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Der Traum von der Kokosnussgesellschaft

Nackte Haut und Fleischgeruch sorgen für ein gleichermaßen visuelles wie olfaktorisches Erlebnis am Wiener Schauspielhaus. Jan-Christoph Gockels Inszenierung von Christian Krachts Roman „Imperium“ lebt von mutigen Performances und Gockels Textverständnis, das in Form von szenischen Fußnoten dargereicht wird. Die umstrittene Vorlage wird dadurch immer wieder selbst in den Fokus gerückt.

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Christian Krachts Abenteuerroman „Imperium“ spaltete bei seiner Veröffentlichung im Jahr 2012 die Gemüter: Ein „Spiegel“-Journalist attestierte dem Autor eine „rassistische Weltsicht“, von der seine Geschichte „druchdrungen“ sei. Die Rezension löste einen Sturm der Entrüstung aus, unter den Kritikern des Kritikers fanden sich große Namen wie Elfriede Jelinek und Daniel Kehlmann wieder, die gar von „Denunziation“ sprachen.

Schrulliger Auswanderer als reales Vorbild

„Imperium“ basiert auf der realen Geschichte des Deutschen August Engelhardt, der sich um die Jahrhundertwende in die Kolonialgebiete im Südpazifik aufmachte, um dort seinen „Sonnenorden“ zu gründen: eine kommunistische, vegetarische Gemeinschaft, deren höchstes Gut die Kokosnuss ist, eine in seinen Augen gottgleiche Frucht. In Text und Wirklichkeit ist Engelhardts Lebensgeschichte - wenig überraschend - von Phasen großer Einsamkeit gekennzeichnet, die nur selten von schaulustigen Gästen unterbrochen wird.

Szenenbild aus dem Theaterstück "Imperium"

Matthias Heschl

Verständigungsprobleme zwischen Engelhardt (Schindegger, vorne) und den Inselbewohnern (v. l. n. r. Bauer, Link, Kratochwill)

Gockel, geboren in Hessen und am Staatstheater in Mainz ansässig, hat sich in den vergangenen Jahren bereits mehrmals mit dem Thema Kolonialismus auseinandergesetzt. Mit Krachts „Imperium“ holt er die Problematik in die Gegenwart, indem er sich vom exklusiven Blickwinkel des „weißen Mannes“ entfernt. Stattdessen dreht er augenzwinkernd die Situation um und verhandelt die Assimilation von Kultur - die Frage, wer sich an wen anpassen muss - auf der Bühne neu.

Praktizierende Nudisten

Der Anpassung bedarf es auch durch das Publikum: Spätestens dann, wenn der praktizierende Nudist Engelhardt (mutig in Szene gesetzt von Sebastian Schindegger) auf seinem Eiland ankommt, fallen auch die letzten Hüllen. Doch während die neu gewonnene Schamlosigkeit für den Auswanderer zu dessen persönlichem Freiheitsgefühl beiträgt, ist am Premierenabend die Scham im Zuschauerraum die große Hürde: Gelächter und bemühtes Wegschauen waren die verbreiteten Reaktionen - das Schamgefühl wechselte über die vierte Wand hinweg lediglich den Besitzer.

An Schindeggers Seite - eben noch Jutebeutel tragender Proto-Hippie - spielen Steffen Link (charismatisch als 13-jähriger Bursch, aber genauso als Großgrundbesitzerin in bestem Alter) und Simon Bauer (der gleich verschiedene Rollen des stereotypen Deutschen - inklusive einer Frauenrolle - übernimmt und die Charaktere dabei jedes Mal präzise trifft). Auch sie verlieren im Laufe der Handlung ihr Gewand - und sorgen in einer Szene für den unbehaglichen Kontrapunkt an diesem Abend.

