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Beirut - Wien: „Da wie dort gefordert“

Bis zu vier Millionen Menschen haben seit dem Ausbruch des syrischen Bürgerkriegs im Jahr 2011 das Land verlassen - und es werden täglich mehr. Gerechnet auf die Einwohnerzahl ist der Libanon mit geschätzt zwei Millionen Schutzsuchenden das am meisten betroffene Land. Hilfsorganisationen fordern verstärkte Hilfe - für Caritas-Libanon-Präsident Paul Karam ist der Libanon aber auch eine „Botschaft“.

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Bei einer Krise wie dieser dürfe die internationale Gemeinschaft ein Land nicht alleinlassen, wie Karam bei einem Besuch von Caritas-Präsident Michael Landau im Libanon sagte. Die beiden forderten eine bisher fehlende Gleichbehandlung aller Länder und eine Berücksichtigung der zur Verfügung stehenden Ressourcen. „Der Libanon ist klein, Jordanien größer und die Türkei viel, viel größer“, sagte Karam.

Er zeigte sich mit Blick auf die vielen bereits bewältigten Krisen des Landes davon überzeugt, dass der Libanon auch diese Herausforderung meistern könne - es gebe aber etliche unberechenbaren Risiken. Zentrale Voraussetzung für eine Deeskalation sei ein Ende des Krieges im benachbarten Syrien - erst dann seien weitere, nachhaltige Schritte möglich.

„Wer hat diese Monster geschaffen?“

Angesprochen auf die Intervention von Russland, Frankreich und Großbritannien, aber auch der Beteiligung Deutschlands am Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in Syrien sparte Karam nicht mit Kritik an der internationalen Gemeinschaft. „Warum wurde viereinhalb Jahre gewartet? Wer hat diese Monster geschaffen? Wer stellt die Waffen her? Wer macht Profite auf dem Ölmarkt?“ Das seien nur einige der Fragen, die es zu beantworten gelte. Zudem sei Geld für Kriege bisher nie ein Problem gewesen, Geld im Kampf gegen Hunger aber sehr wohl. „Warum?“, fragte Karam.

Zur Lösung der Syrien-Krise forderte er „verstärkten Druck“ der internationalen Gemeinschaft und für die aus Syrien geflohenen Hilfesuchenden „reale Unterstützung und nicht nur Konferenzen“.

„Das ganze System könnte kollabieren“

Lobende Worte fand er für die nach wie vor große Hilfsbereitschaft der libanesischen Bevölkerung. Diese sei aber immer mehr selbst von der Krise betroffen - es bestehe die Gefahr, dass das gesamte System kollabiert. Hinweise dafür gebe es angesichts der zunehmenden Spannungen zwischen Libanesen und Syrern und auch mit Blick auf die wirtschaftlichen Folgen für das Land mehr als genug, so der Caritas-Libanon-Vorsitzende.

Die Schließung der Grenzen zu Syrien bezeichnete Karam als unausweichliche Maßnahme, sie habe gleichzeitig aber die Krise zusätzlich verschärft. Aus „legalen Toren“ sind „illegale Tore“ geworden. Flüchtlinge würden zur Illegalität gezwungen - zudem sei nun auch keine Kontrolle mehr möglich.

Landau: Libanon-Hilfe „entschieden weiterführen“

Für Landau steht fest, dass ungeachtet der „enormen Herausforderungen“, mit denen man in der laufenden Flüchtlingskrise auch in etlichen europäischen Ländern, darunter Österreich, konfrontiert ist, die Hilfe für den Libanon „entschieden“ weitergeführt und ausgebaut werden muss. Man sei „da wie dort gefordert, in Beirut wie in Linz, Salzburg und Wien“, so Landau weiter.

Christoph Schweifer und Michael Landauer von der Caritas Österreich bei einer Pressekonferenz

ORF.at/Peter Prantner

Caritas-Auslandschef Schweifer und -Präsident Landau: Unterstützung für Libanon unumgänglich

Im Libanon sehe man sich mit einer „extrem fordernden Situation“ konfrontiert. Auf drei Libanesen komme ein Flüchtling, das würde umgelegt auf Österreich, wo es bisher rund 90.000 Flüchtlinge zu betreuen gilt, 2,25 Millionen Flüchtlinge bedeuten.

400.000 syrische Kinder ohne Schule

Zuerst gehe es um das Überleben von Menschen. Mehrere 100.000 Menschen seien dem bereits begonnenen Winter schutzlos ausgeliefert. „Es geht um das Überleben von Menschen“, so Landau. Es gehe aber um mehr, vor allem um die von der Flüchtlingskrise besonders betroffenen Kinder. Abseits vom Recht auf Schutz und Zuneigung forderte der Caritas-Chef auch Zugang zu Bildung und Perspektiven. Mit Blick auf die rund 400.000 syrischen Flüchtlingskinder, die im Libanon derzeit nicht zur Schule gehen, warnte Landau vor der Gefahr einer „Lost Generation“. Dabei würden Kinder auch gebraucht, „um ihre Heimat wieder aufzubauen“.

Allein aus diesem Grund sei man nicht nur in Österreich, sondern auch im Libanon „weiterhin und intensiv gefordert“. Landau verwies auf die 560.000 zum großen Teil Richtung Deutschland weitergereisten Flüchtlinge, die es in den vergangenen Monaten an Österreichs Grenzen, auf Bahnhöfen und in Notunterkünften zu versorgen galt. Man habe „Geschichte geschrieben“, wie die Geschichte ausgeht, sei allerdings noch offen, so Landau.

Flüchtlingslager in der Bekaa-Ebene

ORF.at/Peter Prantner

Hilfsorganisationen fürchten eine „Lost Generation“

Zur Bewältigung der Krise müsse man an den Ursachen ansetzen. „Direkte Hilfe in Nachbarländern rettet Leben“, weswegen Landau nicht zum ersten Mal auf eine Umsetzung der per Regierungsabkommen beschlossenen Aufstockung des Katastrophenfonds auf 20 Millionen Euro plädierte. Obwohl bereits Dezember ist, seien die für dieses Jahr von der internationalen Hilfsgemeinschaft zugesagten Hilfsmittel für den Libanon nur zur Hälfte finanziert, so Landau.

„Größter Raubzug der Menschheit“

Auch nach viereinhalb Jahren finde die Katastrophe weiter statt, ergänzte der Auslandschef von Caritas Österreich, Christoph Schweifer. Immer mehr Menschen fehle es am Lebensnotwendigsten, aber auch an Perspektiven. Millionen Kindern sei „die Kindheit gestohlen“ worden, so Schweifer: Im Schatten des Krieges finde aus diesem Grund auch „einer der größten Raubzüge der Menschheit statt“.

Peter Prantner, ORF.at

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