Neue Strategien waren gefragt
Die Parteilandschaft im Umbruch, eine Persönlichkeitswahl statt einer Parteienwahl, zwei Unabhängige und viele Fragezeichen: Der Wahlkampf für die Bundespräsidentschaft hat die Kandidaten und ihre Wahlkampfteams vor völlig neue Herausforderungen gestellt. Besonders schwer haben es die Kandidaten der Regierungsparteien, glaubt man den Umfragen, müssen sie ein außergewöhnliches Wahlkampffinish hinlegen.
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Das größte Fragezeichen des Wahlkampfs stellt wohl Irmgard Griss dar. In Umfragen wird ihr durchaus der Sprung in die Stichwahl zugetraut - und das ohne Parteiapparat im Hintergrund. Als Gründe dafür nannte Kommunikationsberater Stefan Sengl in der ZIB2 am Mittwoch ihre Alleinstellungsmerkmale: Sie ist unabhängig, keine Berufspolitikerin und eine Frau.
In welchen Lagern kann Griss punkten?
In inhaltlichen Fragen, die für das Amt der Bundespräsidentin zwar allesamt irrelevant sind, aber ihr politisches Profil geben, ließ sich Griss nicht eindeutig einem politischen Lager zuordnen. Die Frage, welchen anderen Kandidaten sie das Wasser abgraben wird, ist somit nicht eindeutig zu beantworten. Am ehesten vertritt sie liberal-bürgerliche Werte und bedient damit NEOS-Sympathisanten, genauso kann sie auch die ÖVP Stimmen kosten. Griss kann vor allem von der Parteienverdrossenheit der Österreicher profitieren, Stimmen von SPÖ- und Grünwählern sind damit ebenfalls möglich, ebenso Proteststimmen, die ansonsten bei der FPÖ landen.
Unbedarfte Aussagen
Die Unabhängigkeit macht sie aber auch unberechenbarer als andere Kandidaten, dazu gesellten sich ein paar Schnitzer: Im direkten Kontakt mit dem Wahlvolk auf der Straße fühlt sich Griss ganz offensichtlich nicht wohl, und zumindest unbedarft war eine Interviewaussage zur Nazi-Zeit, die dafür sorgte, dass weitere Medien nachbohrten. Die Verteidigung des Begriffs „Reichskristallnacht“ wäre in Deutschland wohl unmöglich.
Freundlicher Hofer, Zugpferd Strache
Ähnlich wie Griss schaffte es auch FPÖ-Kandidat Norbert Hofer in recht kurzer Zeit, sein Bekanntheitsmanko gegenüber der Konkurrenz aufzuholen. Mit Barbara Rosenkranz hatte die FPÖ 2010 eine konservative Hardlinerin in die Hofburg-Wahl geschickt, Hofer wurde gänzlich anders und massentauglicher positioniert.
Auch er formulierte zwischendurch zwar klassische FPÖ-Forderungen, zuletzt etwa, dass das AMS keine Jobs an Migranten vermitteln soll, großteils soll aber ein freundliches, staatsmännisches Image vermittelt werden. Gleichzeitig wird mit Parteichef Heinz-Christian Strache als Zugpferd im Wahlkampf versucht, die FPÖ-Stammwähler zu halten. Das sollte nicht allzu schwer sein - viel schwieriger ist es wohl, sie zur Abgabe der Stimme zu motivieren.
Wahlkampf für Hundstorfer zu kurz?
Die SPÖ setzte im Wahlkampf ganz offensichtlich darauf, das sozialdemokratische Stammpublikum zu mobilisieren. Die Plakatsujets sind in klassischer SPÖ-Tradition gehalten. Bei den TV-Auftritten wurde Rudolf Hundstorfer von den Kommentatoren nicht die beste Figur konstatiert, seine Stärken werden aber auch ganz woanders gesehen: beim persönlichen Kontakt. Bei Besuchen von Betrieben und Veranstaltungen ist er wohl der routinierteste Kandidat.
Offen bleibt freilich, ob er im recht kurzen Wahlkampf genügend solcher Termine absolvieren konnte, um ordentlich Stimmen zu sammeln - und wie gut der SPÖ-Parteiapparat bei der Mobilisierung der Stammwählerschaft funktioniert hat.
Spagat gegen Problemzonen
Selbiges gilt freilich auch für Andreas Khol - mit ausgewiesenen Problemzonen: In den Städten hat die ÖVP in den vergangenen Jahren zunehmend Probleme bekommen. Der Tiroler Khol kann zudem in Westösterreich wohl eher punkten als im Osten. Khols Wahlkampfteam versuchte gleich auf mehreren Ebenen den Spagat.