Szenenbild aus dem Theaterstück "Imperium"

Matthias Heschl

Eine Vergewaltigungsszene steht im Gegensatz zur sonst überwiegend heiteren Inszenierung und bleibt auch nach dem Ende in Erinnerung

Dem stehen viele heitere Momente gegenüber, die die Stimmung aus Krachts Vorlage auf die Bühne transportieren. Die ersten Lacher gibt es, noch bevor der Saal verdunkelt wird: Das Publikum wird vom Geruch gegrillten Fleischs empfangen, der aufsteigende Rauch aus den dafür verwendeten Pfannen wird im Zuschauerraum verteilt. Das allein wäre schon schräg genug, doch Schindegger, in seiner Rolle als bekennender Vegetarier, muss den Geruch genauso erdulden - mit einem Gesichtsausdruck, der eine Entwicklung von genervt bis eisig durchmacht.

Verschwommene vierte Wand

„Imperium“ präsentiert sich in Brecht’scher Tradition, vermischt Lesung und Schauspiel und spielt konstant mit der vierten Wand, die - der Bühne des Schauspielhauses geschuldet - ohnehin eine relativ verschwommene Grenze darstellt. Egal, ob das Publikum direkt angesprochen wird oder mit der erzählten Zeit gebrochen wird (eine Ernährungsdiskussion verabsäumt es etwa nicht, den aktuellen „Paleo“-Trend auf die Schaufel zu nehmen): Die Gefahr, die Zuschauer könnten sich von dem romantisierten Inselidyll vereinnahmen lassen, besteht nie.

Was Kracht oft nur andeutet, bleibt in Gockels Inszenierung nie unerwähnt: Ist von einem „anderen Vegetarier“ im Text die Rede, wird auf der Bühne „Hitler“ ergänzt. Nuancierte Anspielungen in Schlüsselszenen - etwa jene auf Thomas Mann und dessen Homosexualität - werden dem Publikum in aller Deutlichkeit erklärt: Das ist vielleicht nicht elegant, aber in der rund zwei Stunden dauernden Aufführung die effizienteste Methode, um Krachts Feinheiten nicht unerwähnt zu lassen.

Textvorlage im Mittelpunkt des Geschehens

Ergänzt werden die Kommentare durch Projektionen und szenische Fußnoten, die Multiinstrumentalist Jacob Suske (an diesem Abend am Piano, der Klarinette und für teils ohrenbetäubende Percussion verantwortlich) vorträgt. Dadurch wird die Textvorlage streckenweise so sehr in den Fokus gerückt, dass Gockels Inszenierung eher wie eine Auseinandersetzung mit Kracht und dessen Roman als dessen Inhalt scheint, was bei der kontroversen Rezeptionsgeschichte durchaus beabsichtigt scheint.

Szenenbild aus dem Theaterstück "Imperium"

Matthias Heschl

Stress in der Beziehung zwischen den Kokovoren (Schindegger, Link) - am Ende kann nur einer auf der Insel bleiben

Engelhardt scheitert, Gockel hat Erfolg

Spätestens als „Irgendwann bleib i dann dort“ von STS von Lichttechniker Oliver Kratochwill intoniert wird, ist die Inselstimmung perfekt - wenngleich Engelhardts Traum vom Orden der Kokovoren letztlich scheitert. Visuell stellt sich das als Demontage der zu einem beträchtlichen Teil aus Kokosprodukten bestehenden Bühne (Kostüm und Bühnenbild: Julia Kurzweg) dar.

Vor den Ruinen von Engelhardts Träumen belohnt das Publikum an diesem Abend den Mut der Schauspieler. Jubel gibt es auch für Regisseur Gockel, der Krachts „Imperium“ zugänglich auf die Bühne bringt. Neben einer großen Portion Unterhaltung wird Krachts Textvorlage von sämtlicher Unschärfe befreit: Gerade dieser Tage dürfte es Gockel offensichtlich ein Anliegen gewesen sein, keinen Raum für Missverständnisse zu lassen.

Florian Bock, ORF.at

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