„Schwer, damit umzugehen“
Auf politischer Ebene ist bereits, wieder einmal anlassbezogen, eine heftige Waffendebatte in Gang gekommen - während gleichzeitig mehrere Opfer des Anschlags auf den Schwulenclub in Orlando im US-Bundesstaat Florida weiter um ihr Leben ringen. Für viele Angehörige dauert das Bangen an, da noch längst nicht alle Opfer identifiziert sind.
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Am Sonntag hatten sich viele Verwandte von Besuchern des Clubs „Pulse“ vor allem vor einem Hotel in unmittelbarer Nähe des Orlando Regional Medical Center versammelt und warteten dort voller Bangen auf Nachrichten über das Schicksal ihrer Angehörigen.
Bange Stunden
Erst 16 Stunden, nachdem der 29-jährige Attentäter Omar Mateen den Club gestürmt und mit einem Sturmgewehr und einer Schnellfeuerwaffe bewaffnet ein Blutbad unter den feiernden Menschen angerichtet hatte, wurden die Namen der ersten 18 identifizerten Todesopfer verlesen. Langsam werden seither laufend weitere Namen bekanntgegeben.

APA/AP/Tampa Bay Times/Loren Elliott
Trauernde gedenken mit Kerzen der Opfer des Schussattentats
Bei den Angehörigen, die bisher vergeblich auf Informationen warten, mischte sich unter das Entsetzen und das Leid auch Unveständnis. „Es ist sehr schwer, damit umzugehen“, so Baron Serrano, dessen Bruder sich in der Tatnacht im Club aufhielt, gegenüber der „New York Times“. „Am schlimmsten ist der Schmerz, hier zu sein, ohne zu wissen, was mit ihm geschehen ist.“
FBI ermittelte mehrmals gegen 29-Jährigen
Der 29-jährige US-Bürger mit afghanischen Eltern führte seinen Angriff unter anderem mit einem Sturmgewehr aus. Er erwarb seine Waffen kurz vor der Tat legal, obwohl die US-Bundespolizei FBI schon 2013 und 2014 wegen möglicher Verbindungen zur Terrormiliz Islamischer Staat (IS) gegen ihn ermittelt hatte. Diese Umstände lösten umgehend eine neue Waffendebatte aus, die angesichts des US-Wahlkampfs offenbar besonders schrill werden dürfte.
Einige US-Kongressmitglieder forderten umgehend schärfere Regeln für den Verkauf von Waffen. Der demokratische Senator Robert Casey kündigte noch für Montag einen entsprechenden Gesetzesentwurf an. Präsident Barack Obama wollte gegen den Widerstand der mächtigen Waffenlobby NRA wiederholt die Waffenvorschriften verschärfen, scheiterte aber am Kongress, der von den Republikanern kontrolliert wird.
„Maximaler Irrsinn“
New Yorks Polizeichef Bill Bratton kritisierte die NRA scharf. Diese hatte erfolgreich dagegen lobbyiert, dass Personen, die auf der Flugverbotsliste des FBI stehen, keine Waffen mehr kaufen dürfen. „Die Vorstellung, dass wir eine Terrorwarnliste, also die Flugverbotsliste, haben und dass jemand, der auf dieser Liste steht, eine Waffe kaufen kann - das ist der maximale Irrsinn“, so Bratton gegenüber dem TV-Sender CNN.

