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Der Zuseher in der Ferne

In ihrem Film „Vor der Morgenröte“ beleuchtet die deutsche Schauspielerin und Regisseurin Maria Schrader die letzten sechs Jahre im Leben von Stefan Zweig. In ihrer erst zweiten Regiearbeit gelingt Schrader dabei eine bemerkenswerte Annäherung an den Schriftsteller und Menschen Zweig.

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Schief und voller Inbrunst spielt eine Blaskapelle eine gerade noch erkennbare Version von „An der schönen blauen Donau“. Nicht auf einem Dorfkirtag irgendwo in Österreich, sondern in einem kleinen brasilianischen Dorf in der tropischen Hitze, in dem sich der kleine Provinzbürgermeister mit offenen Armen und strahlendem Lächeln auf Stefan Zweig zubewegt. Extra für den Schriftsteller aus Österreich hat er diesen Empfang organisiert.

Josef Hader in einer Szene aus dem Film Vor der Morgenröte

Filmladen

Zweig (Josef Hader) hing an der Idee eines vereinten Europas

Zweig (Josef Hader) stehen die Schweißperlen auf der Stirn und plötzlich hat er eine Träne im linken Auge, während er das Lächeln erwidert. Die Situation ist absurd und traurig - und doch ist Zweig froh, in Brasilien zu sein. Es ist das Jahr 1941, der Autor ist 59 Jahre alt, in Nord- und Südamerika ist er ein oft und gern gesehener Gast, empfangen wie ein Staatsmann. Aber in seiner deutschsprachigen Heimat darf er längst nicht mehr publizieren. Zuvor im Mittelpunkt kulturellen Weltgeschehens, ist er jetzt ein Zuseher aus der Ferne.

Ein Film, ein Buch, ein Leben

Zweig war aus bürgerlichem Hause, privilegiert, ein Pazifist, ein Idealist, ein „Jude durch Zufall“, wie er es selbst beschrieb. Vehement verteidigte er die Trennung von Kunst und Politik. Der Filmemacherin Schrader gelingt in „Vor der Morgenröte“ Bemerkenswertes. Sie zeichnet den Menschen und Künstler Zweig ähnlich präzise, wie dieser seine Romanfiguren und deren Innerstes beschrieb.

In ihrem Film schweift Schrader niemals erzählerisch aus - sie taucht tief in die einzelnen Szenen ein. Auf die Figuren fokussiert, auch im buchstäblichen Sinne durch die Kamera von Wolfgang Thaler, spiegelt ihre episodische Erzählstruktur von vier Kapiteln plus einen Prolog und einen Epilog elegant Zweigs eigene literarische Technik der historischen Miniatur wider, wie er sie etwa in seinem Werk „Sternstunden der Menschheit“ verwendete.

Dabei orientiert sie sich nicht an Wendepunkten im Leben Zweigs, sondern an exemplarischen Szenen. Diese einzelnen Szenen werden teilweise schlicht so lange kontrolliert gehalten, bis Unausgesprochenes fühlbar wird. Unterstützt wird auch das durch die Bilder Thalers, der mit Michael Glawogger und Ulrich Seidl seinen Blick über Jahrzehnte schärfen konnte. Seine Bilder sind geprägt von dokumentarischem Naturalismus, rhythmisch und effektiv austariert zwischen Nähe und Distanz.

Brasilien als utopischer Ort

Wie verhält sich ein Künstler im Krieg? Im Prolog des Films sieht man Zweig 1936 bei einem Diplomatentreffen in Rio de Janeiro sein Glas heben und sich bei den versammelten wichtigen Intellektuellen der Zeit bedanken: Tief bewegt tut er seine Hoffnung kund, Brasilien könne ein Vorbild sein für die Welt. Denn während in Europa gerade der Faschismus wüte, lebten hier Menschen verschiedener Rassen und Hautfarben friedlich zusammen.

Diese Anfangsszene umreißt Zweigs Figur für den Rest des Films: Zweig hing an der Idee eines vereinten Europas ohne Grenzen, eines Europas jenseits von Nationalstaaten, eines friedensstiftenden Kontinents. Diese Utopie zieht sich durch sein gesamtes Werk. Schrader greift dies beinahe als tragische Liebesgeschichte für ihren Film auf: Zweig und Europa – ein Wunschdenken, das zum Scheitern verurteilt ist?