Mit dem Architekten der schwarz-blauen Koalition von 2000 wird Offenheit gegenüber der FPÖ demonstriert, unterstützt wurde das mit Aussagen zum Thema Flüchtlinge und Sicherheit. Gleichzeitig betonte Khol rasch seine „Altersmilde“, er habe „seine Kanten abgeschliffen“.
Als Schatten des Wahlkampfs entpuppte sich Niederösterreichs Landeshauptmann Erwin Pröll (ÖVP). Der sorgte zunächst mit seiner Absage dafür, dass Khol überhaupt zum Zug kam. Und kurz vor der Wahl rückte die Rochade im Innenministerium in den Mittelpunkt des Medieninteresses.
Khol und die Jugend
Der aktuellen Umfrageschwäche der ÖVP begegnete Khol mit der Distanzierung, dass er sich schon vor Jahren aus der aktiven Parteipolitik zurückgezogen habe. Und während die ÖVP versuchte, mit der Erfahrung des 74-Jährigen zu punkten, setzt der Wahlkampf auch ganz darauf, seinen Draht zur Jugend zu betonen.
So verglich sich Khol gleich mehrfach ausgerechnet mit dem linken US-Demokraten Bernie Sanders, dessen Kampagne für die Präsidentschaftskandidatur vor allem von jungen Leuten getragen wird. Mit der rot-weißen Krawatte versuchte man ganz nach PR-Handbuch ein Markenzeichen zu setzen. Auch eine Social-Media-Kampagne wurde ausgeheckt. „Call4Khol“ regte dazu an, vier Freunde anzurufen und von der Wahl Khols zu überzeugen. So etwas kann prinzipiell tatsächlich viral funktionieren - oder zum peinlichen Flop werden.
Van der Bellens neue „Heimat“
Die Stammwähler alleine reichen bei den Grünen nicht aus, um Alexander Van der Bellen in die Stichwahl zu bringen - bei ihm sind auch die Versuche, neue Wählergruppen anzusprechen, am deutlichsten zu sehen. Den Begriff Heimat, bisher fest in der Hand der FPÖ, versuchte er neu zu besetzen - freilich auch, um damit konservativere Wählergruppen anzusprechen.
Er nahm damit auch in Kauf, einen Teil der grünen Stammklientel zu verärgern. Das Risiko ist aber überschaubar: Für die linke Grünwählerschaft gibt es wohl kaum Alternativen zu Van der Bellen, dass viele ins Hundstorfer-Lager wechseln, scheint angesichts der SPÖ-Position in der Flüchtlingsfrage unwahrscheinlich.
Angriff auf Regierungsparteien
Umgekehrt musste Van der Bellen im Revier von SPÖ und ÖVP wildern. Deutlich wurde das etwa bei den ORF-Kurzduellen „Die 2 im Gespräch“, bei denen er Khol und Hundstorfer jeweils auf ihrem ureigensten Politikfeld angriff. Den SPÖ-Kandidaten fragte er, was denn aus der visionären Politik der Kreisky-Zeiten geworden sei. Und dem ÖVP-Kandidaten Khol hielt Van der Bellen vor, sich in der Flüchtlingspolitik einen Rüffel von Kardinal Christoph Schönborn eingehandelt zu haben.
Der Widerspruch, dass sich Van der Bellen als unabhängiger Kandidat präsentiert, gleichzeitig aber offiziell über das höchste Wahlkampfbudget verfügt, das großteils von „seinen“ Grünen bereitgestellt wird, sorgte zwar für Debatten, wurde aber kein ganz großes Thema.
Wen kostet Lugner Stimmen?
Richard Lugner wiederum probierte die Gratwanderung zwischen ernsthaften politischen Aussagen und Kasperlimage. Den Versuch, sich als österreichische Version von Donald Trump - der Selfmade-Millionär, der mit seinen Wirtschaftserfahrungen die Politik ausmischt - darzustellen, ging dann eher unter. Die Rolle, die Lugner zukommt, könnte unter Umständen größer sein, als sich das im seinem Wahlergebnis widerspiegeln dürfte: Bei einer engen Entscheidung kann entscheidend sein, welchem anderen Kandidaten er ein paar tausend Stimmen abgeluchst hat.
Christian Körber, ORF.at
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