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Die sich wandelnde Urbanität

Dort, wo vor wenigen Jahren am Seine-Ufer eine Schnellstraße allen Platz für sich vereinnahmt hat, verbringen nun die Pariser ihre Freizeit. Das ist nur eines von vielen Beispielen zur radikalen Revitalisierung innerstädtischer Zonen. Der öffentliche Raum spielt eine wichtigere Rolle als je zuvor. Er wird intensiv genutzt, was mitunter auch zu Begehrlichkeiten von vielen Seiten führt – der Wiener Donaukanal ist Beweis für beides.

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Die Rahmenbedingungen sind klar definiert: Weltweit geht der Trend zur Verstädterung, immer mehr Menschen zieht es in urbane Ballungsräume, die immer mehr Verkehr produzieren. Und steigen aufgrund der Erderwärmung ohnehin die Temperaturen, so heizen sich Städte durch die fortschreitende Versiegelung der Böden durch Beton und Asphalt immer stärker auf, um in der Folge aufgrund der Wärmespeicherung umso langsamer abzukühlen.

Das trifft vor allem die besonders dicht verbauten Stadtzentren. Städte weltweit stehen daher vor vielen Herausforderungen. Sie müssen für ihre Bewohner lebenswert bleiben. Weil sich diese Entwicklungen nicht von selbst regulieren, gilt es auf vielen Ebenen gegenzusteuern. Außerdem gewinnt der öffentliche Raum bei immer teurer werdenden Wohnungen für die Menschen zusätzlich an Bedeutung - wer zu Hause wenig Raum hat, sucht ihn anderswo.

Grüner Fluss statt Betonwüste

Seit der Jahrtausendwende werden Maßnahmen in vielen Großstädten sichtbar. Damals ließ Seoul die Fachwelt mit einem radikalen Projekt aufhorchen. Die Südkoreaner rissen eine stark befahrene Stadtautobahn im Zentrum der Hauptstadt ersatzlos nieder – aus der Erkenntnis heraus, dass größere Straßen den Verkehr nicht auflockern, sondern noch viel mehr Autofahrer anlocken.

Cheonggyecheon Fluss in Seoul

picturedesk.com/robertharding/Wendy Connett

Wo früher Autos über Beton rollten, flanieren jetzt Fußgänger am Wasser

Die 1961 erbaute Stadtautobahn bildete gleichzeitig die Überplattung eines Flusses, der mit der Demolierung des Verkehrsbauwerks nach Jahrzehnten erstmals wieder sichtbar wurde. Der Fluss wurde begrünt - eine Betonwüste mutierte zum urbanen Idyll.

„Vergehen an der Schönheit“

Den Parisern ging es ab 2010 ganz ähnlich. Dort zerschnitt am Seine-Ufer eine Autobahn eine städtische Zone, die Potenzial zu mehr hatte. Die Franzosen bauten die Verkehrsader - die zuletzt eine Frequenz von bis zu 2.000 Fahrzeugen pro Stunde aufwies - auf einer Länge von über zwei Kilometer zurück. Am linken Seine-Ufer konnte so eine Flaniermeile von 4,5 Hektar entstehen. Auf der Seine schwimmende, begrünte Plattformen, Kletterwände, Sitzmöglichkeiten und Sportgeräte sorgten für die zusätzliche Transformation des Geländes.

Die Seine in Paris

APA/AFP/Lionel Bonaventure

Die Seine in Paris als Beispiel für neue Urbanitätskonzepte

Man müsse die „Vergehen an der Schönheit“ von Paris korrigieren, sagte der damalige Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoe in einem Interview mit dem „Spiegel” über einen weiteren Aspekt der Verbesserung des urbanen Alltags. Delanoe hatte aber im Vorfeld auch mit massivem Protest der Opposition und vieler Geschäftsleute zu kämpfen. Das Projekt wurde dennoch rasch Realität, und die offensichtlich verbesserte städtebauliche Situation zeigte, wie groß der Bedarf an öffentlichen Freiflächen ist und wie dankbar diese Angebote auch angenommen werden.

Wenn Ehrgeiz auf Angst trifft

Die Veränderung im Nutzungsverhalten der Stadtbewohner und neue urbane Bedürfnisse zeigen sich in Österreich genauso deutlich – auch ohne tollkühne städtebauliche Einschnitte wie in Paris. Solche sind auch gar nicht nötig, weil Pläne wie eine Stadtautobahn entlang des Bettes des Wienflusses bereits in den 1960er Jahren wieder verworfen wurden.

Allerdings stand etwa der Umbau der Wiener Mariahilferstraße zur Fußgängerzone in Sachen Widerständen dem wesentlich spektakuläreren Pariser Vorhaben in nichts nach. Die Szenarien waren mehr oder weniger ident, städtebaulicher Ehrgeiz prallte auf konservative Politkreise und Ängste der Wirtschaftstreibenden.

Diese emotionalen Debatten sind klare Belege dafür, wie sehr der öffentliche Raum an Bedeutung gewann, wie sehr er zum Aufenthalts- und Freizeitort mutierte, der auch durch eine veränderte Eventkultur weiter in den Alltag von Stadtbewohnern rückt. Und er weckt Begehrlichkeiten von vielen Seiten, wird zunehmend umkämpfter - vor allem, weil sich die Vermarktbarkeit des öffentlichen Raums längst durchgesprochen hat.

