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Lage völlig unübersichtlich

Nach einem Putschversuch des Militärs in der Türkei gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ist die Lage im Land völlig unübersichtlich. Die türkischen Streitkräfte übernahmen nach eigenen Angaben vollständig die Macht. Das Präsidialamt bestritt das am Freitagabend allerdings. Nach Angaben des Senders CNN Türk kam es in der türkischen Hauptstadt Ankara zu Gefechten zwischen Polizei und Militär.

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Der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim sagte nach Angaben aus dem Präsidialamt: „Die Situation ist weitgehend unter Kontrolle.“ Ein Sprecher des türkischen Geheimdienstes MIT sagte dem Sender CNN Türk, der Putschversuch sei „abgewendet“. Beobachter berichten aber weiterhin von Schüssen in Ankara und Istanbul.

Parlamentsgebäude von Helikopter beschossen

Laut der amtlichen Nachrichtenagentur Anadolu wurde das Parlamentsgebäude in Ankara von einem Helikopter beschossen. Augenzeugen berichteten von Panzern in den Straßen der Hauptstadt. Hubschrauber mit Suchscheinwerfern und ausgeschalteten Positionslichtern flogen im Tiefflug über Istanbul. Gegen 2.40 Uhr Ortszeit (01.40 MESZ) wurde die Metropole von einer schweren Explosion erschüttert. Der Hintergrund war zunächst unklar.

Zivilisten besteigen einen Panzer

AP

Demonstranten versuchen einen Panzer zu kapern

Nach einem Bericht des Fernsehsenders NTV landete Erdogan in den frühen Morgenstunden in Istanbul. Er wurde dort von zahlreichen Anhängern empfangen. Dem Sender Fox TV zufolge erklärte er, es habe den Versuch eines Aufstandes gegeben gegen die Solidarität und die Einheit des Landes. Diejenigen, die daran beteiligt seien, würden die nötige Antwort erhalten, unabhängig davon, aus welchen Institutionen sie stammten, ergänzt Erdogan.

Erdogan rief zu Widerstand auf

In einem zuvor live übertragenen Telefoninterview des Senders CNN Türk machte er Anhänger des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen für den Putschversuch verantwortlich. Er rief gleichzeitig das Volk zu öffentlichen Versammlungen gegen die Putschisten auf. „Ich rufe unser Volk auf, sich auf den Plätzen und am Flughafen zu versammeln. Sollen sie (die Putschisten) mit ihren Panzern und ihren Kanonen machen, was sie wollen“, sagte Erdogan.

Demonstranten fliehen vor Schüssen

Reuters/Murad Sezer

Schüsse: Das Militär will Demos von Erdogan-Anhängern auflösen

Im Istanbuler Stadtteil Tophane zogen Dutzende Gegner des Putsches auf die Straße. Ein dpa-Reporter berichtete am Samstagfrüh, die Menge habe unter anderem „Gott ist groß“ und „Nein zum Putsch“ gerufen.

Zuvor hatte ein Kampfjet einem TV-Bericht zufolge einen Militärhubschrauber abgeschossen, der sich in der Hand der Putschisten befand. Das meldete der Sender NTV. In Ankara seien 17 Polizisten bei Gefechten mit der Armee getötet worden. In Istanbul wurden vier Soldaten - darunter ein Offizier - beim Versuch, das Gebäude des staatlichen Senders TRT einzunehmen, von Bürgern und Polizisten „neutralisiert“. Wenige Stunden später wurde auch der private TV-Sender CNN Türk von Soldaten gestürmt.

Militär schoss auf Menschen

In Istanbul schoss das Militär auf Menschen. Soldaten hätten das Feuer auf eine Menschenmenge eröffnet, die gegen den Putschversuch protestiert habe, berichteten einheimische Medien. Die Menschen hätten versucht, die Bosporus-Brücke zu Fuß zu überqueren. In Istanbul waren Schüsse und Explosionen zu hören. Dem Klang nach zu urteilen wurden auch schwere Waffen eingesetzt. Hubschrauber kreisten über der Stadt.

Muezzine riefen Bevölkerung auf die Straße

Der US-Fernsehsender CNN und die britische BBC zeigten Livebilder aus der Stadt: Menschen strömten in Massen auf die Straße und schwenkten türkische Fahnen. Augenzeugen berichteten aber auch von öffentlichen Solidaritätskundgebungen für die Putschisten in Istanbul. Auf dem zentralen Taksim-Platz hätten sich Menschen in türkische Flaggen gehüllt und gerufen: „Die größten Soldaten sind unsere Soldaten.“

Militär auf der Bosporus-Brücke

APA/AFP/Gurcan Ozturk

Militärbarrikade auf der Bosporus-Brücke in Istanbul

In Istanbul ertönten in der Nacht die Rufe von Muezzinen aus zahlreichen Moscheen, mehr als zwei Stunden vor dem normalen Morgengebet - sie riefen die Bevölkerung auf die Straße.

Einem Medienbericht zufolge hatte das Militär den Flugverkehr am Atatürk-Flughafen in Istanbul zwischenzeitlich gestoppt. Soldaten hätten den Tower am größten Flughafen des Landes am Freitagabend unter ihre Kontrolle gebracht, meldete DHA. Nach Erdogans Aufruf drangen Demonstranten auf das Flughafengelände ein, wie die private Nachrichtenagentur DHA meldete. Das Militär sei daraufhin wieder abgezogen. Mehrere internationale Fluggesellschaften riefen ihre Maschinen zurück oder strichen Flüge.

Außenministerium: „An sicherem Ort bleiben“

Das Außenministerium hat die Österreicher in der Türkei aufgerufen, angesichts des Militärputsches „an einem sicheren Ort“ zu bleiben. Im Notfall und bei Fragen solle das Außenministerium unter der Telefonnummer 0043-1-90115-4411 kontaktiert werden, heißt es in den am späten Freitagabend aktualisierten Reisehinweisen.

„Derzeit ist eine Militäraktion im Gange. Die Lage ist unübersichtlich. Verbleiben Sie daher an einem sicheren Ort. Verfolgen Sie die Medienberichte“, heißt es wörtlich. Schon zuvor hatte das Außenministerium dazu aufgerufen, angesichts der Terrorgefahr im Land „stark frequentierte Plätze“ sowie Staats- und Regierungsgebäude und militärische Einrichtungen „möglichst zu meiden“.

Telefone „laufen heiß“

Die Telefone der Beratungshotline „laufen heiß“, erklärte der Sprecher des Außenministeriums, Thomas Schnöll, am späten Freitagabend. „Der Informationsbedarf scheint beträchtlich zu sein“, das Personal sei bereits aufgestockt worden. Auch aus der Türkei würden Österreicher anrufen. Derzeit befinden sich nach Angaben des Außenministeriums rund 3.300 Österreicher in der Türkei - rund 1.700 davon aus Reisegründen. Diese Zahl umfasst allerdings nur jene, die sich auch beim Außenministerium registriert haben.

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