Jugend ohne Ansprechpartner
„Jeder Muslim in Vilvoorde kennt jemanden, aus dessen Familie jemand in den Krieg gezogen ist,“ sagt Moad El Boudaati. Der 26-jährige ist heute als Sozialarbeiter tätig, als Jugendlicher erlebte er die Anwerbearbeit der islamistischen Organisation Sharia4Belgium hautnah mit. Viele Bekannte seien radikalisiert worden - sein bester Freund sei nach Syrien gezogen, erzählt er im Gespräch mit ORF.at.
Dieser Artikel ist älter als ein Jahr.
„Ich war ungefähr 19 Jahre alt, als das losging,“ so Politikwissenschaftler El Boudaati. „Wir waren damals, wie wahrscheinlich alle Jugendlichen in einer Identitätskrise. Auf der Suche danach, wer wir sind und was unsere Religion damit zu tun hat. Was bedeutet es, ein Muslim zu sein?“ Als 2009 für ganz Flandern das Kopftuchverbot in Schulen eingeführt worden sei, habe sich der Diskurs plötzlich verändert: „Die reden von gleichen Chancen, von Gleichberechtigung. Aber wir müssen unsere Religion verleugnen, wenn wir in die Schule gehen. So wurde das bei jungen Muslimen damals wahrgenommen.“
Burkaverbot als „symbolischer Akt“ gegen den Islam
Zwei Jahre später trat in ganz Belgien ein Burkaverbot in Kraft. Für und seine Freunde sei das ein klarer Akt gegen den Islam gewesen, so El Boudaati, dessen Eltern aus Marokko nach Belgien eingewandert sind. „Wir haben uns gefragt: Wieso machen die das? Es trägt doch kaum jemand eine Burka, vielleicht zehn oder 15 Frauen waren damals hier voll verschleiert. Wenn man den unterdrückten Frauen helfen will, warum schickt man dann nicht Sozialarbeiter in die Familien und klärt, ob sie das freiwillig machen oder nicht?“
Man habe das einfach als symbolischen Akt gegen die Religion gesehen, das habe viele Jugendliche überhaupt erst dazu gebracht, über den Islam nachzudenken - in einer Zeit, in der sich die Bewegung Sharia4Belgium, eine Gruppe radikaler Muslime schon intensiv der Rekrutierung von Nachwuchs für die Terrororganisation Islamischer Staat (IS) widmete.
„Dann gab Belgien auch noch bekannt, dass mehr Soldaten zur Unterstützung des Militäreinsatzes nach Afghanistan geschickt werden,“ zählt El Boudaati weiter auf. „Viele junge Muslime hier haben sich gedacht: ‚Ich lebe hier in Belgien. Meine Brüder und Schwestern in Afghanistan werden abgeschlachtet. Wenn ich hier Steuern zahle, finanziere ich damit den Krieg gegen meine muslimische Familie‘.“
Die romantische Vorstellung vom Krieg in Syrien
Als der Bürgerkrieg in Syrien begann, habe das bei einigen jungen Muslimen eine recht romantische Vorstellung ausgelöst. „Syrien gilt als heiliges Land, und die Prophezeiung sagt, dass das Ende der Welt mit einem großen Krieg kommen wird. Man hat geglaubt, der Krieg ist jetzt da, da wollten viele dabei sein.“
Anders als etwa im nahe gelegenen Mechelen habe es in der 41.000-Einwohner-Stadt Vilvoorde damals kein Angebot für Jugendliche gegeben. „Wir haben nicht recht viel gemacht, wir haben uns auf der Straße getroffen und sind dort herumgehangen. Manchmal in den Einkaufsstraßen, manchmal in den Parks. Den ganzen Tag, den ganzen Abend und oft die ganze Nacht.“
Er selbst habe damals den Sprung auf die Universität geschafft, habe in Brüssel studieren können, erzählt El Boudaati. Anders viele seiner Freunde, die in dieser Zeit von Sharia4Belgium angeworben wurden: „Die hatten auch alle das Herz am rechten Fleck. Das sind und waren keine bösen Menschen. Und auch die, die nach Syrien gegangen sind, sind gegangen, weil sie dachten, dass sie für die gute Sache gehen.“
Die Angst des Bürgermeisters
Er selbst habe damals schon versucht, Freunde zurückzuhalten und sich auch politisch zu engagieren: „Ich bin zum damaligen Bürgermeister gegangen. Aber der hat mich ausgelacht, als ich ihm vorgeschlagen habe, ein Jugendzentrum aufzubauen.“ Er habe befürchtet, dass ein solcher Treffpunkt schnell zum Drogenumschlagplatz würde, vermutet El Boudaati. „Er hat gesagt: Wir brauchen so etwas nicht. Wir haben schon genug Probleme.“
