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„Im Großen und Ganzen“ okay

Eine hohe Arbeitslosigkeit und gleichzeitig ein Fachkräftemangel - wie passt das zusammen? Auch der Arbeitsmarkt funktioniert nach dem Prinzip von Angebot und Nachfrage. Und in manchen Bereichen zeigt sich da eine große Diskrepanz, auch in Zeiten eines großen Angebots.

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„Im Großen und Ganzen passen Angebot und Nachfrage gut zusammen“, lautet die gute Nachricht von Johannes Kopf, Vorstandschef des Arbeitsmarktservice (AMS), gegenüber ORF.at. In puncto Fachkräftemangel hatten es Unternehmen noch vor einigen Jahren schwieriger als jetzt: „Die Firmen finden heute sicher leichter Leute als 2008, trotzdem gibt es auch in einem Arbeitsmarkt, wo wir eine historisch gesehen sehr hohe Arbeitslosigkeit haben, Bereiche, wo Firmen darüber klagen, dass sie niemanden finden.“

Die vielen Seiten der Arbeitslosigkeit

Zurückzuführen ist das auf eine Reihe von Faktoren, denn „die eine“ Arbeitslosigkeit gibt es nicht, sie entsteht auf unterschiedliche Art und Weise. Sie kann konjunkturell durch ein schwaches Wachstum bedingt, saisonal, friktionell oder strukturell sein. Friktionelle Arbeitslosigkeit wird auch „Sucharbeitslosigkeit“ genannt, wie Kopf erklärt. Was man darunter versteht: „Es dauert eine bestimmte Zeit, bis ich den Job finde, der zu mir passt.“ Bei der strukturellen passt die Struktur der offenen Stellen nicht mit der Struktur der Arbeitssuchenden zusammen. In regionaler Hinsicht oder als Qualifikationsproblem.

Ein Beispiel für die strukturell-regionale Ursache: „Fremdenverkehrsjobs gibt’s in den Tourismusgebieten, Tourismusgebiete sind jene Gebiete, wo in der Regel viel Natur ist. Wo viel Natur ist, wohnen aber wenige Menschen. Was bedeutet, das passt nicht zusammen, weil die Arbeitskräfte dort nicht wohnen“, so Kopf. Laut AMS können offene Stellen im Tourismus allerdings relativ rasch nachbesetzt werden, die Bleibedauer in dem Bereich ist zum Beispiel wegen unattraktiver Arbeitszeiten aber oft nicht groß.

Techniker, Dreher, Fräser, Ärzte gesucht

„Schwieriger“ werde es, wenn es um ein Qualifikationsproblem gehe - und das ist ein großes Thema: Die Hälfte der beim AMS vorgemerkten Personen haben maximal einen Pflichtschulabschluss, der Arbeitsmarkt fragt dieses Qualifikationsprofil im Verhältnis zum Angebot jedoch schlecht nach. Aber es ist nicht nur eine Frage nach dem Bildungsgrad, sondern auch danach, welche Ausbildung vorhanden ist. Aktuelle „Mangelberufe“, also Jobs, für die es vereinfacht gesagt zu wenige Bewerber gibt, sind vor allem Techniker, Dreher, Fräser und Ärzte. Auch die Fleischerindustrie klage massiv über Personalmangel, so Kopf.

Kombiniert mit der regional-bedingten Arbeitslosigkeit bedeutet das dann etwa, dass die Arbeitslosenquote in Wien doppelt so hoch ist wie in Oberösterreich. „Dort gibt es Industriebetriebe, die gewisse Qualifikationen suchen, die sie dort nicht finden“, sagt Kopf. Vor 2008, also vor der Wirtschafts- und Finanzkrise, war der Fachkräftemangel in Österreich laut AMS deutlich größer. Durch die gestiegene Arbeitslosigkeit und Zuwanderung aus den EU-Ländern habe sich das verbessert.

Anpassung dauert

Helmut Mahringer, Experte des Wirtschaftsforschungsinstituts (WIFO), erklärt, dass sich der Arbeitsmarkt sowohl auf der Angebots- als auch auf der Nachfrageseite verändert - und das in einem komplexen Zusammenspiel. „Temporäre Ungleichgewichte in bestimmten Qualifikationsbereichen“ seien da etwas „ganz Normales“, Anpassung an Änderungen brauchten Zeit. „Es ist komplex deswegen, weil sich die Nachfrage auf Basis des Produktionsprozesses entwickelt und das Angebot auf Basis des Bildungsverhaltens und der Demografie und der Erwerbsentscheidungen.“

Immer weniger Jobs für gering Qualifizierte

Das WIFO erwartet mittelfristig eine Entwicklung, die je nach Qualifikationsniveau sehr unterschiedlich ist. „Die Nachfrage nach gering qualifizierten Tätigkeiten hat sich gesenkt, die wird sich weiter senken. Die Nachfrage nach höheren Qualifikationen wird steigen“, so Mahringer. Tätigkeiten mit Kundenkontakt, mit IT- und Fremdsprachenanforderungen und komplexerem Tätigkeitsprofil werden mehr werden. Die Beschäftigung im Produktionsbereich und mit manuellen Aspekten hat hingegen deutlich abgenommen und wird das noch weiter tun.

Die einfachen Jobs werden also weniger werden, unter anderem wegen des technologischen Fortschritts. Gleichzeitig, erwartet Mahringer, wird auch die Zahl der gering Qualifizierten (also etwa mit maximal Pflichtschulabschluss) zurückgehen. „Es werden auch weniger, aber es werden langsamer weniger, als die Nachfrage weniger wird“ - die Entwicklung gehe in Richtung eines größeren Überhangs an gering Qualifizierten. Das betreffe Branchen wie den Bau und Tourismus sowie einfache Dienstleistungsjobs.

Lehrberufe: Eher Knappheit an Personal erwartet

Im mittleren Bereich, also bei Personen mit mittlerem Schulabschluss oder Lehrausbildung, sieht es etwas anders aus. Dort wird zwar auch die Nachfrage, sprich die Zahl der Stellen, weniger, „aber wir haben dort auch eine sehr schwache Angebotsentwicklung“. Mahringer rechnet damit, dass es dort im Vergleich zur jetzigen Situation eher zu einer Verknappung kommen wird, also die Firmen sich schwerer tun werden, geeignetes Personal zu finden.

Höher Qualifizierte mit Matura stehen vor der Herausforderung, dass es für sie zwar mehr Jobs geben wird, aber auch die Zahl der Arbeitskräfte in dem Bereich „sehr stark“ zunimmt, wie das WIFO schätzt. Im akademischen Bereich sei es in etwa ausgeglichen, sagt Mahringer. Die aktuell hohe Arbeitslosigkeit jedenfalls, betont der Experte, habe „alle Qualifikationsgruppen“ getroffen.

Zuwanderung: Auf die Qualifikation kommt es an

„Prinzipiell“ werde natürlich die Diskrepanz zwischen Angebot und Nachfrage kleiner, je mehr Menschen auf dem Arbeitsmarkt seien, erläutert Kopf. Und es sind aktuell viele - bedingt nicht nur durch Zuwanderung, sondern auch durch späteres Pensionsantrittsalter und erhöhte Erwerbstätigkeit von Frauen. Aber, schränkt Kopf ein: „Der Arbeitsmarkt ist kein vollkommener Markt“, und es gebe Trends, die verstärkend und abschwächend wirkten. „Wenn Sie eine sehr stark unqualifizierte Zuwanderung haben, wie es jetzt etwa aus Afghanistan zu uns kommt, dann hilft das der Thematik nicht wirklich.“ Bei einer massiv qualifizierten Zuwanderung entspanne sich die Lücke tendenziell.

Arbeitsmarkt „braucht“ Zuwanderer aus EU-Staaten

„Die Zuwanderung aus den EU-Staaten ist eine qualifizierte“, erklärt Kopf. Deutsche, Ungarn, auch Tschechen und etwa Rumänen, die zum Arbeiten nach Österreich kommen - „das sind Arbeitskräfte, die unser Arbeitsmarkt braucht“, um die Nachfrage zu decken. Und zum Teil ist deren Qualifikation höher als die des durchschnittlichen Österreichers.

Viele Unternehmen können ihren Personalbedarf gar nicht mehr anders decken - zum Beispiel im Tourismus. Das führt aber auch zu Verdrängungseffekten, was vor allem andere Menschen mit Migrationshintergrund spüren. „Der gut qualifizierte, Deutsch sprechende, junge, tüchtige, motivierte Ungar verdrängt zum Beispiel den älteren, weniger gut Deutsch sprechenden früheren Migranten aus Ex-Jugoslawien, der niedriger qualifiziert ist“, formuliert es Kopf.

Dorthin qualifizieren, wo es Jobs gibt

Die Zuwanderung aus Fluchtgründen ist da etwas ganz anderes. Flüchtlinge kommen nicht wegen der Jobsituation nach Österreich, sondern aus humanitären Gründen und darauf haben sie ein Menschenrecht, so Kopf. Das bedeute aber auch, will Kopf „offen sagen“, „dass unser Arbeitsmarkt die in erster Linie einmal nicht braucht“. Sie „unterzubringen“ sei eine „Herkulesaufgabe“, nimmt sich der AMS-Chef kein Blatt vor den Mund. „Im Idealfall qualifizieren wir sie in Bereiche hinein, wo wir Arbeitskräftemangel haben, und deswegen wäre auch gut, wenn die nicht alle nach Wien gingen.“

Das sieht Mahringer ähnlich: Man müsse versuchen, Flüchtlinge und auch anders Zugewanderte „möglichst in höhere Segmente des Arbeitsmarktes weiterzubringen, wo nicht so ein starker Angebotsüberhang ist“. Das Um und Auf gleich zu Beginn seien dafür die Sprachkenntnisse. „Ich glaube, die können dann viel breiter weiterkommen, sei es im Handwerk- oder Dienstleistungsbereich“, so Mahringer. Und eben nicht nur am Bau, wo die Deutschkenntnisse nicht wirklich vorrangig seien. Werde das vernachlässigt, blieben die Menschen im niedrig qualifizierten Segment „hängen“.

Vernachlässigung wirkt generationenübergreifend

Mahringer warnt vor den Konsequenzen, wenn diese Integrationsaufgabe nicht gut bewältigt wird: Das wirke sich nicht nur auf die einzelnen Arbeitskräfte aus, „sondern das ist ja auch ein generationenübergreifendes Problem dann“. Die Bildungsbeteiligung vererbe sich weiter - ein Problem, das natürlich nicht nur bei zugewanderten Menschen besteht.

Deshalb gilt für den arbeitssuchenden Syrer ebenso wie für den österreichischen Schulabbrecher: „Qualifikation ist einer der stärksten Faktoren, die die individuellen Chancen auf einen Job positiv beeinflussen können.“ Und da müsse man, fordert Mahringer, eben schon an den Grundkompetenzen arbeiten, damit die Berufstätigkeit nicht beim AMS ende.

Petra Fleck, ORF.at

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