In einer anderen Szene erzählt Zweig einem befreundeten Kritiker von seiner im Entstehen begriffenen „Schachnovelle“, Zweigs wohl bekanntestem Buch. Darin spielt ein kühl kalkulierender, habgieriger Schachweltmeister gegen einen Mann, der von den Nationalsozialisten in Isolationshaft gefangen gehalten wurde. Klar schwingt in dieser Szene Zweigs geistige Auseinandersetzung mit seinem Exil mit: der Mensch im Kampf mit einem unmenschlichen System und das Leiden des Gefangenen ohne Möglichkeit eines Kontaktes zur Außenwelt.

Auszug aus Rio de Janeiro

Brasilien überraschte und beeindruckte Zweig gleichermaßen. Sein schwärmerisches Buch „Land der Zukunft“ ist ein Resultat dieser Euphorie. Später wurde ihm seine unkritische Haltung gegenüber sozialen und politischen Missständen vorgeworfen. In Schraders Film wird das als ein möglicher Grund angedeutet, warum Zweig sich zusätzlich vereinsamt fühlte und bald danach vom belebten Rio ins abgelegene Petropolis umzog. Bis heute macht man sich in Brasilien über den Buchtitel lustig: Brasilien sei ein „Land der Zukunft“, und werde es auch immer bleiben.

Beim PEN-Kongress, ebenfalls 1936, verweigert Zweig den anwesenden Journalisten dann explizit jede Stellungnahme und damit jede politische Vereinnahmung, als sie im Interview mit ihm die Verdammung Deutschlands fordern. In einer großartigen Sequenz inszeniert Schrader die Rede des deutschen Schriftstellers Emil Ludwig (hervorragend: Charly Hübner) auf dem Kongress in voller Länge. Es ist ein deutlicher Aufruf Ludwigs zur politischen Parteinahme der versammelten Künstler gegen den Faschismus.

Außen die Flammen, innen entrückt

Doch selbst im brasilianischen Exil kann Zweig sich dem Trauma, das ihm seine nicht enden wollende, tragische Liebe zu Europa zufügt, nicht entziehen, und auch den Bildern der Verwüstung entkommt er nicht. Sein Wissen und sein Vorstellungsvermögen lassen ihm keine Ruhe. Erzählungen von Freunden und Kollegen und Berichte in den Medien beschäftigen ihn sehr. In einer Szene des Films lässt Schrader Zweig über eine Landstraße in Brasilien fahren, vorbei an einer Zuckerrohrplantage, die gerade brandgerodet wird. Durch das Fenster am Rücksitz überlagert sich das Bild entflammter Erde mit Haders stets melancholisch entrücktem Gesicht.

Josef Hader und Aenne Schwarz in einer Szene aus dem Film Vor der Morgenröte

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Zweig und seine zweite Ehefrau Lotte (Aenne Schwarz)

Hader löst sich bei der Darstellung Zweigs von seiner eigenen Kunstfigur, dem Kabarettisten Hader. Zugleich vermeidet er es, Zweig als stereotypen Autor darzustellen. Eine besondere schauspielerische Konfrontation stellt die Begegnung Zweigs mit Barbara Sukowa in der Rolle seiner geschiedenen, aber befreundeten ersten Frau Friderike 1941 in New York dar. Auf einen Kurzbesuch ist Zweig mit seiner zweiten Ehefrau Lotte (Aenne Schwarz) zu ihr gekommen, nachdem Friderike mit ihren Töchtern Amerika nur durch seine Hilfe erreicht hatte. Bei ihnen kommen nun die Bittbriefe ihrer Freunde und Bekannten an, für die der in Amerika etablierte Zweig sich unbedingt einsetzen möge. Selbst dieses Engagement bereitete Zweig Unbehagen.

Die letzte Einstellung

Ein paar Monate später wurde Zweig tot im Schlafzimmer seines Hauses in Petropolis gefunden. Er hatte gemeinsam mit seiner Gattin Lotte Suizid begangen. Schrader findet hier zu einer letzten, virtuosen Szene. Neben dieser sind es zwei weitere Szenen, die besonders in Erinnerung bleiben und nachwirken: als Zweig sich einmal in einem Maisfeld verirrt, weil er immer nur auf seinen Notizblock kritzelt, und einmal, als er mit Ernst Feder am Balkon von dessen Wohnhaus in Brasilien steht. Die Natur wirkt scheinbar tröstlich auf Zweig. Doch wenn er sich umsieht, schaut er durch seine Umgebung hindurch - und sieht doch immer wieder nur seine Heimat.

Alexandra Zawia, ORF.at

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