Jede kämpft für sich allein
Juli Zeh hat in ihrem neuen Roman alles in die Waagschale geworfen. Zehn Jahre ihres Lebens, ihren moralischen Wertekatalog, die Geschichte Deutschlands und ihre eigene. Herausgekommen ist ein bitterböses, aber nicht humorloses Gesellschaftspanorama als biedermeierliches Horrorkabinett im 21. Jahrhundert.
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Es gibt Autorinnen, von denen man später sagt, sie seien das „Gewissen einer Nation“ gewesen. Zeh ist zwar erst 41 Jahre alt, aber man muss keine Hellseherin sein, um ihr dieses Attribut vorherzusagen. Gemeinsam mit Ilija Trojanow führte sie vor einigen Jahren eine Initiative gegen die NSA-Überwachung europäischer Bürgerinnen an. Sowohl in den meisten ihrer Romane und Theaterstücke als auch in ihren zahlreichen Feuilleton-Artikeln lotet sie die Grenzen moralischen Handelns aus - in der Politik und im Alltag.

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Juli Zeh: die Autorin, Feuilletonistin und Aktivistin mit dem Röntgenblick
Ein gewisser Hang zur Verallgemeinerung kann dabei nicht übersehen werden, in der Wissenschaft würde man sagen, Zeh geht in ihren Artikeln induktiv vor - sie leitet aus Einzelfällen und Beobachtungen allgemeine Theorien ab. In ihrem neuen Buch, „Unterleuten“, ist sie den Weg in die Gegenrichtung gegangen, also jenen der Deduktion. Aus all ihren bisherigen Theorien leitet sie Einzelschicksale ab, die sich wie ein Mosaik zum Generationen- und Befindlichkeitsroman der ganzen deutschen Gesellschaft im 21. Jahrhundert zusammenfügen sollen. Sprich: Jede Figur steht für ein Prinzip, für eine typische Biografie.
Stadtflüchtlinge im ehemaligen Osten
Zehn Jahre hat sie an dem Buch gearbeitet, 640 Seiten sind es geworden. Zeh wollte schon immer so einen Gesellschaftsroman schreiben, im Stil von US-Autorinnen wie Jonathan Franzen, für sie ist das die hohe Kunst des Schreibens. Der Rahmen, den Zeh wählt, kommt nicht von ungefähr, wie in diversen Interviews deutscher Medien zu lesen ist. Zeh lebte mit ihrem Mann in Leipzig. Die beiden wollten nach Berlin übersiedeln, bei der Immobiliensuche kam ihnen jedoch zufällig die Anzeige eines lieblichen Hauses auf dem Land unter - dann eben Landleben.
In „Unterleuten“ geht es um eine fiktive gleichnamige Ortschaft in der Nähe von Berlin. Man befindet sich also im Gebiet der ehemaligen DDR - und ehemalige kommunistische Funktionärinnen, von der Hardlinerin bis zur Opportunistin, leben dort mit ihrem Nachwuchs. Manche konnten den Fall der Mauer nutzen, um ihren Status wenigstens halbwegs zu konsolidieren, andere kamen unter die Räder. Die Beziehungsmuster im Ort scheinen seit Jahrzehnten festgefahren und unveränderlich. Scheinen, denn es kommt Bewegung in die verkrusteten Strukturen - und dabei ächzt es gewaltig im Gebälk.
In der falschen Welt
Folgende Faktoren sind dafür verantwortlich: Zwei Pärchen aus Berlin ziehen nach Unterleuten, und am Ortsrand soll eine Windkraftanlage gebaut werden - was die Ortschaft entzweit. So wie die alteingesessenen Akteurinnen haben auch die Berlinerinnen ihre Funktion in der Geschichte und in Zehs ideengeschichtlichem Universum. Gerhard ist ein verbitterter Uniprofessor, der mit seiner viel jüngeren Freundin Jule und einem neugeborenen Baby ein altes Haus bewohnt und als Vogelschützer arbeitet. Die beiden haben die Postmoderne verschlafen, scheint der Subtext, passen in diese Welt nicht und sind aus purer Naivität aufs Land gezogen. Denn auch hier ist nichts per se grundsätzlich besser als in der Stadt.
