Das Trauma und das Mutterschiff
20 lange Jahre hat Regisseur Roland Emmerich (60) sich bitten lassen, eine Fortsetzung seines legendären „Independence Day“ von 1996 zu drehen. Begutachtet man das Ergebnis „Independence Day: Wiederkehr“, drängen sich einige mögliche Antworten auf, warum er so lange zögerte.
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Nach „Independence Day“ drehte Emmerich weitere apokalyptische Filme wie „Godzilla“, „The Day After Tomorrow“ und „White House Down“. An das Reboot von „Independence Day“ ging der Regisseur offensichtlich uninspiriert und resigniert. Teilnahmslos arbeitet der Film seine rudimentäre Handlung ab und verzichtet dabei nicht auf fragwürdige Klischees.
Als die Aliens 1996 das Weiße Haus in einen Trümmerhaufen verwandelten, kam das einer Art Blasphemie gleich. Aber in einer Zeit, in der es noch keinen 11. September gegeben hatte, noch keinen Pentagon-Crash und noch keinen „War on Terror“, war das ein aufregend provokantes Bild.
Männer auf dem Mond
Im Originalfilm wurden die Außerirdischen von der Menschheit, angeführt vom mutigen Präsidenten Thomas Whitmore (Bill Pullman), zurückgedrängt. In „Independence Day: Wiederkehr“ haben die USA immerhin eine weibliche Präsidentin. Im frisch renovierten Weißen Haus regiert sie die Erdlinge, die sich das einst von den Alien zurückgelassene Technikgerümpel inzwischen zunutze machen konnten und es als Innovation verkauften. So ist auch das Militär wieder erstarkt.

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Goldblum (l.) ist als Wissenschaftler Levinson wieder dabei, Pullman gibt Ex-Präsident Whitmore
Der Preis jener Freiheit, die niemand meinte, war freilich hoch: ewige Feindschaft mit den Außerirdischen. Sicherheit und Überleben sind deshalb nach wie vor massentaugliches Regierungsprogramm, und so hat man auf dem Mond (und zwar nur auf dem Mond) eine große militärische Verteidigungsstation gebaut.
Warlord auf dem Schrottplatz
Ex-Präsident Whitmore (immer noch Bill Pullmann, aber mit zweifelhaftem Bart) wird von mysteriösen Visionen verfolgt. Darin kommen die Aliens wieder zurück, und zwar jetzt dann gleich. Dr. Brakish Okun (Brent Spiner) aus dem Originalfilm liegt im Koma, wird aber bald aufwachen und dasselbe sagen.
Indes wandert eine Gruppe von Leuten in „Zentralafrika“ umher. Im Hollywood-Mainstream-Kino ist Afrika noch immer eine undifferenzierte Fläche ohne Nationalstaaten. „Diese Leute“ hatten lange einen Bodenkrieg gegen die Aliens geführt, und nun ist das Areal ein Schrottplatz für eines der größten Schiffe aus der damals gecrashten Flotte. Und auch in Afrika gibt es einen Mann, der von bösen Ahnungen heimgesucht wird. Dort ist er kein Ex-Präsident, sondern ein Warlord namens Dikembe (Deobia Oparei), der dann auch bei jeder Gelegenheit finster schauen und einen seiner Säbel küssen muss.
„Schönlinge“ als Entschädigung
Derweil trifft der Wissenschaftler David Levinson (Jeff Goldblum), mittlerweile eine grauhaarige Figur, eine alte Flamme wieder: die französische Psychologin Dr. Catherine Marceaux, gespielt von Charlotte Gainsbourg mit immer traurigen Augen. In ihrem Gesicht kann sie das Märtyrergefühl nicht verbergen, das sie dazu veranlasst haben muss, hier überhaupt mitzuwirken.

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Monroe, Hemsworth - gutaussehende Mitzwanziger für das junge Publikum
Weil dieser Film ein Reboot ist und als solches nicht nur die Fans von einst erfreuen soll, sondern auch ein neues Publikum generieren will, gibt es hier natürlich auch ein paar junge, gutaussehende Mitzwanziger, die in willkürlich erdachten Rollen meist tatenlos herumstehen oder, wenn’s hart auf hart kommt, kompliziert-profunde Analysen abliefern müssen wie: „Hey, das war verdammt cool.“ Am besten mit nacktem Oberkörper.
Liam Hemsworth ist der sportliche, emotional recht einfältige Schönling in der Rolle des Jake, ein Pilot, der einen Streit mit seinem Kollegen Dylan (Jessie T. Usher) hat, dem Sohn des Heldenpiloten aus dem Original, damals gespielt von Will Smith. Jake ist in die Tochter des Ex-Präsidenten verliebt, Patricia (Maika Monroe), die ebenfalls nahtlos in die Ästhetik der perfekten Oberflächeninszenierung passt. Wenn Jake dann in einem Skype-Videochat mit seiner Liebsten sinniert: „Ich kann nicht glauben, dass es schon 20 Jahre her ist“, darf man sich fragen, ob er damit nur ihre Geburt meinen kann.
Hysterie und Katharsis
Abseits der Kinoleinwand ist in den vergangenen 20 Jahren tatsächlich viel passiert. Kriege, Massenwanderungen, Massensterben, Umweltkatastrophen, immer weiter klaffende Scheren zwischen Arm und Reich. Dazu kamen: das 9/11-Trauma, der Irak-Krieg, weitere Terroranschläge, der Bankencrash, die weltweite Wirtschaftskrise - und Donald Trump.

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Die Menschheit setzt im Kampf gegen die Aliens auf außerirdische Technik
Außerdem befeuert die gesteigerte mediale Berichterstattung die Auseinandersetzung mit all diesen realen Katastrophen, und durch Soziale Netzwerke wirken sie heute schnell allgegenwärtig. Da kann man als Desaster-Filmemacher schon einmal ins Grübeln geraten. Tägliche Nachrichten holen jedes Apokalypsen-Skript ein. Die Leute schnappen im echten Leben schon über - wer braucht da noch ein wild gewordenes Alien im Kino?
Filme wie „Independence Day: Wiederkehr“ können ein psychologisches Ventil bieten, kathartisch sein. Man sieht all die Zerstörung, aber am Ende retten die richtigen Menschen die Welt. So war es im Kino zumindest bisher, so ist es im echten Leben selten.
Seelenlose CGI-Effekte
Beinahe, aber nur beinahe wagt sich „Independence Day: Wiederkehr“ in die Nähe eines tatsächlich furchterregenden Gedanken: Amerika (gemeint ist im Film damit die Welt) könnte von den eigenen Bewohnern zerstört werden. Egoismus höhlt den Gemeinschaftssinn und damit den gesellschaftlichen Zusammenhalt zusätzlich aus. Emmerich deutet diese Idee im Film an, führt sie aber nicht aus.
Seit den Twin-Tower-Attacken ist das 9/11-Trauma eine der zuverlässigsten Quellen für das Genre. Die politische Frustration des Volkes, die Ängste des Publikums, das Land könnte von „Schläfern“ längst infiltriert worden sein und kurz vor der Vernichtung stehen. Das Misstrauen, das dadurch gesteigert wird, machte sich auch Emmerich etwa in „White House Down“ zunutze. Doch für „Independence Day: Wiederkehr“ wollte er auch diese Idee nicht ausbauen.
Das Mutterschiff der Aliens ist auch in diesem Film wieder ziemlich groß, sehr groß sogar, größer als das letzte Mal. Es kann die Schwerkraft biegen, die Ozeane entleeren und alles, was die aktuelle CGI-Technik (Computer Generated Imagery) sonst noch hergibt. Doch plötzlich realisiert man: Selbst das in die Themse stürzende Burdsch Chalifa löst bestenfalls gleichgültiges Achselzucken aus, und das ist doch ein alarmierendes Signal.
Weniger wäre mehr
Special Effects wirken stärker, je sparsamer sie eingesetzt werden. Sie haben dann Sinn, wenn sie sich auf Referenzpunkte und Relationsverhältnisse beziehen, die der Zuseher aus der Realität kennt. Nichts davon hält Emmerich hier ein.
Speziell in einem Film mit hohem CGI-Anteil muss eine Kamera viel Arbeit leisten, um dem Zuseher ein Gefühl für Raum und Ebenen zu vermitteln. Das gelingt im Film zwar, aber die Kamera bewegt sich permanent ohne Hindernis innerhalb des Bildes, wie zum Beispiel während einer Verfolgungsjagd, in der sie beliebig zoomt und wendet, und erinnert so nur daran, dass das, was man sieht, nicht real ist.
Fehlende Emotionen, schwache Charaktere
Der erste „Independence Day“-Film war ein Ergebnis der prädigitalen Ära, die Raumschiffe auf der Leinwand waren meist noch physische Modelle. Im Reboot ist das CGI so allumfassend, dass die visuelle Suggestion keine emotionale Erfahrung mehr auszulösen vermag. Fehlen dann auch noch gefühlsbindende Charaktere, kann man nur noch über die Unsummen staunen, die in derart seelenlose Filme fließen.
Irgendwo im Originalplot gab es zudem die Idee, dass unter den Aliens nicht nur Feinde, sondern auch Verbündete sind. Doch selbst zu diesem Halb-Optimismus konnte sich Emmerich augenscheinlich nicht mehr hinreißen lassen.
Alexandra Zawia, ORF.at
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