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Algen erobern Verpackungsindustrie

Die Luftpolsterfolie bekommt Konkurrenz: Weil das beliebte Verpackungsmaterial, das es als „Humble Masterpiece“ (bescheidenes Kunstwerk) sogar ins New Yorker Museum of Art geschafft hat, die Umwelt schwer belastet, machte sich ein japanisches Team auf die Suche nach Alternativen - und wurde dort fündig, wo Plastikmüll den größten Schaden anrichtet: in den Tiefen des Meeres.

Aus Meeresalgen stellt das Designerkollektiv AMAM einen vielversprechenden Plastikersatz her. Mit ihrem Projekt „Agar Plasticity“ beweisen sie, wie künftig umweltfreundliche Verpackungen hergestellt werden könnten. Dafür wurden sie im April auf der Mailänder Designmesse Salone del Mobile mit dem Lexus Design Award ausgezeichnet.

Agar beim Lexus Design Award 2016

Toyota Motor Corporation/Lexus Design Award 2016

Agar ist ebenso elastisch und zum Verpacken zerbrechlicher Gegenstände geeignet wie Knallfolie

Genau genommen wird das aus bestimmten Algenarten gewonnene Agar für die Produktion verwendet. Agar (aus dem Indonesischen/Malaiischen) - auch Agar-Agar, Agartang, Japanischer Fischleim, Kanten (japanisch) sowie Chinesische oder Japanische Gelatine genannt - ist ein Galactose-Polymer, das aus den Zellwänden vor allem von Rotalgen hergestellt wird.

Vielfältiges Geliermittel

Agar wird in der EU als Lebensmittelzusatzstoff der Nummer E 406 geführt und dient als Verdickungsmittel etwa in Suppen, für Süßwaren und Eiscreme. Vor allem in der veganen Küche erfreut sich der pflanzliche Gelatineersatz steigender Beliebtheit. In Teilen Asiens ist Agar seit Langem fester Bestandteil der Küche. Der Legende nach machte ein japanischer Gastwirt im 17. Jahrhundert zufällig die Entdeckung, als vor der Tür weggeschüttete Seetangsuppe über Nacht gerann.

Sieger des Lexus Design Award 2016

Toyota Motor Corporation/Lexus Design Award 2016

Kosuke Araki, Noriaki Maetani, Akira Muraoka und der Mentor des Designteams, der britische Produktdesigner Max Lamb, bei der Preisverleihung

Tatsächlich wird in Japan und China seit dem 17. Jahrhundert mit Agar gekocht, in Südostasien wird es vor allem zur Zubereitung von Süßspeisen eingesetzt. Die in Europa gängige Gelatine ist dort gänzlich unbekannt.

Preis für „Anticipation“

Der japanische Luxusautohersteller Lexus vergab den Lexus Design Award heuer zum vierten Mal. Er stand unter dem Motto „Anticipation“ (Antizipation).

Eine Frage des Aggregatzustands

„In getrocknetem Zustand zeigt Agar eine zarte, durchlässige Struktur. Es ist trotz seines Volumens sehr leicht“, beschreiben AMAM das beliebte Geliermittel, das in Japan in allen Supermärkten zu bekommen ist. Das Kollektiv hatte sich erst vor einem Jahr formiert. Die vorteilhaften Eigenschaften stachen den drei jungen Designern ins Auge. In der Regel wird Agar in heißem Wasser geschmolzen und dann den Speisen beigefügt. Im Prinzip gingen die Produktdesigner nicht viel anders vor, sagen sie.

Der endgültige Aggregatzustand von Agar hängt vor allem davon ab, wie stark das Extrakt dehydriert wird und welche Algenart verwendet wurde. Für eine weiche, polsternde Struktur muss Agar gefroren werden, starr wird die Substanz, wenn sie zusammengedrückt wird. Weil das Material auch formbar ist, wie die Produktdesigner herausfanden, wirkt es nicht nur dämpfend, sondern eignet sich auch besonders gut als Verpackungsmaterial vor allem für heikle Fracht.

„Mutiges, ehrgeiziges Experiment“

„Das ist ein mutiges und ehrgeiziges Experiment, das eines der größten Umweltverschmutzungsprobleme unserer Zeit im Auge hat“, sagte Alice Rawsthorn von der Lexus-Design-Award-Jury anlässlich der Preiseverleihung.

Luftpolsterfolie

Reuters/Toru Hanai

Das Auspacken von Päckchen in Luftpolsterfolie hat den für viele erfreulichen Nebeneffekt, dass man die kleinen Blasen knallen lassen kann

Der Lackmustest für das neue Verpackungsmaterial sei erfolgreich verlaufen, schilderten die Produktdesigner dem Onlinemagazin Quartz: Ein zerbrechlicher Flacon wurde von Japan nach Italien verschifft - und kam heil an. „Smarte Ideen sind weitaus wichtiger als smarte Technologie“, kommentierte der dem Team beigestellte Mentor, der britische Produktdesigner Max Lamb, das Siegerprojekt.

Für Nachschub selbst bei stark steigender Nachfrage wäre laut AMAM gesorgt. „Agar wird vor allem aus zwei speziellen Rotalgensorten gewonnen“, erklärte Kosuke Araki gegenüber dem Onlinemagazin Good. Jene, aus der vorwiegend das gängige Agar-Pulver gewonnen wird, kann auch in Aquakultur gezüchtet werden - praktisch überall. Derzeit gibt es Rotalgenaquakulturen in Asien, Chile und Ägypten. Nun hoffen die Produktentwickler auf einen Partner, der die Algenverpackung auf den Markt bringt.

Doris Manola, ORF.at

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