Eine jüngere Generation an Stadtflüchtigen, an „Ein-bisschen-Aussteigern“, repräsentieren Linda und Frederik. Gerhard, der Uniprofessor, sagt etwas über seine jungen Ex-Studentinnen, was auch auf die beiden passt - sie seien „Menschen, die sich bereits seit dem Kindergarten um das Design ihrer Lebensläufe sorgten“.
Der Krieg kann beginnen
Meiler wiederum ist ein Kapitalist, der, ohne besonderen Grund, unendlich viel Land rund um die Ortschaft gekauft hat und nun die Windkraftanlage bauen lassen könnte - wenn Linda und Frederik einen Teil des Grundstücks hergeben. Aber mit den beiden gemeinsam würde es auch Gombrowski schaffen, der aus einer wohlhabenden Familie stammt und der sich als kommunistischer Verwalter eines Gutshofs auch während der DDR-Zeit halten konnte - und schließlich die „LPG“ nach der Wende in eine GesmbH umwandelte.

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So sieht es aus, das ländliche Idyll in der Nähe von Berlin
Nun beginnt das eigentliche Gezerre, bei dem alle entlarvt werden. Zeh mag ihre Charaktere offenbar nicht, keine einzige Figur bekommt sonderlich viele Sympathiepunkte ab. Für die Leserin geht es nicht darum, sich mit einer von ihnen identifizieren zu können, sondern aus der Vogelperspektive das Hauen und Stechen zu beobachten, mitzuverfolgen, wie sich der Selbstbetrug der Städterinnen decouvriert, wie die Wunden der DDR-Vergangenheit aufbrechen und wie das Vertrauen auch im Kleinen erodiert, zwischen Eltern und Kindern, Nachbarinnen, Männern und Frauen.
„Der faule Kern der Demokratie“
Wirtschaft, Politik, Geschichte, alles kann man in so einem Setting abhandeln. Und als Überlebensstrategien wird nichts gelten gelassen. Gerhards Frau Jule, die sich ganz auf ihr Kind konzentriert und mit ihrer kleinen Welt zufrieden sein will: „Das Dorf war ein Lebensraum, den sie verstand. Die Unterleutner lasen keine Zeitungen, sahen wenig fern, benutzten das Internet nicht.“
Linda, die smarte, junge Frau, die so gerne ein Pferdegestüt samt Seminarhotel betreiben würde und stets einen Ratgeberautor und Motivationstrainer als Welterklärer für sich selbst zitiert: „Wie Manfred Gortz sagte: Alles ist Wille. Das Machtgefüge in Unterleuten war eine Maschine, und Linda musste nicht mehr tun, als die Mechanismen zu erlernen. Sie hatte bereits ein paar Knöpfe und Schalter ausprobiert und begonnen, die ersten Interessenhebel zu bedienen.“ Und: „Dass sich der Starke vor den Schwachen rechtfertigen soll, sagte Manfred Gortz, ist der faule Kern der demokratischen Idee.“
Job, Freundin, Auto, Haus, Bäume
Oder Lindas Mann Frederik, der einfach nicht erwachsen werden will, ein App-Spieleentwickler, der zwischen Berlin und Unterleuten pendelt: „Er war 27 Jahre alt, besaß Job, Freundin, Auto, mittlerweile sogar ein Haus und eine ganze Reihe Bäume, wenn auch nicht selbst gepflanzt. (...) ‚Mann‘ war ein Wort, das an Frederik schlecht haften blieb. Wenn Timo, Ronny und er von sich selbst sprachen, benutzten sie ‚Männer‘ höchstens im ironischen Sinn. Richtig lautete die Form in der Einzahl ‚Typ‘, in der Mehrzahl ‚Jungs‘. Auch wenn sie Firmen, Häuser oder Bäume besaßen.“
