Ein Dorf zwischen zwei Fronten
Tatjanas Mann starb am 10. November 2014. Vor seinem Tod war monatelang jede Nacht Gefechtslärm zu hören, Raketen erleuchteten den Himmel, das Einschlagen von Granaten in nächster Nähe ließ das Haus des Ehepaares im Dorf Hnutowe im Osten der Ukraine erbeben.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
Am Tag, bevor Tatjanas Mann starb, schlug eine Granate an seinem Arbeitsplatz, einem Bauernhof im Nachbarort, ein. Er sei zu Boden gestürzt, erzählt Tatjana, den Splittern nur knapp entkommen und nach Hause gegangen. Er trank Alkohol, um sich zu beruhigen und ging schlafen. „Am nächsten Tag zu Mittag starb er. Herzinfarkt.“
Gefechtslärm an fast jedem Tag
Seit einem Jahr gilt in der Ostukraine ein Waffenstillstand. Im weißrussischen Minsk hatten sich die Konfliktparteien am 12. Februar 2015 auf einen Friedensplan geeinigt. In der Realität trat die Waffenruhe nie in Kraft. „Es ist etwas ruhiger geworden als zu der Zeit, als mein Mann starb“, erzählt Tatjana. „Das war die schlimmste Zeit. Am Himmel leuchteten ständig Geschosse, und für einige Sekunden wussten wir nicht, wo sie herunterkommen.“ Gefechtslärm hört sie aber immer noch fast jeden Tag.

Grafik: APA/ORF.at; Quelle: APA/dpa/NY Times
Die Stellungen der prorussischen Separatisten, die im ukrainischen Donbass-Gebiet die „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk ausgerufen haben, liegen nur zwei Kilometer von Tatjanas Haus entfernt. „Und dort drüben“, sagt Tatjana und zeigt auf einen Hang, „dort sind die ukrainischen Soldaten.“ Hnutowe liegt genau in der Mitte. „Wenn sie kämpfen, versuchen sie über uns hinwegzuschießen - nur gelingt das nicht immer.“ Während Tatjana spricht, sind immer wieder dumpfe Einschläge zu hören, der Boden vibriert leicht.
Neben Tatjanas Haus liegen die Trümmer einer eingestürzten Mauer. Bis zum Tod ihres Mannes hatte das Ehepaar an einem Stall gebaut. Als am 24. Jänner 2015 eine Granate darin einschlug, suchte Tatjana Zuflucht im Keller des Hauses. Am selben Tag schlugen in der nahen Großstadt Mariupol Raketen in einem Wohngebiet ein - 30 Zivilisten wurden getötet. Erst am Tag darauf wagte sich Tatjana nach draußen. Der halbfertige Stall war zerstört, die Hühner und Gänse allesamt tot. Bis die ersten Helfer nach Hnutowe kamen, vergingen zwei Wochen, in denen Tatjana alleine und ohne Elektrizität ausharrte. Niemand in Hnutowe traute sich aus seinem Haus.

ORF.at/Romana Beer
Seit dem Tod ihres Mannes lebt Tatjana alleine in ihrem Haus in Hnutowe
Der Zugang für humanitäre Helfer in die Pufferzone zwischen ukrainischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten ist aufgrund der anhaltenden Kämpfe nur beschränkt möglich. Die Gegend ist zudem vermint. In dem Gebiet, das nicht von der ukrainischen Regierung kontrolliert ist, ist Hilfe noch schwieriger. Durch ein Gesetz der Regierung vom Juni 2015 werden Lieferungen von Nahrungsmitteln und Medikamenten in die selbst ernannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk blockiert.
Apothekennetzwerk entlang der Kontaktlinie
Unterstützung erhalten die Menschen in der Pufferzone fast ausschließlich von Hilfsorganisationen. Die Caritas Ukraine etwa liefert in Zusammenarbeit mit der Caritas Österreich Essenspakete und Heizmaterial. Durch Beschuss und Druckwellen zerstörtes Fensterglas wird erneuert. In der Stadt Marinka, zwei Kilometer westlich von Donezk, wurde eine durch Beschuss zerstörte Schule renoviert und mit einem Schutzkeller, Feldbetten und einer Feldküche für Zivilisten ausgestattet.

ORF.at/Romana Beer
Rostyslav Spryniuk, Chef der Caritas Mariupol, mit einem der Gutscheine, wie sie die Menschen in der Pufferzone erhalten
Entlang der Kontaktlinie, der Grenze zum Separatistengebiet, wurde ein Netzwerk von Apotheken aufgebaut, in denen die Bewohner der Pufferzone Gutscheine der Caritas gegen Medikament eintauschen können. Zudem kommen regelmäßig Psychologen in die Ortschaften. Viele der Menschen, die seit nahezu zwei Jahren mitten im Krieg leben, sind tief traumatisiert. „Offiziell gibt es Unterstützung vom Staat, praktisch nicht“, sagt Rostyslav Spryniuk, Chef der Caritas Mariupol, „die Menschen werden mit ihren Problemen alleine gelassen.“
Schulen, Kindergärten, Geschäfte geschlossen
„Bis vor zwei Jahren war das hier ein schöner Ort“, erzählt eine Einwohnerin von Hnutowe, „wir haben Obst und Gemüse angebaut, das wurde bis nach Mariupol verkauft. Dann kam der Krieg. Viele sind geflüchtet. Die, die geblieben sind, haben nichts mehr. Häuser wurden zerstört, Menschen in ihren Häusern von Granatensplittern getötet. Wir wurden von der Gasversorgung abgetrennt, und Kohle ist viel zu teuer.“