Als es losgegangen sei, dass sich junge Menschen für die islamistischen Ideen begeistert hätten, habe es einfach niemanden gegeben, der dem widersprochen habe. Von seiner Clique habe er sich damals schon immer weiter entfernt, so El Boudaati. Sein bester Freund habe Anschluss an eine islamistische Gruppe gefunden, die sich aktiv auf die Ausreise nach Syrien vorbereitete. „Das wusste ich damals noch nicht. Ich habe nur gemerkt, dass er zunehmend radikalere Ideen gut fand und die auch weiterverbreitete.“
Es habe noch ein paar theologische Diskussionen zwischen ihnen gegeben - „ich habe ihn herausgefordert und seine Theorien widerlegt, er hat mir auch recht gegeben. Aber ab diesem Moment hat er, wenn er außerhalb der Moschee gepredigt hat, immer geschaut, dass ich nicht in der Nähe bin. Er hatte Angst, dass ich ihm widerspreche und seine Street Credibility darunter leidet.“
Keine Antworten in der Moschee
Straßenprediger wie sein bester Freund hätten damals einen enormen Zulauf gehabt, beschreibt El Boudaati. Daran seien auch die Moscheen mit schuld gewesen. „Viele Jugendliche wollten Antworten, sie haben vom Heiligen Krieg gehört, vom Dschihad. Aber in der Moschee hat man immer abgeblockt: ’Das ist zu gefährlich. Was redet ihr da, davon wollen wir nichts wissen. Die Geheimdienste überwachen uns, wenn wir über den Dschihad sprechen, dann sperren sie die Moschee zu.“
Für El Boudaati ist das Versagen der Moscheen bei der Radikalisierungsprävention rein auf die Angst vor den Behörden zurückzuführen. „Man wollte einfach gar nichts damit zu tun haben. Statt jungen Menschen den richtigen Islam zu lehren, hat man sie einfach ignoriert, sobald sie mit Fragen gekommen sind.“ Sein Freund habe Moscheeverbot bekommen, habe aber einfach außerhalb gepredigt und schließlich eine Gruppe von Dschihadisten angeführt.
Gehirnwäsche im Internet
„Was macht man, wenn man keinen Anschluss findet? Man sucht ihn sich im Internet.“ Sharia4Belgium habe darauf gesetzt und auch im Internet gegen die Moscheen gehetzt, so El Boudaati. „Die Betrüger und Verräter sind schlimmer als die Ungläubigen,“ sei dort gepredigt worden, fast einer Gehirnwäsche gleich: „Danach haben die den Imamen in der Moschee oder ihren Freunden und Familien nichts mehr geglaubt.“
In den letzten zwei Jahren habe sich viel verändert. Die islamische Gemeinde habe ihre Fehler eingeräumt und biete jetzt verstärkt Religionskurse an, versuche, sich verstärkt um die Jugendlichen zu kümmern. Die Stadt hab ein engmaschiges Netzwerk zur Frühwarnung aufgebaut, das auch Lehrer in allen Schulen einschließe.
„Junge Frauen sind leichter zu isolieren“
Die Herausforderungen hätten sich auch geändert. „Die meisten Anführer der islamistischen Netzwerke in unserer Gegend sind im Gefängnis, in Syrien oder tot.“ Auch deshalb passiere die Rekrutierung verstärkt im Internet. Dadurch würden zunehmend junge Frauen als Anhängerinnen der Islamisten gewonnen: „Junge Frauen sind im Islam leichter zu isolieren. Sie bleiben eher zu Hause, und die wenigsten Eltern kritisieren das. Die wissen ja auch nicht, was die am Computer die ganze Zeit machen. Dass sie vielleicht nicht ihre Hausaufgaben machen, sondern mit jungen Männern in Syrien chatten oder skypen.“
Die Werbung für den IS im Netz sei höchst professionell, beschreibt El Boudaati. „Wenn ich eines der Propagandavideos sehe, dann finde ich das anziehend. Es ist so romantisch, so schöne Musik,“ beschreibt der Sozialarbeiter. „Es ist unsere Aufgabe, dass wir dem etwas entgegensetzen können, das müssen wir doch auch können. Besser können.“
Sophia Felbermair, ORF.at
Links: