Historischer Höhepunkt
Noch nie waren so viele Menschen weltweit auf der Flucht wie im Vorjahr, unterstreicht das UNO-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) in seinem in Genf veröffentlichten Jahresbericht zum Weltflüchtlingstag am Montag. Laut den Zahlen stieg die Zahl der Flüchtlinge, Binnenvertriebenen (IDPs) und Asylsuchenden 2015 auf 65,3 Millionen Menschen. Das sei „ein drastischer Anstieg“.
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Ein Jahr zuvor lag die Zahl der Schutzsuchenden weltweit noch bei 59,9 Millionen Menschen und hatte damit Höhen erreicht wie zur Zeit des Zweiten Weltkriegs. Inzwischen ist dieser Vergleichswert bei Weitem überschritten. Die Zahl von 65,3 Millionen entspricht etwa der Bevölkerung Großbritanniens oder Italiens. „Während im Jahr 2005 durchschnittlich sechs Menschen pro Minute entwurzelt wurden, sind es heute 24 Menschen pro Minute - das sind statistisch zwei Menschen pro Atemzug“, hieß es.
„Zahlen schnellten rasant nach oben“
Laut UNHCR gab es bisherige Höchstzahlen in den Bereichen IDPs (Internally Displaced Persons) und Asylwerber: Die Zahl der Menschen, die im Vorjahr innerhalb ihres Heimatlandes auf der Flucht waren, gab die Organisation mit 40,8 Millionen an, die Zahl jener, die auf die Entscheidung ihres Asylantrags warteten, mit 3,2 Millionen. Bei den Flüchtlingen waren mit 21,3 Millionen noch nie so viele zu verzeichnen wie seit Anfang der 1990er Jahre. Nur rund zehn Prozent der Flüchtlinge befinden sich auf dem europäischen Kontinent, nur rund zwei Prozent in der EU.
Die Flüchtlingszahlen seien in den vergangenen 20 Jahren in den meisten Regionen stetig gestiegen. „In den vergangenen fünf Jahren jedoch schnellten die Zahlen rasant nach oben“, geht aus dem Statistikbericht „Global Trends“ hervor. Als Gründe dafür nennt das UNHCR: Flüchtlingssituationen dauerten aufgrund von Langzeitkonflikten wie in Afghanistan länger an. Seit Ende des Kalten Kriegs ließen Friedenslösungen immer länger auf sich warten. Neue und wieder aufflammende Konflikte wie in Syrien oder dem Jemen nähmen gleichzeitig zu.
Doppelte Gefahr
„Immer mehr Menschen müssen aufgrund von Krieg und Verfolgung ihre Heimat verlassen und das allein ist höchst beunruhigend. Doch auch die Faktoren, die Flüchtlinge in Gefahr bringen, steigen um ein Vielfaches“, betonte Flüchtlingshochkommissar Filippo Grandi. „Auf dem Meer verlieren erschreckend viele Menschen ihr Leben, der Landweg ist durch geschlossene Grenzen zunehmend blockiert, und in manchen Ländern wird gegen Asyl politisch Stimmung gemacht.“
Die Bereitschaft von Staaten, nicht nur für Flüchtlinge, sondern im gemeinsamen Interesse der Menschlichkeit zusammenzuarbeiten, werde momentan herausgefordert. Ein „einender Geist“ werde „dringend gebraucht“, so Grandi. Die meisten Flüchtlinge kommen aus den Großregionen Naher Osten/Nordafrika Sub-Sahara-Afrika und halten sich meist nahe an den Konfliktherden auf, denen sie entkommen sind.
Erwartbare und überraschende Zahlen
Nach einzelnen Ländern betrachtet, kamen 2015 besonders viele Flüchtlinge aus drei Ländern: Syrien (4,9 Millionen), Afghanistan (2,7 Millionen) und Somalia (1,1 Millionen). Der Syrien-Konflikt bleibe weiterhin die Hauptursache für Flucht und Vertreibung und dem damit verbundenen Leid, so das UNHCR. Das Land mit den meisten Binnenvertriebenen ist hingegen im kollektiven Bewusstsein weit weniger präsent: 6,9 Mio. Menschen sind in Kolumbien auf der Flucht. Dahinter folgen Syrien (6,6 Mio.) und der Irak (4,4 Mio.).
Die meisten Flüchtlinge aus dem Ausland hat (in absoluten Zahlen) die Türkei aufgenommen: 2,5 Millionen. Pro Einwohner gerechnet ist der Libanon Spitzenreiter unter den Aufnahmeländern: Auf 1.000 Libanesen kommen 183 Flüchtlinge. Die Zahl der Flüchtlinge, die in ihre Heimat zurückkehren konnten, war dem UNHCR zufolge 2015 „niedrig“. Sie betrug trotz einer gewissen Zunahme gegenüber dem Vorjahr 201.400.
Überwiegend sind junge Menschen auf der Flucht: Mehr als die Hälfte aller Schutzsuchenden weltweit ist jünger als 18 Jahre. Die meisten Asylanträge - 441.900 - wurden 2015 in Deutschland verzeichnet. Dort stieg die Flüchtlingsbevölkerung laut UNHCR-Angaben mit 316.000 Menschen im Vergleich zum Jahr 2014 um 46 Prozent. In Europa kommen die meisten Flüchtlinge entgegen der allgemeinen Einschätzung aus der Ukraine: 593.000.
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