Themenüberblick

Kampf mit Krise und Wandel

VW kämpft weiter mit dem massiven Folgen der Abgasaffäre und muss zugleich den tiefgreifenden Umbruch in der Branche bewältigen. Die Aufarbeitung des milliardenteuren Skandals um weltweit rund elf Millionen manipulierte Fahrzeuge wird noch länger dauern. Doch parallel dazu will Europas größter Autohersteller seine Zukunft bei wichtigen Themen wie Elektromobilität, Digitalisierung und neuen Dienstleistungen sichern.

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„2016 wird für uns ein Jahr des Übergangs sein, in dem wir den Wandel beschleunigen“, sagte Vorstandschef Matthias Müller am Donnerstag bei der Bilanzpressekonferenz in Wolfsburg. Die Autobranche stehe vor einem „epochalen Wandel“, die eine Neuausrichtung des Unternehmens erfordere. Elektroautos sollten zu einem „neuen Markenzeichen“ von Volkswagen werden, kündigte Müller an. Es seien bis 2020 mehr als 20 neue Modelle geplant, darunter mehrere Elektroautos.

Folgen von „Dieselgate“ weiter nicht absehbar

Sein oberstes Ziel sei es, das wegen der millionenfachen Manipulation von Dieselabgaswerten verloren gegangene Vertrauen zurückzugewinnen. „Alles andere ist zweitrangig.“ Parallel zur Aufarbeitung des Skandals müsse Volkswagen fit gemacht werden für die automobile Zukunft. Man habe das Potenzial, sogar gestärkt aus dem Skandal zu kommen, beschwor Müller die Zukunft: „Volkswagen ist viel mehr als Krise.“

VW-Konzernchef Matthias Müller

APA/AFP/Ronny Hartmann

Konzernchef Müller bei der Pressekonferenz

Dabei ist noch nicht absehbar, wie lange Volkswagen noch mit den Folgen von „Dieselgate“ zu ringen hat. Müller sagte, er habe „keine Ahnung“, wie lange das dauern werde.

Golf-Rückruf vorgezogen

Weil sich die Umrüstung des Passat weiter verzögert, zieht VW das Massenmodell Golf ab kommendem Dienstag vor, wie Markenchef Herbert Diess sagte. Der Golf-Rückruf gilt zunächst für 15.000 Wagen mit Schaltgetriebe und 2,0-Liter-Motor.

Der Passat hätte mit ersten Varianten bereits von Ende Februar an für ein Softwareupdate zurückgerufen werden sollen. Jetzt kommt zuerst der Golf an die Reihe, für den sich VW mit dem deutschen Kraftfahrtbundesamt (KBA) auf ein entsprechendes Vorgehen einigte. Für die gesamte Werkstattaktion auch anderer Modelle schließt Konzernchef Müller inzwischen eine Dauer über das Jahresende hinaus nicht mehr aus.

Milliardenkosten nach US-Skandal

Weiterhin beschäftigen den Konzern die Ermittlungen der Justizbehörden. Beim Besuch von Präsident Barack Obama am vorigen Wochenende in Hannover habe er sich persönlich für den Dieselskandal entschuldigt, berichtete Müller. Dabei habe er Obama darauf hingewiesen, dass er auch im Interesse der Mitarbeiter und ihrer Familien alles für eine Lösung tun werde.

VW drohen in den USA Milliardenkosten infolge der Manipulation von rund 580.000 Fahrzeugen. Bisher konnte sich der Konzern noch nicht endgültig mit den Behörden auf einen konkreten Plan zur Beseitigung der technischen und juristischen Probleme einigen. Nun wurde ein Budget von 1,8 Milliarden Euro für „grüne“ Projekte in den USA veranschlagt - für „mögliche Investitionen in Umweltprojekte und die Elektromobilität“.

Kooperationen bei Zukunftsthemen

Auf solche Zukunftsthemen will der Konzern nun setzen. Umweltschonende Fahrzeuge sollten künftig ein Markenzeichen von Volkswagen sein. Dafür will der Wolfsburger Konzern weiter viel Geld investieren. Um in der immer schneller voranschreitenden Digitalisierung der Branche mitzuhalten, habe VW Partnerschaften mit dem US-Softwareunternehmen Pivotal und der Singularity University im Silicon Valley geschlossen.

„Wir unterhalten uns nicht mit Apple und Google“, stellte Müller zu möglichen Kooperationen mit den US-Internetriesen klar. Aber: „Die Zeiten, in denen unsere Branche sich abgeschottet hat, gehören endgültig der Vergangenheit an.“ Weltweit werden derzeit Zentren hochgezogen, an denen Experten für die digitale Vernetzung zusammen mit Designern an der Zukunft der Mobilität arbeiten. Ziel sei, bis 2025 einen „substanziellen Teil“ des Umsatzes mit neuen Dienstleistungen zu erwirtschaften.

Markenverkäufe nach Rekordverlust?

Finanzchef Frank Witter räumte ein, das sei eine herausfordernde Strategie: „Wir sehen steigenden Bedarf in Investitionen in neue Antriebs- und Mobilitätskonzepte, Urbanisierung und Digitalisierung.“ Wegen der Abgaskrise hatte VW schon einen Finanzpuffer von 16,2 Milliarden Euro gebildet, der 2015 unterm Strich einen Rekordverlust von 1,6 Milliarden Euro brachte. „Ob da weitere Beträge dazukommen, wissen wir nicht.“

Vor allem die ohnehin ertragsschwache Kernmarke VW musste weitere Belastungen verkraften - vor allem hohe Werbekosten nach dem Abgasskandal. Eine nach wie vor wichtige Stütze für den krisengeschüttelten Konzern ist das China-Geschäft. Verkäufe einzelner Marken zur Bewältigung der Krise sind für Müller derzeit kein Thema. „Wir befassen uns mit dieser Frage gegenwärtig nicht“, sagte er zu Spekulationen über Verkaufsabsichten bei der Truck-Holding mit MAN und Scania.

Manager streifen weniger ein

Die üppigen Gehälter der VW-Vorstände sind infolge von „Dieselgate“ für 2015 deutlich geringer ausgefallen als zuvor. Im Geschäftsbericht stehen Gesamtbezüge von mehr als 60 Millionen Euro - die aktuellen Vorstände hatten sich bereiterklärt, einen Teil des Anspruchs auf die umstrittenen Bonuszahlungen diesmal zurückzustellen. Etwa 30 Prozent der variablen Vergütung werden in Aktien umgewandelt und geparkt.

Ex-Chef Martin Winterkorn muss finanziell deutlich Federn lassen. Der Ende September 2015 zurückgetretene Manager, dessen Vertrag aber noch bis Ende 2016 weiterläuft, erhält für das vorige Jahr 7,3 Millionen Euro. 2014 hatte Winterkorn noch fast 16 Millionen Euro kassiert und war mit Abstand höchstbezahlter Manager aller DAX-Konzerne gewesen.

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