Der Donaukanal als Bannmeile

Besonders sichtbar wird das in Wien entlang des innerstädtischen Abschnittes des Donaukanals. Seit gut zehn Jahren erblüht hier das Leben im öffentlichen Raum. Und auch hier wurde in den 1970er Jahren intensiv über eine Stadtautobahn nachgedacht, die bereits damals aus Klimagründen und zur Wahrung des Erholungsraums abgelehnt wurde.

Trotzdem hatte der Donaukanal vor 20 Jahren mitunter die Funktion einer Bannmeile. Die Stadt hat Mitte der 1990er Jahre der damals schwer verruchten Subkulturinstitution Flex brachliegende Räume unter der Fahrbahn des Franz-Josef-Kai zugewiesen, nachdem die ehemaligen Hausbesetzer in Meidling auf ihre Grenzen gestoßen waren. Frei nach dem Motto: Am Donaukanal stört man mit Punkgeist und heftigen elektronischen Beats nun wirklich niemanden.

Kontinuierliches Wachsen

Wie viel Vielfalt der Donaukanal verträgt, wurde schon damals deutlich. Einige hundert Meter flussaufwärts entstand im begrünten und wesentlich beschaulicheren Abschnitt des Donaukanals, entlang des 9. Wiener Gemeindebezirks, die Summerstage, die ein ungleich schickeres Publikum als das Flex bedient.

Der Donaukanal rückte langsam ins Bewusstsein. Und spätestens, als mit der Strandbar Herrmann bei der Einmündung des Wienflusses und mit dem Badeschiff beim Schwedenplatz weitere Einrichtungen Akzente setzten, bildete sich eine Flanier- und Gastronomiemeile, die bis heute wächst und wächst.

Viel Gerangel um wenig Grün

Das treibt mitunter bemerkenswerte Blüten, wie im vergangenen Jahr laut gewordene Pläne zeigten. Die letzte große freie Grünfläche im innerstädtischen Bereich des Donaukanals, zwischen der Oberen Augartenbrücke und Otto Wagners Schützenhaus, beflügelte Projektentwickler, die an dieser Stelle statt einer grünen Wiese und Bäume ein 1.000 Quadratmeter großes Eventlokal sahen.

Die für viele überraschend gekommene Idee stand noch dazu im krassen Widerspruch zu offiziell erarbeitenden Leitlinien zur Entwicklung des Donaukanals und ließ die Wogen medial hochgehen - mehr dazu in wien.ORF.at. Was auch daran lag, dass der Bezirksvorsteher des zweiten Bezirks dem Projekt einiges abgewinnen konnte. Er argumentierte damit, dass die Projektentwickler einen öffentlichen Lift errichten würden, der ohnehin notwendig wäre, und dass die WCs öffentlich benutzt werden dürfen.

Es wurde öffentlich über einen Flächentausch nachgedacht, um dafür eine andere Stelle des Kanals zu begrünen. Der Petitionsausschuss des Wiener Gemeinderates sprach sich dann nach vielen Diskussionen Anfang April 2016 sehr entschieden dafür aus, dass das Projekt aus Gründen der Denkmalpflege und der Stadtbildgestaltung nicht genehmigt werden kann. Das Vorhaben ist vom Tisch.

Widersprüchliche Ansätze

Dieser dreist anmutende Versuch zur kommerziellen Verwertung von öffentlichen Flächen wirkt doppelt absurd, weil die Stadt Wien nur wenige Tage bevor die Projektentwickler mit ihren Plänen erstmals an die Presse gingen, genau vis-a-vis des geplanten Lokals ein anderes Vorhaben ankündigten.

Weil gerade hier im innerstädtischen Bereich öffentlicher Freiraum ein dermaßen rares Gut ist, soll der Donaukanal zwischen dem Uferbauwerk und der ehemaligen Schleusenanlage überplattet werden, um damit mit planerischen Kniffen begrünte Freizeitflächen zu schaffen. Mehr dazu in wien.ORF.at. Zeitgleich am anderen Ufer eine große Wiese einem Lokal zu opfern erscheint angesichts der offenkundigen städtebaulichen Notwendigkeiten tatsächlich etwas widersprüchlich.

Die Neigung zur „Verhüttelung“

Noch dazu weil in Wien an vielen Orten bei der Entwicklung neuer Freiräume aus der Not heraus baulich experimentiert wird. Das zeigt etwa das Beispiel der Überbauung der U4-Trasse neben dem Wienfluss nahe der Pilgramgasse im fünften Bezirk, wo im vergangenen Jahr in einer beengten urbanen Zone ein Maximum an nutzbarer Fläche entstand. Unweit davon wurde schon ein Jahr davor eine Wienfluss-Brücke für den motorisierten Individualverkehr gesperrt, bepflanzt und mit Stadtmöbeln ausgestattet. Die beiden Bereiche werden von der Bevölkerung gut angenommen. Auf gastronomische Aspekte will die Stadt hier bewusst nicht setzen.

Die gibt es am Wiener Donaukanal ohnehin zur Genüge, was angesichts des Wildwuchses an Getränkeausschankhütten regelmäßig zu Kritik am optischen Erscheinungsbild großer Teile der Lokal- und Flaniermeile führt. Ein klares Gestaltungskonzept fehlt offensichtlich, was dem Funktionieren der Feiermeile keinen Abbruch tut.

Und wenn der Donaukanal von Freitag bis Sonntag im Zuge der zehnten Austragung des Donaukanaltreibens sich und sein Erblühen feiert, verschwinden die windschiefen Strohhütten ohnehin hinter den Menschenmassen. Immerhin sind die Verschläge dann, wenn es einen Plan geben sollte, leichter zu beseitigen als betonierte Stadtautobahnen.

Johannes Luxner, ORF.at

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