Meiler, der Großkapitalist, über Linda und Frederik: „Die beiden gehörten zu einer fremden Spezies. Nichts an ihnen war unsicher, zurückhaltend, zweiflerisch oder bescheiden. (...) Sie waren selbstständig, selbstsicher, selbstsüchtig, wandelnde Selfies, zwei dauerbewegte Selbstporträts. Wenn sich Meiler die neue Generation vorstellte, sah er eine Armee von jungen Leuten mit ausgestrecktem rechtem Arm, nicht zum Führergruß, sondern um das eigene Gesicht mit dem Smartphone aufzunehmen.“
Das unvermeidbare Schicksal
Und natürlich Kron, der alte Kommunist, der die Weltverschwörung gemeinsam mit ein paar versoffenen Kumpaninnen aufhalten will. Und die Weltverschwörung ist praktisch alles, was nach 1991 kam: „Zugezogene begriffen nicht, dass der Weltuntergang hier bereits stattgefunden hatte. Mehrmals. Durch die Bomben des Zweiten Weltkriegs, die bei schlechtem Wetter wahllos über dem Berliner Umland abgeworfen wurden. Durch Rot-Armisten während des Vormarschs auf die Hauptstadt. Durch die Ankunft der Vertriebenen aus Ostpreußen, die sich auf Scheunen, Ställe und halb zerstörte Häuser verteilten. Durch die Errichtung der Mauer und durch das Einreißen der Mauer. Die Überlebenden sprachen eine eigene Sprache und folgten einer eigenen Moral. Kron hatte das immer gut und richtig gefunden, schlicht aus dem Grund, dass er es für unvermeidbar hielt.“
Was am Anfang noch nach einem Krieg von Natur- und Heimatschützerinnen gegen Kapitalistinnen aussieht, wird zusehends zum Kampf von lauter Einzelegos, die Prinzipien für Profit aufgeben - und gerne auch umgekehrt, je nach Ausgangslage und je nachdem, was in Reichweite zu sein scheint. Vieles von dem, was Zeh schreibt, ist gemein, witzig und trifft. Es trifft in dem Sinn, dass frau sich selbst bei ähnlichen Gedanken ertappt oder Menschen aus dem eigenen Bekanntenkreis wiedererkennt.

Luchterhand Literaturverlag
Juli Zeh: Unterleuten. Luchterhand, 640 Seiten, 25,70 Euro. Auch als Hörbuch im Hörverlag um 28,99 Euro, gelesen von Helene Grass.
Von morgens bis abends recht haben
Die Art und Weise, mit der Zeh ihre großen Themen auf die kleinen Unterleutnerinnen herunterbricht, wirkt dennoch streckenweise etwas holzschnittartig. Auch sprachlich birgt das Buch keine großen Überraschungen oder Herausforderungen. Wo Katzen als „Stubentiger“ bezeichnet werden, droht die Einfachheit - nichts Kompliziertes soll den großen Thesen im Weg stehen - ins Abgeschmackte zu kippen.
Zehs Buch ist unterhaltsam, entlarvend und über weite Strecken spannend zu lesen. Ob ihr „Opus Magnum“ aber der ganz große Wurf geworden ist, darüber lässt sich trefflich streiten. Es ist mehr Gebrauchsliteratur für politisch Bewusste als ein politisches Buch für Literaturverliebte. Aber Zeh nimmt jeder Kritik den Wind aus den Segeln, wenn sie eine Figur etwas sagen lässt, was durchaus nicht nur für Unterleuten gilt, eine letzte, allumfassende Induktion: „Wenn ich in Unterleuten eins gelernt habe, dann dass jeder Mensch ein eigenes Universum bewohnt, in dem er von morgens bis abends recht hat.“
Simon Hadler, ORF.at
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