APA/AP/Chris O'Meara
Der Club nach dem Ende der Polizeiaktion am Sonntagnachmittag (Ortszeit)
Trump greift Obama an
Das Massaker von Orlando wurde binnen Stunden auch zum Zankapfel im US-Präsidentschaftswahlkampf. Während die Ermittlungen zu den Motiven des Täters und einer möglichen Verbindung zum IS noch laufen, holte der wahrscheinliche republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump zum Schlag gegen Obama aus und forderte ihn zum Rücktritt auf.
Trump kritisierte, dass Obama in seiner Stellungnahme nicht die Worte „radikaler Islamismus“ benutzt habe. Trump selbst geriet unter Beschuss, weil seine Äußerungen wie Besserwisserei gedeutet wurden und er zunächst kein Wort für die Hinterbliebenen übrig hatte. Obama sprach von einem „Akt des Terrors und des Hasses“ und der schlimmsten Bluttat eines Todesschützen in der US-Geschichte. Er ordnete Trauerbeflaggung an allen Bundesgebäuden in den USA an.
IS reklamiert Attentat für sich
Das FBI erklärte, Mateen habe sich in einem Anruf bei der Polizei im unmittelbaren Zusammenhang mit der Bluttat zum IS bekannt. Zudem behauptete eine dem IS nahestehende Radiostation, den Angriff habe ein Kämpfer der Terrormiliz ausgeführt. Die Ermittlungsbehörden legten sich zunächst auf kein Motiv fest. Es wird auch in Richtung eines Hassverbrechens ermittelt. Auch Obama sagte: „Wir haben noch kein endgültiges Urteil gefällt, was die genaue Motivation des Killers angeht.“
Ganz anders Trump: Er forderte auch die demokratische Präsidentschaftsbewerberin Hillary Clinton auf, aus dem Rennen um das Weiße Haus auszusteigen, weil sie die Wörter „radikaler Islam“ ebenfalls nicht verwendet habe. Der führende Republikaner und Vorsitzende des US-Repräsentantenhauses, Paul Ryan, sagte, die USA befänden sich „im Krieg gegen islamistische Terroristen“.
Nach Blutbad Anruf bei 911
Der Täter hatte gegen 2.00 Uhr kurz vor der Schließung des Nachtclubs „Pulse“ das Feuer auf die Besucher eröffnet. Nach etwa 20 Minuten unterbrach er das Blutbad, um die Notrufnummer 911 anzurufen und sich dort unter Verweis auf den IS und die Zarnajew-Brüder (verantwortlich für das Attentat auf den Boston-Marathon 2013, Anm.) zur Tat zu bekennen.
Etwa drei Stunden später wurde der mit einem Sturmgewehr vom Typ AR-15 und einer Handfeuerwaffe ausgerüstete Mann in einem Feuergefecht mit elf Polizisten getötet. Wie bekanntwurde, arbeitete Mateen für die Sicherheitsfirma G4S in Florida und erwarb seine Waffen kurz vor der Tat legal. Das konnte er, obwohl das FBI 2013 und 2014 gegen ihn ermittelt hatte. Dabei sei es auch um mögliche Verbindungen zum IS gegangen, sagte ein Vertreter der US-Bundesbehörde vor Journalisten.

Reuters/Kevin Kolczynski
Polizeiabsperrungen in Orlando Sonntagfrüh
Laut Ex-Frau labil und gewalttätig
Mateens 2011 von ihm geschiedene Ex-Frau Sitora Yusufiy sagte, ihr Mann sei gewalttätig und psychisch labil gewesen. Sie bezeichnete ihn als nicht sehr religiös. Er habe Steroide konsumiert, die bei falscher Dosierung Psychosen auslösen können, auch Paranoia. 2011 sei sie von ihrer Familie „seinen Armen entrissen“ und damit „gerettet“ worden.

APA/AFP/Yuri Gripas
Im Weißen Haus wurde die Flagge auf halbmast gesenkt
Schwerster Terrorakt in USA seit 9/11
Die Tat von Orlando ist der schwerste Terrorakt in den USA seit den Attentaten vom 11. September 2001. Sie gilt zudem als blutigste Tat eines Einzelschützen in der modernen US-Geschichte. Das Attentat ereignete sich während des „Gay Pride“-Monats, in dem im ganzen Land Homosexuellenparaden und Feste stattfinden. In New York ordnete Bürgermeister Bill de Blasio zusätzliche Sicherheitsvorkehrungen für schwule und lesbische Einrichtungen an. Aus Solidarität mit den Opfern des Anschlags erstrahlte der Mast des World Trade Center in New York in der Nacht auf Montag in den Regenbogenfarben.
Fehlalarm in Los Angeles
Unterdessen entpuppte sich ein Zwischenfall in Los Angeles offenbar als Fehlalarm. Vor Beginn einer großen Homosexuellenparade war in der Stadt ein Bewaffneter festgenommen worden. Die Polizei hatte nach der Verhaftung mitgeteilt, der Mann habe bei dem Umzug in West Hollywood „Schaden anrichten“ wollen. Das dementierte die Polizeichefin von Santa Monica (Kalifornien), Jacqueline Seabrooks, mittlerweile. Der Mann sei nun wegen des Besitzes von Waffen und explosivem Material in Gewahrsam. Wie es zu der Falschauskunft kam, ließ Seabrooks offen.
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