Themenüberblick

Republikaner fühlen sich bedroht

Manche bezeichnen die Entwicklungen in der US-amerikanischen Gesellschaft als Wendepunkt: Mehr als die Hälfte US-amerikanischer Frauen sind unverheiratet. Mit wachsendem Bewusstsein über die nicht zuletzt auf zahlenmäßiger Überlegenheit beruhende Macht von jungen und unabhängigen Frauen werden diese auch seitens der Politik als entscheidender Faktor wahrgenommen.

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

Während sie aber von den Demokraten als Chance gesehen und entsprechend umworben werden, fühlen sich die Republikaner bedroht. Das mag zum Teil daran liegen, dass 2012 bei den letzten Präsidentschaftswahlen in den USA unverheiratete Frauen ihre Stimmen im Verhältnis zwei zu eins zugunsten von Barack Obama gegenüber seinem republikanischen Gegenspieler Mitt Romney abgaben. Junge Frauen waren damit eine der wesentlichen Wählergruppen, die den Ausschlag für die Wahl Obamas gaben.

Linkes Parteienspektrum

Denn unverheiratete Frauen machen mit 23 Prozent fast ein Viertel der (registrierten) Wählerschaft aus und tendierten meist aufgrund ihrer Lebensumstände in höherem Ausmaß zum zumindest aus US-amerikanischer Sicht linken Parteienspektrum im Vergleich zu Männern und verheirateten Frauen, so die die US-amerikanische Journalistin und Autorin Rebecca Traister. Dazu komme eine diffuse Angst aus konservativen Kreisen davor, wozu Frauen auf sich allein gestellt in der Lage wären, oftmals geäußert von selbst ernannten Experten, aber auch von Politikern.

Frauen bei einer Wahlkampfveranstaltung von Hillary Clinton

Reuters/Carlos Barria

Frauen jubeln Hillary Clinton bei einer Wahlveranstaltung zu

In ihrem aktuellen, nach einem Song von Beyonce benannten Buch „All the Single Ladies“ befasst sich Traister damit, welche Rollen Singlefrauen in der bisherigen Geschichte der USA spielten und wie ihr Einfluss gleichsam immer größer wird. Ein Umstand, so Traister in einem Interview mit dem US-Webmagazin „Salon“, der Konservative in den Vereinigten Staaten zur Weißglut bringt.

Weiße, privilegierte Frauen

In erster Linie seien Konservativen weiße, privilegierte Frauen ein Dorn im Auge. Wirtschaftlich selbstständig würden sie den männlichen Griff nach einer wie auch immer gearteten Macht bedrohen. Außerhalb einer Ehe unabhängige Frauen stellen so die Art und Weise infrage, wie Macht zu funktionieren hat. Das mache Republikanern Angst und führt zu Reaktionen, die allerdings nicht den so verhassten erfolgreichen, sondern den sozial benachteiligten Frauen schadet.

Im Bundesstaat Wisconsin etwa verabschiedeten die Republikaner ein Gesetz, wonach das Aufziehen von Kindern als Single einem Missbrauch gleichkommt, wie das US-amerikanische Magazin „Time“ schon vor vier Jahren berichtete. Damit wolle man vor allem jene strafen, die sich aus freien Stücken für ein Leben als Single entschieden haben, trifft aber vor allem wenig verdienende Alleinverdienende. Theoretisch betrifft das auch Väter, in der Praxis aber fast ausschließlich Mütter.

Gehobene Ansprüche

Dabei sehen sich Republikaner und andere Konservative - nicht nur in den USA - mit der Tatsache konfrontiert, dass immer mehr Frauen weder in ökonomischer noch in sozialer oder sexueller Hinsicht auf eine Ehe angewiesen sind. Auch in Sachen Fortpflanzung sind Frauen unabhängig und müssen zu diesem Zweck nicht heiraten. Das freilich hebt die Ansprüche, was eine Ehe ausmachen soll.

Buchcover

Verlag Simon & Schuster

Rebecca Traister: All the Single Ladies: Unmarried Women and the Rise of an Independent Nation. Simon & Schuster, 352 Seiten, 25,60 Euro.

Das belegt auch vermehrtes Hinauszögern des Tages der Eheschließung, denn gerade in den USA seien Traister zufolge viele Frauen zwar tatsächlich heiratswillig, überlegten sich aber ganz genau, wem sie letztlich das Jawort geben. Das zeigt sich auch in Zahlen: Zwischen 1890 und 1990 heirateten US-amerikanische Frauen im Alter zwischen 20 und 22. Heute liege diese Zahl bei 27, so der britische „Guardian“.

53 Prozent aller Frauen unverheiratet

In Summe sind 53 Prozent aller erwachsenen US-amerikanischen Frauen unverheiratet, ein Teil Single, ein Teil zwar in Partnerschaft lebend, aber eben nicht abhängig von ihrem Partner. Traister erklärt in „All the Single Ladies“: „Eine große Anzahl der Frauen sagt: Wir sind eine veränderte Nation, und wir verlangen ein anderes Verhältnis zu unserer Regierung.“

Bereits 2010 behandelte Traister mit dem ebenfalls nach einem Popsong betitelten Buch „Big Girls Don’t Cry“ den Wahlkampf 2008, den Beitrag, den Frauen dazu leisteten und wie sich für Frauen vieles änderte. Da wird aus feministischer Sicht etwa darauf hingewiesen, dass der Umstand, dass Hillary Clinton damals als erste Frau überhaupt eine Vorwahl für sich entscheiden konnte, medial nicht in dem Ausmaß beachtet wurde, das der historische Moment eigentlich erfordert hätte.

„Gefälschter Feminismus“

Sarah Palin, 2008 republikanische Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin, wurde von Traister wiederum für ihren „gefälschten Feminismus“ kritisiert. Zwar behauptete Palin, selbst Feministin zu sein, kandidierte aber gleichzeitig für eine Partei, deren Grundwerte sich nicht in Einklang mit feministischen Idealen bringen ließen. Dennoch wurde Palin von Republikanerinnen gefeiert - laut Traister Ursprung eines Feminismus, der politische Selbstermächtigung forciert, andere Werte wie etwa reproduktive Gesundheit jedoch links liegen lässt.

Jetzt ist Clinton wie schon 2008 erneut im Vorwahlkampf, und heuer sieht es so aus, als würde sie die erste Hürde schaffen und damit Geschichte schreiben: als erste Präsidentschaftskandidatin der USA. Die Unterstützung vieler Singlefrauen wäre Traister zufolge wahrscheinlich.

Mehr Begeisterung für Sanders

Allerdings ist unter jungen Frauen derzeit die Begeisterung für Clintons Vorwahlgegner Bernie Sanders größer. Das Netzwerk der Tausenden Freiwilligen des linken Demokraten, mit dem er das Rennen unerwartet offen halten kann, wird zu einem, Gutteil von jungen Frauen getragen. Sanders’ Visionen seien attraktiver als die eher traditionelle und institutionenfixierte Realpolitik von Clinton. Wer auch immer von den beiden das Rennen macht, bei den unabhängigen Frauen haben sie gegenüber den Republikanern die Nase klar vorne.

Traister selbst verbrachte im Übrigen nach ihrem Uniabschluss „14 unabhängige“ Jahre, ehe sie vor fünf Jahren im Alter von 35 heiratete. Heute ist sie zweifache Mutter - ihre Zeit als Singlefrau habe ihr geholfen, die Qualität von Beziehungen zu schätzen, politisch und zwischenmenschlich.

Links: