Immer mehr Hürden für Hilfesuchende
1.070.189 Menschen sind derzeit im Libanon offiziell registriert, insgesamt wird die Zahl der aus dem Nachbarland Syrien gekommenen Hilfesuchenden auf das Doppelte geschätzt. An den reinen, nach wie vor ernüchternden Zahlen hat sich im Vergleich zum Vorjahr somit wenig geändert. Die Lage ist für die Hilfesuchenden, aber auch für den Libanon selbst, dennoch prekärer denn je zuvor.
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Außer Frage steht: Der Libanon war, ist und bleibt auch weiterhin eines von der laufenden Flüchtlingskrise am schwersten betroffenen Länder, und flächendeckende Hilfe für alle ist schon lange nicht mehr möglich. Mit zwei Millionen Flüchtlingen bei gleichzeitig nur rund vier Millionen Einwohnern verwundert das wenig. Zunehmend angespannt zeigt sich im mittlerweile fünften Jahr der Krise nun aber auch das Verhältnis zwischen Flüchtlingen und der libanesischen Bevölkerung.

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Blick in eine unsichere Zukunft: ein syrisches Flüchtlingskind im Libanon
Bei einem von der Caritas Österreich ermöglichten ORF.at-Lokalaugenschein wird auf vereinzelte Zwischenfälle verwiesen, darunter auch in Brand gesteckte Zelte. Noch sei es aber „relativ ruhig“, so der für die Caritas im Libanon tätige Stefan Maier, demzufolge „in Deutschland mehr Asylwerberheime in Brand gesteckt wurden“. Grundsätzlich dominiert in weiten Teilen des Landes noch immer die vielfach als beispiellos gelobte Hilfsbereitschaft.
Die Schließung der bis Anfang des Jahres noch offenen Grenze zu Syrien zeigt dennoch, dass das Land an seiner Belastungsgrenze angekommen ist. Nachhaltige Lösungsansätze gibt es weiterhin keine - ganz im Gegenteil: „Es wird schlimmer“, sagt dazu etwa der Leiter eines Schulprojektes für Flüchtlingskinder, der Caritas-Mitarbeiter Erik Van Ommering.

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In libanesischen Flüchtlingscamps herrschen trostlose Bedingungen
Nur offizielle Zahl leicht gesunken
Gründe dafür gibt es viele. Durch die Grenzschließung, vor allem aber durch den im Mai bei der UNO-Flüchtlingsbehörde (UNHCR) angeordneten Registrierungsstopp konnte lediglich die offizielle Flüchtlingszahl von zeitweise 1,3 Millionen auf rund eine Million reduziert werden. In direkter Folge steigt die Zahl der nicht erfassten Hilfesuchenden, und auf die Frage nach der Größenordnung lautet die Antwort meist: „Man weiß es nicht.“
Somit lässt sich auch die Zahl der weiterhin aus Syrien in den Libanon flüchteten Menschen - wenn überhaupt - nur mehr grob abschätzen. Wo diese unterkommen und versorgt werden, bleibt zudem ein großes Rätsel - ausreichend Wohnraum ist im Libanon bereits für registrierte Flüchtlinge Mangelware. Mancherorts sei nicht einmal eine Hundehütte zu finden, wie Maier bereits im Juli vergangenen Jahres die Lage im Libanon beschrieb.

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Bis Anfang des Jahres kamen an diesem Grenzübergang täglich Tausende Flüchtlinge von Syrien in den Libanon - nun herrscht gespenstige Ruhe
Teils seit viereinhalb Jahren fristen die aus Syrien Geflüchteten in Rohbauten, Kellern und improvisierten Zeltlagern ein immer trostloseres Dasein. Nun gilt es erneut, den Winter zu überstehen, und dieser ist auch im Libanon frostig, vor allem in den Bergen sinken die Temperaturen weit unter null Grad. Was fehlt, sind aber nicht nur winterfeste Unterkünfte - zwischen Dezember und März verlieren viele auch ihre einzige Einnahmequelle: Die sonst für wenig Geld arbeitenden syrischen Flüchtlinge werden am Bau und in der Landwirtschaft über die Wintermonate nicht gebraucht.
Aufgebrauchtes Erspartes
Ob Lebensmittel, Hygieneartikel, Medikamente, wärmende Decken oder Heizmaterialien - selbst das Lebensnotwendigste fehlt an allen Ecken und Enden. Damit nicht genug: Im Libanon müssen die Flüchtlinge mangels offizieller Flüchtlingsunterkünfte auch Miete bzw. Pacht zahlen. 250 Euro pro Monat sind es laut einer Flüchtlingsfamilie etwa für einige wenige Quadratmeter in einem windigen Rohbau im gebirgigen Hinterland von Beirut. 120 Euro pro Monat kostet ein Zeltplatz in einem der inoffiziellen Camps der direkt an Syrien grenzenden Bekaa-Ebene, wie ein weiterer Betroffener gegenüber ORF.at schildert.
Geld, das viele nicht bzw. nicht mehr haben. Nachdem er vor drei Jahren vor der syrischen Armee in den Libanon geflohen sei, sei das Ersparte nun aufgebraucht, sagt dazu ein dreifacher Vater, der nach einem Unfall auf einer Baustelle auch nicht mehr arbeiten kann. Was bleibt, sind die von umgerechnet 36 auf zuletzt zwölf Euro pro Person und Monat reduzierte Finanzspritze des Welternährungsprogramms der Vereinten Nationen (WFP) sowie Gutscheine für Lebensmittel und Hygieneartikel, mit denen diverse Hilfsorganisationen die Flüchtlinge unterstützen.

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Nach drei Jahren sind alle Reserven aufgebraucht
Mit mittlerweile 2.000 Euro Miete im Rückstand und dem noch im Dezember drohenden Rauswurf aus der seit drei Jahren bewohnten trostlosen Unterkunft hat die Familie nun auch ihre letzten Perspektiven verloren. Das gilt auch für die als „gestrichen“ betrachtete Rückkehr nach Syrien, aber auch für eine neuerliche Flucht, „wohin auch immer“.
Registrierung als kostbares Gut
Wie für viele andere gilt auch für diese Familie das Verlassen des Landes als nicht ausgeschlossene, aber kaum realistische Möglichkeit. Allein die von Schleppern geforderten mehreren tausend Euro pro Person kann ein Großteil der im Libanon Gestrandeten aus eigener Kraft schlichtweg nicht aufbringen. Wie vielen der im Libanon untergebrachten Flüchtlinge dennoch die Flucht nach Europa gelungen ist, konnte Nadjia Hafsa vom UNHCR Libanon nicht sagen. Hinweise gebe es lediglich mit Blick auf gestrichene und abgelaufene Registrierungen, wonach UNHCR-Einschätzungen zufolge bis zu 80.000 nach Europa weitergereist, aber auch nach Syrien zurückgekehrt sein könnten.
Die Aussetzung der Registrierungen macht nicht nur eine Einschätzung der Lage immer schwieriger - sie hat auch direkte Konsequenzen für die Flüchtlinge. Erst eine Registrierung gibt ihnen etwa ein Anrecht auf viele Hilfsleistungen. Verwehrt bleibt Nicht-Registrierten auch der Zugang zu Arbeitsplätzen. Dazu kommt die eingeschränkte Bewegungsfreiheit: An den zahllosen Checkpoints des Landes droht jederzeit eine Kontrolle und nicht registrierten Flüchtlingen die Haft.

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Hinweis auf das Ausmaß einer Krise: UNHCR-Registrierungszertifikate gelten mittlerweile als begeehrtes Gut
Bereits UNHCR-Registrierungszertifikate, aber auch die davon abhängigen Aufenthaltsgenehmigungen gelten im Libanon somit als begehrtes Gut. Die Kosten von umgerechnet rund 180 Euro pro Person und Jahr für Letztere stellen aber eine neue Hürde für die Flüchtlinge dar. Sollte er die Gebühr nicht bezahlen, werde seine abgelaufene Aufenthaltsbewilligung zerschnitten, so der 62-jährige Mahmut, der angesichts der drohenden Repressalien bereits nicht mehr wagt, das Flüchtlingslager zu verlassen.

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Mahmut fürchtet um seine Aufenthaltsgenehmigung
Lager bei Checkpoints geräumt
Die vielfach als Willkür der Behörden aufgefassten Neuerungen wurden auch in einem weiteren Flüchtlingscamp der Bekaa-Ebene beklagt. Bereits wegen der vom Landbesitzer nicht verlängerten Pacht zum Umzug gezwungen wurde die nachfolgende Unterkunft für mehrere hundert Flüchtlinge nun erneut geräumt. Grund dafür war die zuletzt von den libanesischen Streitkräften für militärische Einrichtungen eingeführte Bannmeile. Im Umkreis von 500 Metern sind seitdem keine Flüchtlingslager mehr erlaubt.

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Verbotener „Luxus“ in einem Flüchtlingscamp der Bekaa-Gemeinde Bar Elias
Dazu kommen Einschränkungen beim Aufbau neuer Camps, etwa mit einer jüngst eingeführten Höchstzahl von 50 Zelten pro Lager. Der Aufbau neuer Zelte geht zusätzlich ins Geld. Sieben Euro pro Balken und 18 Euro pro Plane wurden von den auf einer Zeltbaustelle arbeitenden Flüchtlingen als Beispiele genannt. Nur unter vorgehaltener Hand verwiesen diese aber auch auf die gerade durchgeführten Arbeiten: Obwohl es strikt verboten ist, wurde ein Betonboden verlegt, und das kommt in den mehr Verschlägen als Zelten gleichenden Flüchtlingsunterkünften der Bekaa-Ebene bereits einem Luxus gleich.
Peter Prantner, ORF.at
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