ORF.at/Romana Beer
Der Kindergarten von Hnutowe wurde geschlossen, die fünfjährige Angelina besucht nun den Kindergarten im Nachbarort - sofern es die Sicherheitslage erlaubt
Viele Ärzte verließen das Gebiet, medizinische Einrichtungen in der Gegend wurden zerstört. Auch die meisten Schulen und Kindergärten sind geschlossen. Die wenigen Geschäfte, die noch öffnen, verkaufen nur das Allernötigste. Arbeitsplätze gibt es kaum noch. 700 Menschen lebten in Hnutowe vor dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs im Frühling 2014. Seitdem reduzierte sich die Bevölkerung - wie auch in den anderen Orten in der Pufferzone - um etwa 40 Prozent.
Hauseigentum als soziale Absicherung
Großteils sind es alte Menschen, die noch in Hnutowe leben, aber auch Familien mit kleinen Kindern. Einige hatten die Gegend während der schweren Kämpfe im Jahr 2014 verlassen und sind mittlerweile zurückgekehrt. Den Menschen in der Ukraine gehören die Wohnungen und Häuser, in denen sie leben, normalerweise, und dieses Eigentum von Wohnraum ist meist die einzige Form von sozialer Absicherung. Viele bleiben deshalb oder kehren zurück - auch wenn das für sie unmittelbare Lebensgefahr bedeutet.
Auch Raissa ist in Hnutowe geblieben. „Ich weiß nicht, wohin ich gehen soll“, sagt die Witwe. Verwandte in Mariupol und Dnipropetrowsk hätten sie zwar eingeladen, aber sie möchte „niemandem zur Last fallen“. Die 58-Jährige lebt alleine, seitdem ihr Mann vor vier Jahren starb. Den Hilfsorganisationen ist sie dankbar, aber auch den Nachbarn, die kommen und Essen bringen.
„Wir gingen durch die Hölle“
„Wir sitzen hier in unseren Häusern und warten auf Frieden“, sagt Raissa. Krieg kannte sie bis vor zwei Jahren nur aus Erzählungen der Eltern und aus Filmen. „Und plötzlich, zwei Jahre nach meiner Pensionierung, war hier Krieg.“ Letztes Jahr seien die Menschen in Hnutowe durch die Hölle gegangen: „Die Kämpfe waren mitten im Ort. Wir suchten Schutz in einem Tunnel, viele Kinder waren dabei. Bald erkannten wir die unterschiedlichen Waffen und Geschosse am Geräusch.“

ORF.at/Romana Beer
„Der Krieg bringt nur Tod und Zerstörung. Die Soldaten sollten wieder nach Hause zu ihren Familien gehen“, sagt Raissa.
Eltern könnten ihre Kinder nicht mehr aus dem Haus lassen, sagt Raissa: „Es soll einfach alles wieder werden, wie es war.“ Raissa war 40 Jahre lang Schaffnerin bei der Bahn, ihr Beruf führte sie in viele Städte der ehemaligen Sowjetunion: Kiew, St. Petersburg, Moskau - Raissa gerät ins Schwärmen. Ihre beste Freundin aus der Kindheit lebt in St. Petersburg. Gegen „die Russen“ hat Raissa nichts. „Ich habe gegen niemanden etwas, solange er sich wie ein Mensch benimmt“ - aber sie sei Ukrainerin und fühle sich als Ukrainerin. Die Krim und die besetzten Gebiete um Donezk und Luhansk gehörten zur Ukraine, sagt Raissa, „sie müssen zurückgegeben werden.“
Hinweis
Die Reise wurde zum Teil von Sponsoren der Caritas finanziert.
Während Raissa in ihrem Haus in Hnutowe darauf wartet, dass alles wieder so wird, wie es war, ist die Regierung in Kiew in die größte innenpolitische Krise seit dem Machtwechsel vor zwei Jahren geschlittert. Die proeuropäische Koalition, die aus den Maidan-Protesten in Kiew im Februar 2014 hervorging, verlor ihre Mehrheit im Parlament. Eine politische Lösung des Krieges im Osten der Ukraine liegt in weiter Ferne. Bei den Kämpfen zwischen ukrainischen Regierungstruppen und prorussischen Separatisten kamen seit April 2014 mehr als 9.000 Menschen ums Leben, darunter zahlreiche Zivilisten. 1,4 Millionen Menschen mussten aus den umkämpften Gebieten flüchten.
Romana Beer, ORF.at, aus Mariupol
Links: