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Bewaffnet statt „unglückselig“

Der US-Waffenverband National Rifle Association (NRA) hat eine Kampagne für den Nachwuchs gestartet: klassische Märchen, umgetextet von einer Kinderbuchautorin, mit bewaffneten anstatt „unglückseligen“ wehrlosen Figuren. Rotkäppchen, die Großmutter, Hänsel und Gretel schießen sprichwörtlich scharf.

Von „Rotkäppchen“ und „Hänsel und Gretel“ hat die NRA Mitte des Monats Neufassungen veröffentlicht. Wie wären die wohl ausgegangen, fragt der Herausgeber auf der Website des Verbandes einleitend, wenn die Protagonisten im „sicheren Umgang mit Schusswaffen“ geschult gewesen wären?

In der Fassung der Waffenlobby macht sich Rotkäppchen durch den Wald in Richtung seiner kranken Großmutter auf, es hat aber nicht nur einen Korb dabei, sondern auch ein Gewehr. Das habe es zum Geburtstag bekommen, erfährt man.

Wie man dem Bösen Wolf das Grinsen austreibt

Dann kommt der Wolf in Spiel. Sein „wölfisches Grinsen“ vergeht ihm abrupt, als er die Waffe auf der Schulter des Mädchens sieht. Als sie es schließlich durchlädt, tritt er die Flucht an. Szenenwechsel in Großmutters Haus: Dort versucht der Wolf sein Glück erneut - und wieder vergeblich. Nach den bekannten drei Fragen nach den großen Augen, Ohren und Zähnen hören Zweitere „das unmissverständliche Klicken der Sicherung“. Soweit die Illustration zu erkennen gibt, blickt der Wolf in eine Vorderschaftrepetierflinte. „Ach, wie er es hasste, wenn Familien lernten, sich selbst zu schützen.“

Screenshot von Hänsel und Gretel der NRA

Screenshot www.nrafamily.org

Großmutter: Nicht nur die Lockenwickler sind neu, auch die Pumpgun

Bibel und Pumpgun

Die beiden Märchen enden unblutig. Verfasst hat sie die konservative Kinderbuchautorin und Bloggerin Amelia Hamilton, die nicht nur auf „Gott, Familie und Vaterland“ (laut ihrem Profil auf dem Kurznachrichtendienst Twitter), sondern offenbar auch auf Waffen schwört. Die Originalfassungen der Erzählungen seien „sehr gewalttätig“, sagte sie in einem Interview der NRA-Sendung „Cam & Co“ unlängst. „Würde man Kindern mehr über Sicherheit beibringen, ließen sich die darin geschilderten Situationen vermeiden.“

Kritiker der Waffenlobby sehen es anders. Dan Gross, Präsident der Brady Campaign to Prevent Gun Violence, erklärte: „Märchen machen natürlich viel mehr Spaß als die harte Wahrheit, dass in Amerika jeden Tag beinahe 50 Kinder und Jugendliche durch Schusswaffen verletzt oder getötet werden.“

Vierjähriger schießt Mutter in den Rücken

Der de facto einfache Zugang zu Waffen führt in den USA immer wieder dazu, dass selbst Kleinkinder sich selbst oder andere Menschen damit verletzen oder töten. Vor nicht einmal drei Wochen hatte ein Vierjähriger im Bundesstaat Florida seiner Mutter bei einer Autofahrt in den Rücken geschossen. Er hatte mit einer Faustfeuerwaffe vom Kaliber .45 auf dem Rücksitz hantiert, die seine Mutter offenbar dort liegen gelassen hatte. Beim Opfer handelte es sich um die 31-jährige Pro-Waffen-Aktivistin Jamie Gilt.

Kurz vor dem Unfall hatte sie noch auf ihrem Profil im Sozialen Netzwerk Facebook wissen lassen, dass ihr Sohn bereits mit Schießübungen begonnen habe. Inzwischen ist ihre Seite nicht mehr öffentlich einsehbar. Hamilton, Autorin der Kinderbuchreihe „Growing Patriots“, will im Mai die dritte Märchenneuversion, diesmal für „Die drei kleinen Schweinchen“, liefern. Die dürfte ähnlich enden wie ihre Ausgabe von „Rotkäppchen“. „Und sie lebten alle sicher bis an ihr Ende (außer der Wolf, aber das ist eine andere Geschichte).“

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