Themenüberblick

Eine Mutter über ihren verlorenen Sohn

Im Juni 2013 ist der älteste Sohn von Fatima von einem Tag auf den anderen verschwunden. Er schloss sich in Syrien der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an. „Seit mehr als zwei Jahren weine ich jeden Tag. Ich bete, dass mein Sohn niemandem etwas antut“, sagt die Mutter aus Antwerpen gegenüber ORF.at. „Meine Freunde sagen: Sei realistisch!“

Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.

„An seinem 18. Geburtstag ist mein Sohn zu mir gekommen, er lebt bei seinem Vater, hat bei seinem Vater gelebt“, erzählt Fatima, der während des Gesprächs immer wieder die Tränen kommen. „Er hat mich umarmt. Dann hat er gesagt: ‚Nächstes Wochenende werde ich dich nicht besuchen, ich muss so viel für meine Prüfungen lernen.‘ Das habe ich natürlich verstanden, ich war ja auch stolz auf ihn.“

Tags darauf habe sich ihr Ex-Mann gemeldet: Der Sohn sei nicht nach Hause gekommen, habe aber gesagt, er würde bei der Mutter auf seine jüngeren Geschwister aufpassen. „Wir haben gedacht, er lügt uns an. Aber er war ja 18 Jahre alt und ist auch gerne fortgegangen, er war in Bars. Wir konnten ihm das ja auch nicht verbieten, er war erwachsen.“

„Hätte ihn eigenhändig ins Gefängnis gesteckt“

Das nächste Lebenszeichen, das Fatima und ihre Familie von dem abgängigen Sohn erhielten, war ein Brief aus Syrien. „Der Moment, in dem ich verstanden habe, was passiert ist, war wie ein Begräbnis für mich. Mein Sohn ist tot. Ich werde ihn nie wiedersehen.“ Sie sei zur Polizei gegangen und sei seitdem immer in Kontakt mit den Behörden. „Hätte ich gewusst, dass er nach Syrien geht, ich hätte ihn eigenhändig ins Gefängnis gesteckt.“

Eine Woche nach seinem Verschwinden habe sich ihr Sohn telefonisch gemeldet. „Ich habe ihn angeschrien und gefragt: ‚Was hast du mir angetan?‘ Seine Antwort war: ’Mama, ich tue das für dich. Wenn ich für Allah sterbe, dann wirst du durch mich in den Himmel kommen.“

Die Familie wird seitdem von Sozialarbeitern betreut. „Alle sagen mir: Wenn er sich meldet, musst du ruhig bleiben, sonst hörst du nichts mehr von ihm“, sagt Fatima resigniert. „Mein Leben ist die Hölle, immer wieder höre ich in den Medien oder auf Facebook, mein Sohn ist tot, aber dann meldet er sich wieder. Er wurde schon dreimal verwundet, das letzte Mal schwer.“

Bis heute keine Antworten

Für Fatima, die selbst als Vierjährige mit ihren Eltern aus Marokko nach Belgien kam, ist eine Welt zusammengebrochen. Sie selbst sieht sich als Belgierin, ist gut integriert, sie spricht akzentfrei Flämisch und Französisch und kann sich gut auf Englisch verständigen. Sie trägt Make-up und moderne Kleidung. Dass sich ihr erstgeborener Sohn den radikalen Islamisten angeschlossen hat, ist für sie bis heute ein völliges Rätsel. Niemals habe sie auch nur den leisesten Verdacht gehabt, nie habe er mit ihr über seine Pläne gesprochen. Auch in den seltenen Fällen, in denen er sich meldet, spreche er nicht über das, was ihn dazu gebracht hat, oder darüber, was er in Syrien macht.

„Was ich über ihn weiß, weiß ich aus den Medien“

„Was ich über ihn weiß, das weiß ich aus den Medien“, sagt Fatima. „Wenn er sich meldet, dann sagt er, alles ist in Ordnung, dass es ihm gutgeht. Er fragt dann, wie es uns geht, wie es seinen kleinen Geschwistern geht.“ Wo er sich aufhält, dürfe er wahrscheinlich nicht sagen, vermutet Fatima. Seit zwei Monaten hat sie nichts mehr von ihrem Sohn gehört. Ob er noch lebt, weiß sie nicht.

Sophia Felbermair, ORF.at