sich mit Totgeglaubt eine musikarchäologische Facette. Die Band rekrutiert sich aus diversen Mitgliedern der Wiener Neustädter Punk- und Wave-Bands der 1980er Jahre. Das Septett, bestehend aus Herren im reiferen Punkalter, widmet sich den Songs der Bands von damals. An das Projekt ist der Dokumentarfilm „Und es fängt von Neuem an“ gekoppelt, der direkt vor dem Auftritt von Totgeglaubt im Brut zu sehen ist.

Ebenso am Samstag im Brut zu sehen sind die Amadeus-FM4-Award-Gewinner Schmids Puls sowie die wohl verrückteste Show des gesamten Popfests, die allerdings erst um 2.00 Uhr in der Früh startet. Lukas König von König Leopold tritt unter dem Namen Koenig auf. Ähnlich dadaistisch klingt die Sache: Das Einmannprojekt bringt fluoreszierenden Farbenwahnsinn, Soundorgien und Wortfetzen auf die Bühne, die für manche etwas gar abstrakt sein mögen, aber im Grunde ganz großen Jazz bedeuten.

Leyya

Popfest/Leyya

Leyya: großer Pop nach internationalen Mustern

Bekannte Marken und entdeckenswerte

Mit dem Duo Ogris Debris, das verspielte House-Sounds auf der Seebühne verbreitet, und Fuzzman feat. The Singin’ Rebels spielen am Samstag zwei gut eingeführte Marken der heimischen Szene, die wie im Fall von Ogris Debris auch international reüssieren. Robb, ein Quintett aus Wien, übt sich am Samstag in einer sehr globalen Musiksprache und gibt sich funky wie generell sehr affin, was Black Music anbelangt.

Großen Pop nach internationalen Mustern gibt es am Freitag auf der Seebühne mit Leyya aus Oberösterreich. Zuvor spielen Dawa Songwriter-Pop und Sex Jams sorgen am frühen Abend für ein erstes ruckartiges Erwachen mit viel Punkattitüde. Die unzähligen Konzerte an Nebenschauplätzen wie dem Prechtlsaal, dem Wien Museum, dem Brut und dem Brandwagen hinter der Seebühne lassen kaum ein Genre aus.

Johann Sebastian Bass

Popfest/Klaus Pichler

Johann Sebastian Bass

Showdown in der Karlskirche

Und am Sonntag klingt das Popfest lange nach. Nicht nur angesichts nachmittäglicher Konzerte im Wien Museum. Am Abend wird die Karlskirche zum Klangraum für die letzten drei Konzerte der diesjährigen Austragung. Black Palms Orchestra, das neueste Projekt des Wiener Musikers und Journalisten Christian Fuchs, das in den düstersten Ecken der Popmusik zu Hause ist, tritt dabei als Livepremiere in jener großen Besetzung auf, die auch das aktuelle Album „Sad Moon Rising“ eingespielt hat. Es wartet ein Soundtrip als Soundtrack ohne Film.

Demi Broxa, ein Projekt von Jakob Schneidewind, des Bassisten von Elektro-Guzzi, der dabei mit der Vokalistin Agnes Hvizdalek kooperiert, sucht das Experiment. Den Abschluss bilden Johann Sebastian Bass. Die Elektroniker mit der Neigung zu allem Barocken treten in der Karlskirche in erweiterte Besetzung auf, um auch Instrumente zu verwenden, die nicht zwangsläufig an die Steckdose geschlossen werden müssen. Das J. S. Bass Kammer Orchester wird jedenfalls dafür Sorge tragen, dass hier die Verschmelzung von Klassik und Pop nicht nur in Form der Örtlichkeit passiert.

Johannes Luxner, ORF.at

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